Dortmund - Kann eine Kopie besser sein als das Original? Und ob! Mit extremem Pressing hat Bayer 04 Leverkusen nicht nur Borussia Dortmund mit den eigenen Waffen geschlagen. Die ambitionierte Werkself hat in der noch jungen Saison auch ein erstes, dickes Ausrufezeichen gesetzt, das nicht nur für den nächsten Auftritt gegen Kopenhagen am Mittwoch Mut macht.

Torhüter Bernd Leno strahlte über "ein geiles Team", der neue Rekordtorschütze Karim Bellarabi, der schon nach neun Sekunden getroffen hatte, betonte den "großen Spaß, wenn es so gut läuft und wir alles so gut umsetzen können". Keine Frage: Der 2:0-Sieg in Dortmund zum Auftakt der neuen Saison war genau die Bestätigung, die das Bayer-Team für sich und seine neue Spielidee brauchte.

Neues Offensivspiel mit überfallartigen Angriffen

Extremes Pressing, schnelles Umschaltspiel, überfallartige Angriffe - die Philosophie des neuen Trainers Roger Schmidt scheint die Mannschaft schon bestens verinnerlicht zu haben. Auch der Coach selbst war voll des Lobes für die neuen Pressing-Könige der Liga: "Das Spiel hätten wir uns nicht schöner malen können. Wir haben viele Dinge richtig super gemacht, den Gegner permanent attackiert und sind superaktiv gewesen."

Es waren gleich mehrere Erkenntnisse, die Schmidt und Bayer neben den drei Punkten aus Dortmund mitnehmen konnte und die ein Faktor für eine erfolgreiche Saison werden können. Am auffälligsten natürlich das neue Offensivspiel mit überfallartigen Angriffen. Teilweise drei, vier Spieler laufen schon die Abwehrspieler aggressiv an, um dann nach der Balleroberung blitzschnell umzuschalten. Nach vorne geht es zielstrebig und mit hohem Tempo, was nicht nur beim schnellsten Tor der Liga-Geschichte sichtbar wurde. Über vier Stationen ging es nach dem Anstoß geradewegs nach vorne, bis Bellarabi vollendete. Neuzugang Hakan Calhanoglu initiierte einige vielversprechende Vorstöße.

Dass Bayer mit seiner neuen Spielweise auch Probleme bekommen könnte, deutete sich zum Saisonauftakt nur ansatzweise an. Roger Schmidt wird mit Blick auf die nächsten Wochen aber aufmerksam registriert haben, dass seine Mannschaft große Räume anbietet, wenn man ihr bissiges Forechecking einmal überwunden hat. Der BVB konnte das nicht nutzen, weil das eigene Passspiel viel zu fehlerhaft und ungenau war. Doch hier bietet Bayer Angriffsfläche.

Solide Abwehrarbeit und gelegentliche Konter

Außerdem bleibt abzuwarten, wie groß der Kraftverlust im Laufe einer langen Saison wird. Denn Schmidts Philosophie verlangt nicht nur viel Leidenschaft, sondern vor allem auch eine hohe Laufbereitschaft. "Gegen Dortmund war es schon sehr intensiv und kraftaufreibend", stellte Stefan Kießling fest. Wie man innerhalb einer Partie damit umgehen kann, zeigte Bayer aber in Dortmund selbst. Statt bedingungslos 90 Minuten im Hurra-Stil nach vorne zu rennen, setzte Leverkusen in der Schlussphase auf solide Abwehrarbeit und gelegentliche Konter. Einen davon vollendete Kießling zum 2:0-Endstand.

Der Torschütze selbst lobte nach der Partie ausdrücklich die Defensive: "Wir standen hinten bombensicher!" Im Vergleich zum Champions-League-Playoffspiel in Kopenhagen wirkte die Abwehr der Leverkusener konzentrierter und auch bei Standards sicherer. Ein Punkt, der mit Blick auf das Rückspiel gegen die Dänen am Mittwoch zusätzliches Selbstvertrauen geben dürfte. In ganz starker Form präsentierte sich gegen den BVB zudem Gonzalo Castro, der als ein Part der Doppel-Sechs durch die Mitte fast nichts zuließ, bei Bedarf auch außen präsent war und so in der Defensivarbeit zu einem entscheidenden Faktor wird.

Zahlreiche personelle Möglichkeiten

Eine zusätzliche Erkenntnis aus dem Saisonauftakt, der die frühe Euphorie der Bayer-Fans weiter anheizen dürfte: Die Mannschaft 2014/15 ist richtig breit aufgestellt und bietet dem Trainer zahlreiche personelle Möglichkeiten, dem Spiel auch von der Bank aus Impulse zu geben.

In Dortmund ersetzte Stefan Reinartz mit frischen Kräften nach einer Stunde positionsgetreu Simon Rolfes, in der Offensive konnte der junge Julian Brandt in der zweiten Halbzeit für frischen Schwung sorgen und Kyriakos Papadopoulos war zum Ende eine gute Option zur Stabilisierung der Defensive. Dazu hat Roger Schmidt noch Spieler wie Josip Drmic, Lars Bender oder Levin Öztunali in der Hinterhand - es hat schon schlechtere Perspektiven gegeben für Bayer 04.

Dietmar Nolte