Stuttgart - Am Ende des Tages brachte es Thorsten Kirschbaum auf den Punkt. "Dem Spiel der Leverkusener waren wir vor allem zu Beginn der Partie einfach nicht gewachsen", diktierte der Stuttgarter Torwart den wartenden Journalisten in die Notizblöcke.

In der Tat waren die Schwaben der Truppe von Bayer 04 Leverkusen 45 Minuten lang hoffnungslos unterlegen und konnten mit einem 0:3 zur Halbzeit beinahe noch zufrieden sein. So sahen die Machtverhältnisse in der Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena aus:

  • Heu-Ming Son: Nicht zu stoppen und zweifacher Torschütze mit Traumtor.

  • Karim Bellarabi: Pfeilschnell, trickreich und Torschütze.

  • Hakan Calhanoglu: Dirigent, Passgeber, Chef im Mittelfeld.

Die Positiv-Liste des Leverkusener Spielerzeugnisses ist lang, keine Ausfälle weit und breit, die Rheinländer zeigten in der ersten Halbzeit eine Leistung, die man so selten beim VfB Stuttgart gesehen hat.

Führung leichtfertig aus der Hand gegeben

Jetzt das große ABER: Die Glanz-Leistung hielt nur 45 Minuten. Am Ende hieß es 3:3, die Leverkusener hatten eine haushohe   Führung leichtfertig aus der Hand gegeben. "Wenn man trotz 3:0-Führung nur einen Gang zurückschaltet, dann kriegt man auch gegen kriselnde Stuttgarter ein Problem", sagte Bayer-Sportdirektor Rudi Völler, dem das Unverständnis anzusehen war.

Mit Beginn der zweiten Halbzeit präsentierten sich die Leverkusener komplett verwandelt – im negativen Sinn. Die Stuttgarter – davor komplett am Boden – drehten auf, kämpften und boten Paroli. Und Bayer? Wirkte konsterniert, behäbig, keine  Spur vom zuvor gezeigten Elan und der brillanten Spielkunst.

"Müssen aus solchen Spielen lernen"

Coach Roger Schmidt war in seiner Analyse dann auch ein wenig ratlos: "Nach der Pause haben wir es versäumt, die Spannung hochzuhalten. Wir haben nicht aggressiv genug gegen den Ball gearbeitet und kassieren das 1:3 zu einfach", so Schmidt. "Nach einer solchen ersten Hälfte kann ich nicht zufrieden sein mit einem Punkt. Aus solchen Spielen müssen wir lernen."

Vor allem die jungen Spieler wie ein Tin Jedvaj, Julian Brandt, aber auch Hakan Calhanoglu wirkten spätestens nach einer Stunde Spielzeit müde und bekamen keinen Zugriff mehr auf Gegenspieler. Immer seltener konnten sich die Leverkusener vom Stuttgarter Druck befreien, am Ende hätten sie sogar noch verlieren können.

Blick in Richtung Königsklasse

Am Mittwoch geht es nun in der Champions League gegen St. Petersburg (Champions-League-Gruppenphase). Ein enorm wichtiges Spiel, um in der Königsklasse die nächste Runde zu erreichen. Ein Sieg muss her, das wissen auch die Bayer-Verantwortlichen. "Natürlich war das in Stuttgart eine gefühlte Niederlage", gab Völler offen zu. "Aber die Champions League ist ein anderer Wettbewerb. Zudem spielen wir zu Hause. Da ist ein Sieg für uns möglich."

Auch sein Spieler Karim Bellarabi blieb am Samstagabend positiv. "Klar, wir sind jetzt erst einmal frustriert. Aber für die Champions League hat dieser Rückschlag keine Bedeutung", so der Neu-Nationalspieler gegenüber bundesliga.de. "Wir analysieren die Partie und dann geht der Blick nach vorne."

Vollgas über 90 Minuten

Die Analyse allerdings ist vonnöten. Einen einzigen Sieg haben die Rheinländer aus den letzten sechs Partien eingefahren, eine Schreckens-Bilanz gemessen an den Ansprüchen. Die Schmidt-Truppe muss aufpassen, dass ihnen nicht schnell das Etikett der Schönspieler anhaftet, mit dem sie ja schon des Öfteren konfrontiert wurden. Auch deshalb appellierte Schmidt am Samstagabend noch einmal an seine Spieler: "Wir müssen aus diesem Spiel lernen und die richtigen Schlüsse ziehen." Und auch Völler redete noch einmal Klartext: "Gegen St. Petersburg müssen wir Gas geben – aber über 90 Minuten." Denn: 45 Minuten ist zu wenig – das weiß man nach dem Ausflug ins Schwabenland.

Jens Fischer