Köln - Nach einem harten Abstiegskampf in der letzten Saison war das Ziel des VfB Stuttgart schnell definiert: eine sorgenfreie Saison. Nach einer Hinrunde, die inklusive Rücktritt des Trainers auf dem 16. Tabellenplatz endete, ist spätestens klar, die Schwaben sind noch nicht in ruhigeren Fahrwassern angekommen.

In der Serie "Baustellen der Clubs" nimmt bundesliga.de ausgewählte Bundesligisten unter die Lupe und analysiert anhand von Statistiken Probleme in der Hinrunde und mögliche Lösungen.

Die Achillesferse des VfB ist die Defensive. 36 Gegentore in 17 Spielen bedeuten die viertmeisten Gegentreffer aller Bundesligisten. Kein anderes Team ist zudem so anfällig bei Standardsituationen.

1. Problem: In der Luft ohne Duchsetzungsvermögen

Der VfB kassierte nach ruhenden Bällen bereits 13 Gegentore und hat besonders in der Luft oft das Nachsehen. 45 gegnerische Abschlüsse per Kopf sprechen eine deutliche Sprache. Nur 403 Defensivkopfbälle wurden von den Schwaben in der Hinrunde gespielt. Ligaweit steht in diesem Ranking nur der Meister vom FC Bayern schlechter da. Was bei durchschnittlichen Spielanteilen Prozent des FCB pro Partie aber schnell relativiert ist, da die Gegner so sowieso kaum zu Chancen kommen. Interessanterweise ist die Quote der gewonnenen Luftzweikämpfe in der Defensive mit 60 Prozent (Platz zehn der Bundesligisten) gar nicht schlecht. Sieben Gegentore per Kopf aber schon, der VfB ist hier 16. im Teamvergleich.

Dass mit Georg Niedermeier ein etatmäßiger Innenverteidiger und Stabilisator der Viererkette im Abstiegskampf der letzten Saison einen Großteil der Hinrunde nicht mitmischen konnte, ist mit Sicherheit nicht von Vorteil. Zunächst vertraute Armin Veh den Youngstern mehr, nach dem Trainerwechsel plagte sich Niedermeier mit Oberschenkelproblemen. Karim Haggui spielt in dieser Runde - wie auch schon letzte Saison - noch überhaupt keine Rolle. Der Tunesier wird als möglicher Abgang gehandelt um Platz im Gehaltsgefüge zu schaffen.

Die komplette Last der zentralen Defensivarbeit verteilt sich so auf drei Schultern. Mit einem Durchschnittsalter von knapp 21,6 Jahren fehlt es Nationalspieler Antonio Rüdiger, Daniel Schwaab und Youngster Timo Baumgartl allerdings an einem erfahrenen Führungsspieler, der auch durch die Art und Weise des Zweikampfverhaltens sowie der Ausstrahlung auf dem Platz vorne weg geht.

Die Lösung: Mehr Erfahrung in der Abwehr

Dass solch ein Spielertypus im Januar nicht unbedingt wie reife Kirschen von den Bäumen fällt, ist Coach Huub Stevens bewusst. "In der Winterpause halte ich es für relativ schwierig, die richtigen Spieler zu finden, die sofort weiterhelfen können", sagte der Niederländer im Gespräch mit bundesliga.de. Wohlwissend, dass gestandene Profis wie Felipe Santana (FC Schalke 04, 69,9 % gewonnener Luftduelle in 306 Spielminuten) oder Timm Klose (VfL Wolfsburg, 86,7 %, 181 Minuten), die möglicherweise in das Anforderungsprofil der Stuttgarter passen, mit Vernunft nicht zu finanzieren sind. "Wir müssen auch immer unsere finanzielle Situation im Auge behalten", so Stevens.

Der 61-Jährige ist sicher, dass die Qualität dafür vorhanden ist: "Wir glauben fest daran, dass dieser Kader das Zeug hat, um die Klasse zu halten." Ein Grund für Stevens’ Optimismus könnte aber auch Georg Niedermeier sein, der bereits in der Rückrunde der vergangenen Spielzeit ein Muster an Wille und Leistung war und die jungen Talente um sich herum anführte.

2. Problem: Keine Torgefahr der Stürmer

20 Tore hat der VfB Stuttgart erzielt, nur vier davon wurden von nominellen Angreifern geschossen. Dabei sticht der erst 18-jährige Timo Werner (Bild gegen den SC Freiburg) mit drei Treffern hervor. Die Not im Sturm war teilweise so groß, dass Top-Torjäger Martin Harnik (fünf Tore) im Angriff eingesetzt wurde. Das ist zwar keine schlechte Option, allerdings nur, wenn Harnik dann im Mittelfeld adäquat ersetzt werden kann.

Dass die Bindung zwischen Mittelfeld und Sturm ein Teil des Problems ist, zeigt sich in der Zahl der Stürmer-Torschüsse. Nur 41 Mal (2,4 Mal pro Spiel) schossen die Angreifer der Schwaben auf das Tor. Die Offensivabteilung kreiert also zu wenige Schussgelegenheiten, das ist ein Tatsache, die man nicht allein der vordersten Angriffsreihe anlasten kann.

Die Lösung: Comebacks, Comebacks, Comebacks

Da der VfB Stuttgart wie oben erwähnt finanziell nur begrenzten Spielraum hat, muss Huub Stevens auf das zurückgreifen, was er hat. Das ist aber in der Rückrunde im Vergleich zu den ersten 17 Spielen eine ganze Menge. Mit Vedad Ibisevic kehrt der Angreifer Nummer eins zurück. Letzte Saison traf Ibisevic zehn Mal, in dieser Spielzeit stand er wegen Verletzungsproblemen nur sieben Mal auf dem Feld und konnte noch keinen Treffer bejubeln.

Große Hoffnungen werden auch in die Rückkehr von Daniel Didavi gesetzt, der im Laufe der Rückrunde wieder voll dabei sein soll und die Kreativität im Mittelfeld beleben kann. Und sollte Mohammed Abdellaoue (Bild) nach seiner Verletzungspause endlich wieder in Form kommen, hat Stevens sogar mehrere Optionen in der Offensive. Nicht zu unterschätzen ist zudem die Vorbereitung, die der VfB im Sommer noch unter Armin Veh absolvierte.

Thomas Ziemann, Sebastian Stenzel, Daten: Tobias Anding