Köln - Manchmal kann ein Blick auf die Statistiken durchaus trügerisch sein. Mit nur 19 Gegentoren in 17 Spielen stellt der Hamburger SV die viertbeste Defensive der gesamten Bundesliga. Dennoch grüßt der “Dino“ mit nur 17 Punkten vom 14. Tabellenplatz und steckt wieder einmal voll im Abstiegskampf. Die Probleme des HSV liegen auf der anderen Seite des Feldes. Offensiv läuft bislang noch nicht viel zusammen.

In der Serie "Baustellen der Clubs" nimmt bundesliga.de ausgewählte Bundesligisten unter die Lupe und analysiert anhand von Statistiken Probleme in der Hinrunde und mögliche Lösungen.

1. Problem: Keine Torgefahr, keine Durchschlagskraft

Die größte Baustelle der Hamburger ist schnell definiert. Dem Offensivspiel geht Torgefahr und Durchschlagskraft ab. Vor allem die etatmäßigen Angreifer konnten in dieser Saison noch überhaupt nicht überzeugen. Erst schlappe drei Tore gehen auf das Konto von Pierre-Michel Lasogga (2) und Artjoms Rudnevs. Mit Abstand die schlechteste Ausbeute der Liga.

Besonders dramatisch wird diese Zahl jedoch erst, wenn man die abgegebenen Torschüsse mit hinzuzieht. 63-mal versuchten sich die Stürmer des HSV in der Hinrunde. Immerhin der siebtbeste Wert ligaweit. Das bedeutet aber, dass lediglich jeder 21. Schuss seinen Weg ins gegnerische Tor gefunden hat. Tabellennachbar Hertha BSC benötigte nur 3,6 Versuche für einen Treffer – Spitzenwert.

An der mageren Ausbeute tragen aber nicht nur Lasogga und Rudnevs Schuld, die Abschlussschwäche zieht sich durch alle Mannschaftsteile. Insgesamt feuerten die Rothosen 203 Schüsse ab. Davon schlug nur jeder 25. ein.

Das Offensivspiel ist zudem zu statisch und der HSV damit für den Gegner ein offenes Buch. Sechs der neun Treffer wurden durch die Mitte herausgespielt, immerhin drei über die rechte Seite. Die linke Seite hingegen strahlt bislang noch gar keine Gefahr aus. Ob Marcell Jansen, Zoltan Stieber, Lewis Holtby oder Nicolai Müller, sie alle konnten die offensiven Außenbahnen nicht konstant mit Leben füllen. Kapitän Rafael van der Vaart quälte sich mit Wadenproblemen in die Saison, ging gegen Ende der Hinrunde aber als Führungsspieler vorne weg. Dem Niederländer fehlt es allerdings Tempo und Spritzigkeit vergangener Jahre.

Es fehlt ein Spieler, der Löcher in die gegnerischen Abwehrreihen reißen kann. Ein Spieler, der sich flink zwischen den Linien bewegt und auch den Zug bis zur Grundlinie hat.

Die Lösung: Ein Rückkehrer - oder ein Neuzugang?

Die Verantwortlichen wissen um die Schwachstelle und arbeiten an einer Lösung. "Es ist ja bekannt, dass wir versuchen, in unserem Offensivbereich noch etwas zu tun“, sagt der Vorstandvorsitzende Dietmar Beiersdorfer, der aber auch die Tücken der aktuellen Transfersituation kennt: "Das ist nicht so einfach im Wintertransfermarkt. Der ist total unterschiedlich zum Geschehen im Sommer. Wir versuchen das Bestmögliche zu tun, ich kann aber im Moment noch nichts verkünden.“

Hoffnung macht auch die Rückkehr von Maximilian Beister. Nach 12 Monaten Verletzungspause feierte der 24-Jährige beim Testspiel des Hamburger SV gegen Eintracht Frankfurt (3:2) sein Comeback – und traf gleich zum 1:0. Trotz des guten Einstands wird Beister aber wohl noch einige Wochen brauchen, bis er voll auf Wettkampfniveau ist.

2. Problem: Die Standardschwäche

Bärenstarke 16 Treffer erzielte der HSV in der vergangenen Saison nach ruhenden Bällen und rangierte damit unter den Top fünf der Bundesliga. Seit dem Abgang von Standard-Spezialist Hakan Calhanoglu Richtung Bayer Leverkusen geht aber nicht mehr viel. Erst drei Treffer konnte man nach Standards verbuchen. Gemeinsam mit dem SC Paderborn der schlechteste Wert im Oberhaus.

Die Lösung: Training!

Den Zauberfuß von Calhanoglu kann man natürlich nicht einfach so ersetzen, Torgefahr durch Standard-Situationen aber durchaus einstudieren. Nie zuvor war es beispielsweise leichter, einen ruhenden Ball direkt zu verwandeln – dem Freistoßspray sei dank. Das belegen auch die Daten: An den ersten sieben Spieltagen ohne Spray fielen sechs Tore (Schnitt pro Spieltag: 0,9). An den zehn Spieltagen mit Spray satte 17 Treffer (Schnitt pro Spieltag: 1,7).

Wie wichtig gut getretene Standards für eine erfolgreiche Saison sind, weiß man an der Elbe. “Standards sind vor allem beliebte Tore zum 1:0“, erklärte Sportchef Peter Knäbel, der auch Lösungsansätze für das Problem parat hat. “Standards sind eine Frage des Trainings und der Beharrlichkeit. Man kann es besser machen, indem man es trainiert – oder indem man es einkauft!“

Da Freistoßspezialisten nicht an den Bäumen wachsen und vor allem im Winter für den Hamburger SV nicht zu finanzieren wären, bleibt nur Option Nummer eins: Training, Training, Training.

Von Thomas Ziemann, Daten: Tobias Anding