Zusammenfassung

  • Bastian Oczipka ist in seiner ersten Saison auf Schalke gleich unangefochtener Stammspieler

  • Der Außenverteidiger spricht im Interview über die Fans auf Schalke und Trainer Domenico Tedesco

  • Oczipka: "Ich bin kein Spieler, der seine Vereine wie die Unterhose wechselt"

Gelsenkrichen - 17 von 18 möglichen Spielen – das ist eine Top-Bilanz, noch dazu für einen Neuzugang. Bastian Oczipka hat den Wechsel von der Frankfurter Eintracht zum FC Schalke 04 mit Bravour bestanden. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht der 29-jährige Außenverteidiger über seine Erfahrungen mit der ganz besonderen Atmosphäre auf Schalke, er lobt Trainer Domenico Tedesco und er beweist große Empathie mit seinen Überlegungen zu den Lebensumständen der Schalker Fans.

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bundesliga.de: Herr Oczipka, wenn man zu einem neuen Verein wechselt, noch dazu ein Top-Club wie der FC Schalke 04, und in 18 möglichen Spielen 17mal über die volle Distanz auf dem Platz, hat man wohl alles richtiggemacht.

Bastian Oczipka: Ich bin wirklich froh, dass es bisher so gut gelaufen ist – sowohl für mich persönlich, wie auch für die ganze Mannschaft. Wir haben eine sehr positive Hinrunde gespielt. Und ich glaube, das hat dem gesamten Verein sehr gut getan.

bundesliga.de: Sie haben unter anderem für St. Pauli und die Frankfurter Eintracht gespielt. Auch das sind Clubs, die eine große Fan-Kultur haben. Was ist auf Schalke dennoch anders, vielleicht sogar größer?

Oczipka: Was ich in diesem Ausmaß bisher nicht kannte, ist, wie viele Menschen zu unseren Trainings kommen. Gerade, wenn das Wetter etwas besser ist, stehen um den Trainingsplatz herum so viele Fans, dass später kaum ein Durchkommen möglich ist. Auch ins Trainingslager begleiten uns so viele Fans und Fan-Clubs, wie ich es zuvor noch nicht erlebt habe. Im Sommertrainingslager in Österreich hatten wir zum Beispiel ein Fan-Treffen mit rund tausend Fans – Wahnsinn!

"Ich bin jetzt näher an meiner Heimat, kann Eltern und Freunde häufiger sehen. Das ist besonders schön, weil ich im Oktober Vater gewiorden bin"

bundesliga.de: "Kaum ein Durchkommen" – das führt zwangsläufig zu einer großen, auch körperlichen Nähe zu den Fans, mit der nicht jeder klarkommt...

Oczipka: Das ist für mich kein Problem. Ich bin mir bewusst, dass wir unseren Fans sehr viel zu verdanken haben. Die Veltins-Arena ist bei jedem Spiel voll, und auch bei Auswärtsspielen nehmen die Fans selbst weiteste Anfahrten in Kauf, um uns zu unterstützen. Da ist die kleine Geste, wenn man sich mal ein paar Minuten Zeit nimmt für ein Autogramm oder ein Foto, das Mindeste, was wir zurückgeben können. Das ist einfach unsere Verpflichtung.

Bastian Oczipka avanciert beim S04 gleich zum Leistungsträger © DFL DEUTSCHE FUSSBALL LIGA / Lukas Schulze / Getty Images

bundesliga.de: Demnach mussten Sie bisher wohl kaum zum "Strafdienst" im Fan-Shop antreten, etwa wegen eines verweigerten Autogramms?

Oczipka: Bisher ist das noch nicht passiert. Aber schauen wir mal, wie es weitergeht. (lacht)

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bundesliga.de: Die Veltins-Arena ist deutlich größer als das Millerntor-Stadion und übertrifft auch die Commerzbank-Arena. Hamburg und Frankfurt aber sind – nicht nur im Vergleich mit Gelsenkirchen – Weltstädte. Wie erleben Sie diese Veränderung?

Oczipka: Das ist ein extremer Unterschied, das muss man ganz klar sagen. Ich habe in der Jugend in Bergisch Gladbach und in Leverkusen gespielt, also in unmittelbarer Nähe zu Köln. Später war ich in Hamburg und in Frankfurt zuhause. Alle drei Städte gehören zu den fünf größten in Deutschland. Gelsenkirchen aber ist deutlich kleiner und bietet sicher nicht die Möglichkeiten einer Millionenstadt. Dafür bin ich nun aber wieder viel näher an meinem Heimatort Bergisch Gladbach und kann meine Eltern und meine Freunde häufiger sehen. Das ist besonders schön, weil ich im Oktober Vater geworden bin, und die Familie nun öfter zusammenkommen kann.

"Ich halte es für sehr wichtig, dass man sich ernsthaft mit dem eigenen Verein und den Menschen im und um den Verein herum auseinandersetzt"

bundesliga.de: Gelsenkirchen ist nicht nur kleiner, sondern hat auch unter dem Strukturwandel gelitten und leidet immer noch. Macht man sich als Bundesliga-Profi Gedanken über die Sorgen, die manch einen Schalke-Fan da umtreiben mögen?

Oczipka: Kürzlich hat mir ein Freund einen Artikel zugeschickt, der sich damit befasst hat, dass die Menschen in Gelsenkirchen im Bundesvergleich das geringste Netto-Einkommen überhaupt haben. Das macht mich sehr nachdenklich. Umso mehr, wenn man miterlebt, wie sehr die Fans uns und den Verein dennoch jede Woche unterstützen, sei es durch ihre Anwesenheit im Stadion oder auch durch den Kauf von Fan-Artikeln. Schalke ist für viele Fans der vielleicht größte Lebensinhalt. Umso mehr steht außer Frage, dass wir für sie da sind, wenn sie sich mal ein Foto oder ein Autogramm wünschen.

bundesliga.de: Schon die Tatsache, dass Ihnen ein Freund ausgerechnet einen solchen Artikel schickt, zeigt, dass Ihr Interesse an Schalke offensichtlich über das Rasen-Viereck hinausgeht?

Oczikpa: Ich bin kein Spieler, der seine Vereine wie die Unterhose wechselt. Und ich halte es für sehr wichtig, dass man sich ernsthaft mit dem eigenen Verein und den Menschen im und um den Verein herum auseinandersetzt und identifiziert. Ich will einfach wissen, wie "mein" Club tickt und wie die Leute ticken. Das habe ich auch bei meinen früheren Clubs stets so gehalten und sollte schon im eigenen Interesse liegen. Nur so wird man wirklich ankommen im neuen Verein und sich dort wohlfühlen.

Bastian Oczipka möchte mit Königsblau noch eine Menge erreichen © DFL DEUTSCHE FUSSBALL LIGA / Maja Hitij / Getty Images

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bundesliga.de: Wie haben Sie Schalke und seine Fans in der Vergangenheit als Gegner wahrgenommen, wenn Sie hier antreten mussten?

Oczipka: Ich kann mich noch gut entsinnen, dass auf Schalke eigentlich kaum einmal etwas zu holen war, wenn ich mit der Eintracht zu Gast war. Damals war ich noch ein ganz junger Kerl, und meist kamen Jefferson Farfan und Atsuto Uchida über meine Seite. Das war nicht ohne! (lacht) In der vergangenen Saison haben wir auf Schalke allerdings mit 1:0 gewonnen. Da hat man gesehen, dass bei Schalke irgendetwas nicht ganz stimmte. Am Ende war man nur Zehnter, und dort gehört Schalke wirklich nicht hin.

bundesliga.de: Wie wichtig war für Ihre Entscheidung für Schalke, dass der Wechsel nicht nur für Sie persönlich ein Neuanfang war, sondern dass auch der Club selbst einen Neuanfang gewagt hat?

Oczipka: Bei den Gesprächen mit Trainer Domenico Tedesco und Manager Christian Heidel hat man mir eindrucksvoll vermittelt, dass man tatsächlich einen Neuanfang starten und ein frisches Binnenklima im Club etablieren will. Das macht es für einen neuen Spieler ohne Frage einfacher, wenn alle auf demselben Level starten und gemeinsam das Ziel verfolgen können, etwas zu bewegen.

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bundesliga.de: Platz zwei zur Winterpause hat gezeigt, dass es dem Trainer recht schnell gelungen ist, der Mannschaft seine Vorstellungen zu vermitteln. Was zeichnet Tedesco aus?

Oczipka: Ich glaube, der Trainer wurde in den vergangenen Monaten schon genug gelobt. (lacht) Nein, im Ernst, er macht das sehr gut und versteht es, uns sein enormes Wissen so zu vermitteln, dass wir seine Ideen umsetzen können. Auch seine Mannschaftsführung ist überzeugend, was sich schon darin zeigt, dass es bei uns keine murrenden Spieler gibt – auch nicht unter denen, die vielleicht nicht so oft zum Einsatz kommen. Gerade die nimmt der Trainer mit und gibt ihnen das Gefühl, dass auch sie wichtig sind für unseren Erfolg.

bundesliga.de: Sie sind nur wenig jünger als Ihr Trainer und gerade 29 geworden. Da ist man als Profi...

Oczipka: ...“in der Blüte seiner Jahre“. (lacht) Hat man zumindest früher gesagt, wenn Profis zwischen 28 bis 32 Jahre alt waren. Heut gehört man dann dagegen eher schon zum "alten Eisen".

Früher war man in meinem Alter in der "Blüte seiner Jahre". Heute gehört man da wohl eher zum "alten Eisen"

bundesliga.de: Hat man trotzdem noch Gänsehaut, wenn man in die Veltins-Arena einläuft?

Oczipka: Das kann man – zum Glück – nicht abstellen. Ich erinnere mich noch sehr gut an den Saisonauftakt gegen RB Leipzig. Das erste Mal mit der neuen Mannschaft in die Arena einzulaufen, das war ein ganz besonderer Nervenkitzel!

bundesliga.de: Wenn man 29 ist und die bisher letzten Einsätze in der U19 bzw. U20 beinahe zehn Jahre zurückliegen, träumt man nach einer so guten Halbserie noch von der Nationalmannschaft?

Oczipka: Ehrlich gesagt, nein. Ohnehin kann man so etwas nicht beeinflussen.

bundesliga.de: Außer durch gute Leistungen, dann muss selbst ein höheres Profi-Alter kein Ausschlusskriterium sein, siehe Lars Stindl oder Sandro Wagner...

Oczipka: Das ist richtig. Aber ich habe mich im vergangenen halben Jahr ausschließlich darauf konzentriert, bei Schalke Fuß zu fassen und mich gut zu integrieren.

bundesliga.de: Zurück zur Tagesaktualität: Schalke ist gegen Leipzig schlecht in die Rückrunde gestartet. Was hat gefehlt?

Oczipka: Obwohl wir die Partie verloren haben, hatte ich gar nicht den Eindruck, dass wir ein sehr schlechtes Spiel gemacht haben. Bis zum 1:1, also etwa bis zur 60. Minute, haben wir es ganz ordentlich gemacht und haben Leipzig nur wenige Chancen gestattet. Danach aber haben wir dem Gegner wiederholt genau in dessen Pressing und damit voll in die Karten gespielt. Eine Mannschaft wie Leipzig bestraft so etwas gnadenlos. Entscheidend ist, dass wir diese Fehler erkannt haben und deshalb in Zukunft abstellen können.

bundesliga.de: Am Sonntag empfängt Schalke Hannover 96 mit den beiden Ex-Schalkern, Trainer André Breitenreiter und Manager Horst Heldt. Aus eigener Erfahrung, welche Rolle spielt es tatsächlich, wenn man gegen den Ex-Verein antritt? Ist das eher ein Thema für die Fans und die Medien?

Oczipka: Nein. Das würde ich nicht sagen. Für mich persönlich war unser Spiel in Frankfurt in der Hinrunde (2:2; d. Red.) etwas ganz Besonderes. Ich kenne dort beinahe noch die gesamte Mannschaft und auch viele Leute im Verein. Allesamt Menschen, mit denen man ein paar Monate zuvor noch tagtäglich zu tun hatte. Es ist ein eigenartiges Gefühl, wenn man an die alte Wirkungsstätte zurückkehrt, dann aber plötzlich auf der anderen Seite steht. Und selbst, wenn ich heute, fast sechs Jahre nach meinem Weggang, in Leverkusen spiele, ist das für mich noch immer ein ganz besonderes Gefühl.

Das Gespräch führte Andreas Kötter