Köln - Der Start war nicht leicht. In seinen ersten beiden Spielzeiten konnte Bas Dost nicht überzeugen beim VfL Wolfsburg. In der vergangenen Saison aber explodierte der Holländer mit 16 Treffern in nur 21 Spielen geradezu. Und auch in der neuen Saison hat Dost bereits zwei Mal eingenetzt.

Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht der Instinktstürmer über Anpassungsschwierigkeiten und Lerneffekte, über den Verlust von Kevin De Bruyne und den Gewinn von Julian Draxler, und über die bevorstehenden schweren Aufgaben für den VfL.

"Ich habe kapiert, worum es geht!"

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bundesliga.de: Bas Dost, tatsächlich sind Sie bereits im vierten Jahr, gefühlt aber weit kürzer beim VfL Wolfsburg. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Bas Dost: Ich glaube, dass das relativ einfach zu erklären ist. Erst die vergangene Saison war wirklich eine richtig gute für mich. In den beiden Spielzeiten zuvor habe ich nicht so viele Partien bestritten, u. a. weil ich verletzt war, aber auch, weil ich die Bundesliga noch nicht richtig verstanden hatte. Seit der vergangenen Saison aber habe ich ein richtig gutes Gefühl und möchte so weitermachen.

bundesliga.de: Sie kamen als Torschützenkönig der Eredivisie zum VfL, mussten sich aber doch erst an die Bundesliga gewöhnen. Ist der Unterschied so groß?

Dost: Der Unterschied ist sehr groß. Felix Magath, der mich zum VfL geholt hat, hat mir gesagt, dass ich zwei Jahre brauchen würde, bis ich wirklich bereit wäre für die Bundesliga. Ich habe damals gedacht, dass das viel schneller gehen würde. Es braucht Zeit, bis man sich an alles gewöhnt hat, an die neue Umgebung, an die Art und Weise Fußball zu spielen, an das höhere Tempo etc. Jetzt aber habe ich kapiert, worum es geht. Und umso mehr freue ich mich auf die kommenden Aufgaben.

bundesliga.de: In den vergangenen Wechselperioden, so auch in diesem Sommer, ist darüber spekuliert worden, ob Sie den VfL verlassen. Wie schwer ist es für einen Profi mit dieser Unsicherheit zu leben und zu spielen?

Dost: Im aktuellen Fall war und ist das nicht schwierig für mich. Nach unserem großartigen Jahr mit dem krönenden Pokalsieg habe ich im Urlaub immer wieder darüber nachgedacht, dass das eine richtig klasse Saison war. Deshalb waren meine Gedanken eigentlich immer nur beim VfL. Zudem hat der Verein mir deutlich zu verstehen gegeben, dass man großes Vertrauen in mich hat und möchte, dass ich bleibe. Deshalb gab und gibt es überhaupt keinen Grund für mich über einen etwaigen Wechsel nachzudenken.

"Startelf muss man sich immer aufs Neue verdienen"

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bundesliga.de: In der vergangenen Saison haben Sie in nur 21 Spielen 16 Mal getroffen und waren de facto Stürmer Nummer Eins beim VfL. Fühlen Sie sich mittlerweile auch so?

Dost: Mein Gefühl ist in der Tat sehr gut. Ich weiß: Wenn ich so weitermache, werde ich häufig in der Startelf stehen. Dieses Gefühl darf aber nicht dazu führen, dass man das als selbstverständlich ansieht. In der Vergangenheit habe ich vielleicht ein paar Mal gedacht "Okay, du spielst von Anfang an, also bist du der Stürmer Nummer eins, und das bleibt jetzt auch so". Mittlerweile aber weiß ich, wie es bei einem Verein mit so vielen Top-Spielern, wie der VfL sie hat, funktioniert. Wenn man zwei Spiele keine Leistung bringt, steht sofort ein anderer bereit, der den Job mindestens ebenso gut macht. Heute weiß ich, dass man sich die Startelf immer aufs Neue verdienen muss.

bundesliga.de: Stürmer werden heute nicht nur an Toren gemessen, sondern auch an ihrer Defensiv-Leistung. Aber sind Sie selbst mit sich zufrieden, wenn Sie in einem Spiel zwar alles abgerufen, aber nicht getroffen haben?

Dost: Ich möchte zunächst einmal sagen, dass erst Trainer Dieter Hecking mir richtig klargemacht hat, wie man in der Bundesliga zu arbeiten hat. Anfangs habe ich noch gedacht, dass es meine einzige Aufgabe sei, Tore zu schießen. Mittlerweile aber arbeite ich auch sehr viel gegen den Ball  und leiste so selbst ohne Tore einen wichtigen Beitrag für die Mannschaft. Aber ganz ehrlich - wenn ich in einem Spiel alle Defensivaufgaben zur vollen Zufriedenheit erfüllt habe, aber keinen Treffer erzielen konnte, war es für mich persönlich kein perfektes Spiel. Ich setze in jedem Match alles daran mein Tor zu machen.

bundesliga.de: Sie sollen kürzlich gesagt haben, dass Sie Spieler wie Kevin De Bruyne besonders dafür schätzen, dass sie immer erst ans Team denken und nie schießen würden, wenn ein anderer besser postiert ist. Braucht aber gerade ein Stürmer nicht auch eine Spur Egoismus?

Dost: Nein. Ich glaube, dass man völlig unabhängig von der Position, die man auf dem Platz einnimmt, zuallererst an die Mannschaft denken muss. Nach meinem Empfinden gibt es beim VfL heute ausschließlich Spieler, die stets nach der besten Lösung für das Team suchen, statt nur an den eigenen Ruhm zu denken. Das ist entscheidend für unseren Erfolg. Denn diesbezüglich haben wir uns in den vergangenen Jahren sehr gesteigert. Und der Spaß ist am größten, wenn man die Treffer gemeinsam fein herausspielt und dann zusammen feiern kann.

"Draxler hat Qualitäten, die viele andere nicht haben"

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bundesliga.de: De Bruyne hat den VfL kurz vor Transferschluss verlassen. Wie hat die Mannschaft darauf reagiert?

Dost: Wir wussten schon lange, dass es großes Interesse an Kevin gibt. Viele von uns haben insgeheim wohl damit gerechnet, dass er uns in diesem Sommer verlassen wird. Und wahrscheinlich war es für alle Beteiligten so die beste Lösung. Kevin hat sich diesen Riesen-Transfer mit seinen großartigen Leistungen absolut verdient. Gleichzeitig aber hat jeder gesehen, dass den VfL der Verkauf eines solchen Top-Spielers nicht unvorbereitet trifft, sondern dass man in der Lage ist adäquat zu reagieren. Mit der Verpflichtung von Julian Draxler hat der Club das auch getan. Und ich glaube, dass Julian uns sehr helfen wird.

bundesliga.de: Welchen Eindruck macht Draxler auf Sie?

Dost: Ich habe bis jetzt gerade einmal anderthalb Wochen mit Julian gemeinsam trainiert. Da kann ich mir ein abschließendes Urteil natürlich noch nicht bilden. Aber auch in nur zehn Tagen kann man erkennen, dass er Qualitäten hat, die viele andere Spieler nicht haben. Es macht einfach Spaß ihm beim Fußballspielen zuzuschauen, und ich habe das Gefühl, dass ich noch viele Bälle von ihm bekommen werde.

bundesliga.de: Nach der vergangenen Saison galt der VfL als erster Bayern-Herausforderer; gilt das immer noch, oder bedeutet der Verlust De Bruynes, dass man die Ambitionen der neuen Situation anpassen muss?

Dost: Die Ambition eines Clubs wie des VfL Wolfsburgs muss es immer sein, das Bestmögliche zu erreichen. Deshalb müssen wir an unsere Leistung zuletzt gegen Schalke anknüpfen. In dieser Partie hat jeder sehen können, dass wir auch ohne Kevin De Bruyne gegen Top-Clubs wie den FC Schalke 04 sehr guten Fußball spielen können. Und wenn wir so weitermachen, haben wir eine gute Chance erneut oben mitzuspielen. Ob es am Ende wirklich für den Titel reicht, lässt sich jetzt noch nicht absehen. Bayern München wird ohnehin immer Favorit sein. Aber wir werden alles dafür tun, so lange wie möglich mitzuhalten.

"Ingolstadt? – Sechs Punkte sind bärenstark!"

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bundesliga.de: Top-Clubs warten auch in der Champions League. Wie sehr freuen Sie sich z.B. auf das Spiel in Manchester Uniteds "Theater der Träume"?

Dost: Klar, das wird ein Highlight! Aber ich freue mich auf jedes Spiel, das nun vor uns liegt. Eigentlich mag ich gar nicht mehr warten, selbst die wenigen Tage dauern mir noch zu lange. Samstag fängt es mit Ingolstadt an. Dann kommt schon ZSKA Moskau, eine Woche darauf müssen wir zu den Bayern und eine weitere Woche später reisen wir nach Manchester. Wegen dieser Spiele bin ich Profi geworden und habe hart dafür gearbeitet dorthin zu kommen, wo ich heute bin.

bundesliga.de: Beim Spiel gegen den PSV Eindhoven treffen Sie auf einen weiteren holländischen Goalgetter, Luuk de Jong, der sich bei Borussia Mönchengladbach nicht durchsetzen konnte. Haben Sie miteinander gesprochen in den vergangenen ein, zwei Jahren?

Dost: Ja. Wir haben uns bei der Nationalmannschaft getroffen und dort ausgetauscht. Luuk macht es beim PSV richtig gut. Es war die richtige Entscheidung für ihn nach Holland zurückzugehen. Er zeigt dort, dass er ein richtig starker Stürmer ist, und ich bin überzeugt, dass er in Zukunft noch einen weiteren Schritt machen wird. Auch der PSV wird für uns also ein richtig harter Brocken.

bundesliga.de: Stichwort "Ingolstadt": Sind Sie überrascht von den Schanzern?

Dost: In den ersten Jahren haben mich die Aufsteiger in die Bundesliga immer aufs Neue überrascht. Häufig starten diese Teams bärenstark und sammeln gleich in den ersten Spielen Punkte. Mittlerweile habe ich mich daran aber gewöhnt (lacht). Ingolstadt macht es auch sehr gut. Sechs Auswärtspunkte aus drei Spielen sind stark! Ich habe dort noch nie gespielt und bin sehr gespannt, was auf uns zukommen wird. Aber egal wie stark die Ingolstädter sein mögen, wir wollen die drei Punkte mitnehmen.

bundesliga.de: Zum Schluss möchte ich Ihnen noch ein Kompliment machen, Ihr Deutsch ist hervorragend...

Dost: Ich habe auch viel geübt (lacht). Meinen deutschen Teamkollegen und den Betreuern habe ich von Anfang an gesagt, dass Sie mich verbessern sollen, wenn ich mich falsch ausdrücke oder ein Wort nicht finde. Das kann zwar manchmal ganz schön nerven, bringt einen auf Dauer aber wirklich weiter. Und ich denke, dass es allmählich ganz gut klappt mit meinen Interviews (lacht).

Das Gespräch führte Andreas Kötter