Dortmund - Er ist in Dortmund immer noch das Maß aller Dinge. Acht Jahre lang stürmte Stephane Chapuisat für den BVB. In 218 Spielen zwischen 1991 und 1999 traf er 102 Mal und avancierte so zum torgefährlichsten Ausländer, der jemals das Trikot der Borussia überstreifen durfte. Chapuisat gewann zwei Mal die Deutsche Meisterschaft, die Champions League und den Weltpokal.

Keiner kann besser beurteilen, welcher Druck auf einem mit hohen Erwartungen verpflichteten ausländischen Stürmer beim BVB lastet. Für Torjäger Lucas Barrios, seinen legitimen Nachfolger in Dortmund, findet Stephane Chapuisat im exklusiven Gespräch mit bundesliga.de nur lobende Worte.

bundesliga.de: Herr Chapuisat, nun ist die Meisterschaft für den BVB unter Dach und Fach. Welchen Anteil hat Lucas Barrios daran?

Stephane Chapuisat: Er spielt eine überragende Saison für den BVB. Das ist schön für ihn. Aber wichtiger als der persönliche Erfolg und die vielen Tore ist sicherlich am Ende der Gewinn des Titels. Für mich war das jedenfalls immer so.

bundesliga.de: Als Lucas Barrios vor zwei Jahren zu Borussia Dortmund wechselte, eilte ihm der Ruf des Welttorjägers 2009 voraus. Wie haben Sie die Bedeutung dieses Titels eingeschätzt?

Chapuisat: Durch diesen Titel wussten alle, dass er ein torgefährlicher Spieler ist. Allerdings war es auch sicher schwierig für ihn, diesen Titel zu tragen. Denn damit sind ja sehr hohe Erwartungen verknüpft. Die Fans haben dann gleich 20 Tore erwartet. Und die muss man dann erst einmal machen. Aber seine Quote in den zwei Jahren (33 Tore in 63 Spielen, Stand 3.5.2011, Anm. d. Red.) ist sehr gut. Mein Eindruck von ihm ist sehr positiv. Er ist gut mit der hohen Erwartungshaltung umgegangen.

bundesliga.de: Welche Qualitäten zeichnen ihn als Stürmer aus?

Chapuisat: Lucas Barrios ist vor allem im Strafraum sehr gefährlich. Er hat einen sehr präzisen, guten Abschluss. Er ist schnell und hat eine sehr gute Schusstechnik. Und er kann auch den Ball vorne gut halten. Das gefällt mir.

bundesliga.de: Er erzielt fast alle seine Tore mit dem rechten Fuß und hat nur ein Kopfballtor gemacht. Ist das Kopfballspiel noch seine Schwäche?

Chapuisat: So gut kenne ich ihn jetzt nicht, um das beurteilen zu können. Aber er hat einen guten Torriecher und nimmt sich auch die Zeit, den Ball auf seinen starken rechten Fuß zu legen.

bundesliga.de: Vor dem Tor ist er eiskalt, sonst eher ein zurückhaltender Zeitgenosse auf dem Platz. Für einen Südamerikaner eigentlich untypisch.

Chapuisat: Er macht auf mich tatsächlich den Eindruck als wäre er eher ein ruhiger Typ. Aber er ist brandgefährlich. Ich habe ihn leider erst einmal live im Stadion gesehen, aber da stand er goldrichtig und hat sein Tor gemacht.

bundesliga.de: Mit welchem Offensivspieler harmoniert Lucas Barrios Ihrer Meinung nach am besten?

Chapuisat: Das spielt keine große Rolle. Die Dortmunder spielen eher mit einem echten Stürmer und einem Offensiven dahinter. Als Stürmer kommt er mit jedem Spieler gut zurecht. Bei seiner Klasse kann er sich schnell auf einen anderen Sturmpartner einstellen. Wichtig ist, dass man im Training die Automatismen einstudiert. Das braucht Zeit.

bundesliga.de: Befürchten Sie, dass er Ihnen in ein paar Jahren Ihren Rekord als torgefährlichster Ausländer im Trikot des BVB abluchsen wird?

Chapuisat: Was heißt hier befürchten? Nein, ich würde mich freuen, wenn der BVB wieder einige Titel gewinnt und Lucas mit vielen Toren dazu beiträgt. Dann kann er gerne meinen Rekord brechen.

bundesliga.de: Was sagen Sie zum neuen Deutschen Meister Borussia Dortmund?

Chapuisat: Für mich ist es eine Riesenüberraschung, zu sehen wie die Borussia in dieser Saison auftrumpft. Ich habe ihr schon eine gute Rolle zugetraut, aber gedacht, dass es für ganz vorne sehr eng wird. Ich bin total positiv überrascht, es macht große Freude diese Mannschaft spielen zu sehen. Da steckt System hinter, die Mannschaft spielt mit großer Begeisterung einen sehr schönen Fußball. Sie lassen den Ball gut laufen, jeder ist für jeden da. Man merkt, dass eine große Harmonie in der Truppe steckt.

bundesliga.de: Sehen wir Sie bei der offiziellen Dortmunder Meisterfeier?

Chapuisat: Ich weiß es noch nicht. Leider bin ich als Chefscout meines Vereins Young Boys Bern am Wochenende immer selbst auf den Fußballplätzen unterwegs. Ich habe aber nach wie vor Kontakt zum BVB und habe vor ein paar Wochen bei einem Turnier in Bochum auch alte Freunde wie Michael Zorc oder Lars Ricken getroffen. Ich bin gespannt, ob ich eine Einladung zur Meisterfeier bekomme und hoffe, dass ich dann kein Spiel für meinen Club beobachten muss.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski