Im ersten Teil des Interviews mit bundesliga.de hatte Ewald Lienen die sportliche Lage in Bochum und Cottbus analysiert, nun nimmt er die Aussichten von Bielefeld, Gladbach und Karlsruhe unter die Lupe.

bundesliga.de: Bielefeld hat mit 26 Punkten den Relegationsplatz inne und ein auf den ersten Blick schweres Restprogramm. Doch für Leverkusen, Hoffenheim und Hannover ist die Saison so gut wie gelaufen. Vor- oder Nachteil?

Lienen: Auf dem Papier sieht das Restprogramm sehr schwer aus. Doch die Bielefelder sind das gewohnt. Für die Arminia spielt es keine große Rolle, gegen wen sie spielen. Ich habe schon viele Bielefelder Spiele in dieser Saison verfolgt. Gegen München haben sie nur knapp verloren, gegen Stuttgart am vergangenen Spieltag ein fantastisches Spiel abgeliefert, gegen Schalke hätten sie eigentlich klar gewinnen müssen. Durch dumme Fehler haben sie schon viele unnötige Punkte abgegeben. Die Organisation stimmt aber, es passiert nur ganz selten, dass sie richtig enttäuschen und viele Gegentore zulassen.

bundesliga.de: Im Angriff hapert es allerdings: Nach dem KSC hat die Arminia die wenigsten Tore geschossen.

Lienen: Richtig, da liegt das Problem. Aber beim 2:2 gegen den VfB haben sie das mit dem Toreschießen ja ganz gut hingekriegt. Das könnte ein Modell sein, dass man vielleicht auch mal drei Treffer erzielt, wenn man zwei reinkriegt. Dann können sie gegen jeden bestehen. Insofern ist es nicht ganz so wichtig, wie die letzten vier Gegner heißen.

bundesliga.de: Der Tabellenvorletzte Gladbach ist mit 24 Punkten die einzige Mannschaft, die in dieser Saison bereits den Trainer gewechselt hat. Ist das für die Borussia vielleicht der Schlüssel zum Klassenerhalt?

Lienen: Grundsätzlich finde ich es positiv, wenn ein Club lange an seinem Trainer festhält. In Gladbach hat es ja auch sehr lange gedauert, bis sich der Trainerwechsel einigermaßen amortisiert hat. Bis zur Winterpause hatte sich nicht viel verändert. Dann wurden neue Spieler geholt, eine gute Vorbereitung absolviert, so dass die Mannschaft zu Beginn der Rückrunde nach der Auftaktniederlage gegen Stuttgart drei Spiele nicht verloren und dadurch den Anschluss erreicht hat. Wenn sie das nicht geschafft hätten, wären sie vermutlich da bereits weg gewesen.

bundesliga.de: Die Routine von Hans Meyer könnte also zum Trumpf im Abstiegskampf werden?

Lienen: Seine Erfahrung ist sicherlich ein Plus, ganz klar. Hans ist schon lange Jahre in der Bundesliga tätig und kann diese Situation einschätzen. Gladbach ist ja keine Mannschaft, die seit Jahren nur gegen den Abstieg spielt und weiß, wie man sich im Tabellenkeller zu verhalten hat, sondern es ging mal rauf, mal runter. Nur wenige Spieler verfügen über Erfahrung im Abstiegskampf, etwa Tomas Galasek.

bundesliga.de: Wie wichtig ist die Tatsache, dass eine Mannschaft eingespielt ist?

Lienen: Das ist vielleicht der Nachteil, den die Borussia gegenüber den anderen Mannschaften hat, dass es sich quasi um eine neu zusammengestellte Mannschaft handelt. Allerdings haben sie den Kader nicht so verstärkt, dass man sagen könnte, es handele sich um einen Qualitätssprung. Eine eingespielte Truppe aus der 2. Bundesliga sollte eigentlich im ersten Jahr auch stark genug sein, um in der Bundesliga zu bleiben. Wenn man etwas Neues versucht, dann muss es eine Garantie bieten. Also kein Risiko eingehen, sondern zwei, drei Topleute dazuholen. Natürlich ist das für einen Aufsteiger nicht leicht, solche Topleute zu verpflichten, weil man erstens nur kurze Planungszeit hat und zweitens nicht jeder Topmann unbedingt zu einem Aufsteiger wechseln will.

bundesliga.de: Wie beurteilen Sie das Potenzial der Borussia?

Lienen: Gladbach hat eine Mannschaft, die eigentlich zum Fußball spielen aufgestellt ist. Ihre Erfolge in der Rückrunde haben sie dadurch erzielt, dass sie guten Fußball gespielt haben, etwa gegen Hamburg oder in Köln. Sie verfügen über ein sehr gutes Offensivpotenzial.

bundesliga.de: Fehlt ihnen im Rennen um den Klassenerhalt also der Kampf?

Lienen: Naja, ich sag mal: Mit der Abwehrarbeit von Arminia Bielefeld und dem Sturmpotenzial von Borussia Mönchengladbach bist du im gesicherten Mittelfeld (lacht).

bundesliga.de: Was sagen Sie zum Gladbacher Restprogramm?

Lienen: Das wird ein ganz wichtiges Spiel, um eine Mini-Serie zu starten. Wenn sie drin bleiben wollen, müssen sie jetzt im Heimspiel gegen Gladbach etwas holen. Nach vorne kriegen sie immer ihre Chancen, daher müssen sie eben ein Tor mehr schießen, als sie hinten zulassen. In Cottbus können sie nur bestehen, wenn sie über ihren Schatten springen und auch beim Kämpferischen jeder Spieler an seine Schmerzgrenze geht. Nur ein bisschen Fußball zu spielen, reicht im Abstiegskampf einfach nicht aus.

bundesliga.de: Karlsruhe ist mit 23 Punkten Tabellenschlusslicht, hat am vergangenen Spieltag 0:0 gegen Cottbus gespielt. Allerdings sind die Badener seit drei Partien ungeschlagen. Sehen Sie den KSC im Aufwind oder war es das?

Lienen: Es tut mir sehr Leid, dass Karlsruhe diese Entwicklung genommen hat. Sie haben sich durch den Sieg in Leverkusen wieder herangearbeitet, das Spiel davor gegen Hoffenheim hätten sie gewinnen müssen. Aber gerade dort konnte man sehen, dass alles eine Sache des Selbstvertrauens ist. Als nach der stundenlangen Torflaute endlich der erste KSC-Treffer fiel, konnte man sehen, wie es aus der Mannschaft förmlich herausgeplatzt ist und plötzlich alles wieder von alleine läuft. Es gibt keinen Ersatz für Selbstvertrauen

bundesliga.de: An der Einstellung mangelt es den Badenern nicht, oder?

Lienen: Nein, deswegen tut es mir auch so Leid. Sie haben eine gute Mentalität, kämpfen und geben alles. Der KSC ist ein Paradebeispiel dafür, wie wichtig dieses Selbstvertrauen ist, damit man Spiele gewinnt.

bundesliga.de: So gesehen hätte der KSC doch aber nach dem Sieg gegen Leverkusen auch gegen Cottbus gewinnen müssen…

Lienen: Gegen Cottbus zu spielen ist immer schwer. Der FC Barcelona ist die beste Mannschaft der Welt und im Hinspiel des Champions-League-Halbfinales hat Chelsea zwei Autobusse vor dem eigenen Strafraum aufgestellt und so ein 0:0 herausgeholt. Es ist immer wesentlich schwerer gegen eine Mannschaft, die nicht mitspielen will.

bundesliga.de: Denkt man als Trainer bei einer so langen Torflaute, wie sie der KSC erlebt hat, einfach mal über eine offensivere Grundausrichtung, um eben diesen einen erlösenden Treffer zu erzielen? In Karlsruhe wurde Coach Edmund Becker aufgrund seines angeblich zu defensiven Spielsystems von den Fans kritisiert.

Lienen: Im Spiel gegen Hoffenheim hat Becker Iashvili für Aduobe eingewechselt, also einen zweiten Stürmer gebracht, und wurde trotzdem ausgepfiffen. Ich verstehe die Kritik der Fans nicht. Wenn man in der Bundesliga bestehen will, müssen die Fans hundertprozentig mitziehen. Im Abstiegskampf ist eine Mannschaft ein ganz fragiles Gebilde.

bundesliga.de: Verunsichern die Pfiffe auch eine Mannschaft?

Lienen: Sicher. Wenn die Fans ehrliche Bemühungen nicht anerkennen und auch noch anfangen, "Trainer raus" zu brüllen, färbt das sofort auf die Spieler ab. Sie bekommen Angst vor Fehlern, davor, selbst kritisiert zu werden. Als Fan muss ich zu meiner Mannschaft stehen, auch im Abstiegskampf. Wofür bin ich denn sonst da? Viele Zuschauer müssen einfach begreifen, dass sie ein Teil der Veranstaltung sind. Wenn ich vor dem Fernseher sitze, kann ich die Bierflasche an die Wand scheppern, aber im Stadion habe ich mitzuhelfen, oder ich bin kein richtiger Fan. Ich glaube fest daran, dass man als Anhänger das Live-Geschehen positiv mit zu beeinflussen hat. Die "Becker-raus"-Rufe in Karlsruhe sind völlig lächerlich. Wer hat denn den Club dahin gebracht nach so vielen Jahren in der Versenkung? Aber die Menschen sind oft sehr undankbar und vergessen, wo man herkommt. Zarte Pflänzchen muss man hegen, und der KSC hat es verdient. Die Mannschaft hat einen sehr guten, ehrlichen Charakter und eine sehr gute Mentalität.

bundesliga.de: Sie glauben also noch an die Chance auf den Klassenerhalt?

Lienen: Wenn sie ein Tor schießen, ist alles möglich. Dann können sie jetzt auch in Dortmund gewinnen. Zuhause gegen Hannover, dann in Bremen - alles ist möglich. Aus eigener Kraft können sie es zwar nicht mehr schaffen, aber ihre Chance liegt darin, mit allerletzter Konsequenz in die Spiele reinzugehen und sich ein Erfolgserlebnis zu verschaffen. Dann können sie auch gegen nominell stärkere Mannschaften gewinnen.

Das Gespräch führte Denis Huber


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