Hamburg - Thomas Broich hat den Sprung nach "Down Under" gewagt - und hat damit scheinbar alles richtig gemacht. Nachdem er in der Bundesliga als großes Talent nach eigenem Bekunden an sich selbst gescheitert war, spielt er inzwischen in Australien wieder groß auf. Mit Brisbane Roar gewann er die Meisterschaft in der A-League und wurde dort zum zweitbesten Spieler der Saison gewählt. Bei seinem Club bekam er gar die Gary-Wilkins-Medaille für den besten Roar-Akteur 2010/11.

Mit großen Erwartungen blickt Broich nun auf das Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und seiner Wahl-Heimat Australien. "Selbst wenn Deutschland mit einem C-Team antreten würde, würden die Australier 90 Minuten Vollgas geben. Das ist deren Mentalität", sagt er der DFB-Auswahl im bundesliga.de-Interview einen heißen Tanz voraus.

Broich erklärt auch, warum die Partie für die "Socceroos" so bedeutsam ist, auf welche Spieler Schweinsteiger, Müller und Co besonders aufpassen müssen und wie seine Zukunft in Australien aussieht.

bundesliga.de: Herr Broich, welchen Stellenwert hat das Freundschaftsspiel gegen Deutschland für den australischen Fußballverband?

Thomas Broich: Es gab diese eine Begegnung, die hat den australischen Fußball traumatisiert: Das 0:4 gegen Deutschland im ersten Gruppenspiel bei der WM in Südafrika. Da wurden mit einem Schlag alle Hoffnungen zerstört, alle Euphorie war verflogen. Das war ein massiver Rückschlag für den Fußball "Down Under" und hat richtig wehgetan. Und deshalb gehe ich davon aus, dass die Australier auf eine Revanche sinnen, auch wenn es nur ein Freundschaftsspiel ist.

bundesliga.de: Und auch, wenn mit Mesut Özil, Philipp Lahm und Sami Kherida einige Stars fehlen und andere vielleicht zu Beginn geschont werden?

Broich: Das wird die Australier nicht kümmern. Schließlich rücken bei Deutschland ja richtig gute Kicker nach. Da ist es fast egal, wer spielt. Und selbst wenn Deutschland mit einem C-Team auftreten würde, würden die Australier 90 Minuten Vollgas geben. Das ist deren Mentalität.

bundesliga.de: Wird dabei immer noch der Hau-Ruck-Stil, den man auf dem Weg zur WM gesehen hat, bevorzugt?

Broich: Die Liga spielt immer noch diesen von der Physis geprägten Stil. Da geht es ums Laufen und Kämpfen. Man will am liebsten mit drei Stationen zum Abschluss kommen - oder auch nicht. Aber das ändert sich so langsam. Dafür sorgen auch die ausländischen Trainer, die mehr Wert auf Technik und das Kurzspiel legen.

bundesliga.de: Hat der deutsche Trainer Holger Osieck das mit der Nationalmannschaft schon umsetzen können?

Broich: So schnell kann man das nicht ändern. Es war erst einmal wichtig, dass in den Köpfen ein Umdenken stattgefunden hat. Es gilt, sich dem europäischen Standard anzupassen.

bundesliga.de: Aber das Niveau in der A-League haben Sie als nicht ganz so hoch beschrieben.

Broich: Die Mannschaften haben im Durchschnitt unteres Zweitliga-Niveau. Aber das ist auch wieder relativ zu sehen, denn das Leistungsgefälle ist in jedem Kader sehr groß. Es gibt sicherlich Spieler, die in der 2. Bundesliga mithalten können. Einige wenige vielleicht sogar in der Bundesliga. Aber es gibt auch viele, die sich schwer tun würden, in der 3. Liga einen Job zu finden. Das ist aber irgendwie logisch, denn Australien ist ja keine ausgesprochene Fußballnation und deshalb werden nicht so viele Talente hervorgebracht.

bundesliga.de: Dennoch gibt es genügend Stars in europäischen Top-Clubs. Wie zum Beispiel Harry Kewell bei Galatasaray oder Mark Schwarzer beim FC Fulham. Wie erklärt sich das?

Broich: In Übersee zu spielen ist für alle das Ziel. Und wenn man das geschafft hat, gilt man hier in Australien als großes Idol. Dabei hat Tim Cahill Harry Kewell ein bisschen den Rang abgelaufen. Die Australier sind mächtig stolz, dass er auch in der Premier League so gut einschlägt.

bundesliga.de: Wie wird die Bundesliga in Deutschland gesehen?

Broich: Die Bundesliga ist sehr beliebt. Schließlich gehört sie zu den großen vier Ligen in Europa. Und das Mitchell Langerak bei Tabellenführer Borussia Dortmund im Kader steht, auch wenn er nur Ersatztorwart ist, finden alle klasse.

bundesliga.de: Auf welche Spieler sollte man am Dienstagabend ein besonderes Augenmerk legen?

Broich: Robbie Kruse, der zu Fortuna Düsseldorf wechselt, gehört zu den jungen aufstrebenden Spielern, die auch technisch ungemein viel drauf haben. Auch McKay kann man sich richtig gut anschauen, weil er ein sehr, sehr intelligenter Spieler ist. Und das meine ich nicht nur, weil er mein Kumpel ist. Bis vor Kurzem war es undenkbar, dass ein Spieler aus der A-League Stammspieler in der Nationalmannschaft werden könnte. Aber Matt hat sich beim Asien-Cup in die Stammformation gespielt und galt dort auch als bester Spieler des Teams. Das glich fast einer Revolution.

bundesliga.de: Wie geht die Partie aus?

Broich: Auch wenn Deutschland den jungen Spielern eine Chance geben wird, so denke ich schon, dass es, wenn auch kein deutlicher, ein souveräner Sieg für die Hausherren wird.

bundesliga.de: Und wie sieht Ihre Zukunft aus? Kehren Sie nach Europa zurück?

Broich: Geplant ist das nicht. Ich fühle mich pudelwohl in Brisbane. Aber wenn ich im Fußball eines gelernt habe, dann, dass man nie "nie" sagen darf. Ich habe mich mit meiner Vergangenheit versöhnt. Deshalb: Wenn sich etwas Richtiges auftun würde, dann mache ich das auch. Aber das ist zum jetzigen Zeitpunkt extrem unwahrscheinlich.

bundesliga.de: Zumal Sie ja "nur" zum zweitbesten Spieler der A-League in dieser Saison gewählt wurden.

Broich: (lacht) Das ist wirklich tragisch. Deshalb muss ich auch wieder zurück, um das richtig zu stellen.

Das Gespräch führte Michael Reis