Ingolstadt - Borussia Dortmund freut sich nach dem deutlichen Sieg in Ingolstadt über die Tabellenführung. Zumal seit einigen Wochen Spieler aufblühen, die in der vergangenen Saison noch stellvertretend für die Schwierigkeiten des BVB standen.

Die gut 3.000 Borussen-Fans in der ausverkauften Ingolstädter Arena hatten gut aufgepasst. Kaum hatte Shinji Kagawa das 3:0 aus Dortmunder Sicht erzielt, schallte schon der aktuelle Tabellenstand aus der Gästekurve: "Spitzenreiter, Spitzenreiter!"

Tatsächlich belegt der BVB am Ende des 2. Spieltags den 1. Platz, mit sechs Punkten und einer tadellosen Bilanz von 8:0 Toren (Tuchels Rekordstart - Topdaten zum Spiel). Kein Wunder also, dass Trainer Thomas Tuchel bei der Pressekonferenz einen fröhlichen Eindruck machte. "Wir hätten schon in der ersten Halbzeit hoch führen können. Ich denke, der Sieg war auch aufgrund der zweiten Halbzeit selbst in der Höhe verdient."

Initialzündung durch Ginter

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Wie wichtig dabei allerdings das erste Tor durch Matthias Ginter war, sollte der weitere Spielverlauf zeigen. Erst als der ehemalige Freiburger getroffen hatte, wurden auch die Kollegen zielstrebiger und die weiteren Tore fielen nach konsequenten Abschlüssen.

"Wir haben uns in der Halbzeit gesagt, dass es nach hinten losgehen kann, wenn man den Gegner defensiv so beschäftigt, die Tore aber nicht macht", erklärte BVB-Verteidiger Marcel Schmelzer. "Wir haben ja zahlreiche Chancen gehabt und nicht genutzt. Umso wichtiger war es, dass wir die Ruhe bewahren." Dass das gelungen sei, liege auch an den Erfahrungen der vergangenen Wochen, sagte Ginter. "Wir haben ja in den letzten Wochen gemerkt, dass wir mit unserer Offensivqualität immer ein Tor schießen können."

Die Angst vor dem Gegentor überwunden

"Die Jungs", wusste Coach Thomas Tuchel zu berichten, "haben sich von dem Gedanken freigemacht, dass irgendwann ein Gegentor kommt, wenn du so viele Chancen vergeben hast." Das war in der Vorsaison häufig noch anders. Dortmund spielte gut, hatte viele Chancen - und kassierte hinten das Tor. Auch einige Spieler, die nicht erst seit diesem Sommer im Kader der Borussen stehen, scheinen derzeit aufzublühen.

Neben Ilkay Gündogan, der langsam aber sicher die Nachwirkungen seiner Blessuren überwindet und wieder die Schaltzentrale, ja das Hirn der BVB-Offensive ist, ist das allen voran Henrikh Mkhitaryan. Der Armenier scheint seine Formschwankungen der vergangenen Saison endgültig überwunden zu haben. Auch beim sechsten Pflichtspielsieg der Saison war er wieder einer der Besten im Team, auch wenn ihm diesmal selbst kein Treffer gelang. Dafür bereitete die Dortmunder 10 das 1:0 durch Ginter mit einem klugen Pass vor. Überhaupt ist Mkhitaryan der Mr. Effektiv im Dortmunder Spiel, hat bereits sieben Tore in Bundesliga, DFB-Pokal und Europa League erzielt, vier weitere vorbereitet.

Auch Kagawa mit alter Stärke

Zu alter Stärke hat auch Shinji Kagawa, dessen Rückkehr aus Manchester einige Beobachter schon als Fehlgriff kritisiert hatten, wieder gefunden. Der Japaner machte in Ingolstadt nicht nur wegen seines Treffers auf sich aufmerksam. Gemeinsam mit Gündogan, Mkhitaryan und Marco Reus wirbelte er die Defensive der Schanzer immer wieder durcheinander. So langsam erinnert er wieder an den Kagawa der Spielzeiten 2010/11 und 2011/12, der in 49 Bundesliga-Spielen 21 Tore erzielte und den BVB zu zwei Deutschen Meistertiteln führte.

Und schließlich gehört auch Ginter zu den Gewinnern unter Tucheln. Der Nationalspieler, der nach seinem Wechsel zum BVB im Anschluss an die WM in Dortmund überhaupt nicht ins Spiel und entsprechend kaum zum Zuge gekommen war, hatte bis zum Sonntag noch nie auf der rechten defensiven Außenbahn gespielt. Dann lieferte er dort aber prompt ein blitzsauberes Debüt ab, bei dem er sich sogar in die Torschützenliste eintrug. "Ich fühle mich wohl auf dieser Position", erklärte der ehemalige Freiburger gut gelaunt. "Man kann viel trainieren, aber die Wettkampfpraxis kann dann doch nichts ersetzen."

Christoph Ruf