München - Alles Talent nutzt jungen Spielern nichts, wenn auf ihrer Position ein alter Hase gesetzt ist. Auch in dieser Saison hofft daher nicht nur Lewis Holtby, über ein Leihgeschäft Spielpraxis zu sammeln - und bei einem kleineren Verein zum Star zu werden.

Philipp Lahm hat es vorgemacht: Wer einen Schritt zurückgeht, schlägt damit häufig den Weg nach vorne ein. Als Lahm im Jahr 2001 seine erste Saison bei den Amateuren des FC Bayern spielte, ahnte er noch nicht, dass er neun Jahre später Kapitän der deutschen Nationalmannschaft sein sollte. "Als ich von den A-Jugend zu den Amateuren kam, da habe ich mir gesagt, ich setze jetzt alles auf Fußball", schreibt Lahm auf seiner Homepage. Aber zu fern schien ein Stammplatz bei den großen Bayern. Deswegen wurde er 2003 an den VfB Stuttgart ausgeliehen. Dort spielte sich Lahm unter Felix Magath und später Matthias Sammer in die erste Elf. Magath, mittlerweile beim FC Bayern, freute sich 2005 über den zurückgekehrten Leihspieler - Lahm spielte auch beim Rekordmeister und ist heute einer der besten Außenverteidiger der Welt.

Vom Leiharbeiter zum Star

Seitdem haben die Bundesliga-Vereine das Leihgeschäft wieder für sich entdeckt. Die DFL-Lizenzspielerordnung schreibt die Regeln vor. Unter anderem heißt es dort: "Die Ausleihe muss sich mindestens auf die Zeit zwischen zwei Wechselperioden beziehen. Voraussetzung ist weiterhin, dass eine vertragliche Bindung mit dem verleihenden Verein nach dem Ende der Ausleihe besteht."

Nicht alle Profis können die Möglichkeit nutzen, aus dem Schatten eines scheinbar übermächtigen Platzhirsches zu treten. Doch die Liste der Spieler, die dadurch zu Stars wurden, ist lang: Mats Hummels (21) beispielsweise kam zur Leihe aus München nach Dortmund, wurde dann fest verpflichtet und darf sich wohl bald Nationalspieler nennen. Nuri Sahin (21) wiederum wurde von Dortmund nach Rotterdam verliehen, kehrte zurück und ist zum Fixpunkt des Teams gereift. Stefan Reinartz (21), der zwischenzeitlich in Nürnberg kickte, gilt in Leverkusen als Liebling von Jupp Heynckes. Bei den Bayern wird Breno (20), der nach Nürnberg verliehen war, im Herbst nach überstandenem Kreuzbandriss eine Chance erhalten. Und Toni Kroos (20), vergangene Saison der Shootingstar in Leverkusen, hofft auf den endgültigen Durchbruch beim Rekordmeister - und das nicht erst seit dem Ausfall von Arjen Robben.

Mainz 05: Augenmerk auf Holtby

Auch in dieser Saison wollen sich gleich 14 Spieler als Leihgabe in der Bundesliga etablieren. Umgekehrt sind die aufnehmenden Vereine mehr als bloß Durchlauferhitzer für die Karriere der jungen Talente. Zum Beispiel erwartet sich der 1. FSV Mainz 05 durch Leihen eine günstige Steigerung seiner Qualität. Dort haben Trainer Thomas Tuchel und Manager Christian Heidel gute Erfahrungen gemacht und Adam Szalai von Real Madrid nach einem Jahr Ausleihe fest verpflichtet. Nun kam für die linke Verteidigerposition Christian Fuchs leihweise aus Bochum. Das Augenmerk liegt aber auf einem Profi, der im Sommer 2009 als größtes Versprechen im deutschen Fußball galt: Lewis Holtby.

Der heute 19-Jährige spielte 2008/09 eine Traumsaison für Alemannia Aachen. Acht Tore und elf Torvorlagen in der 2. Bundesliga brachten ihm den Wechsel zum FC Schalke 04 ein. "Lewis ist eines der größten Talente im deutschen Fußball. Ich bin sicher, dass er einen guten Weg machen wird", erklärte Schalke-Trainer Felix Magath damals. "Er hat alle Voraussetzungen, um ein Leistungsträger in der Bundesliga zu werden und über kurz oder lang ans Tor zur A-Nationalmannschaft zu klopfen."

Win-win-win-Situation

Doch obwohl Holtby zum Ende der Hinrunde 2009/10 gut spielte, verlieh ihn Magath zur Rückrunde an den VfL Bochum. Holtby schoss zwei Tore, aber der VfL stieg ab. Magath entschied sich, dem schnellen und torgefährlichen U-21-Nationalspieler erneut bei einem kleineren Club Spielpraxis zu verschaffen. Es soll eine Win-win-win-Situation für den Spieler und beide Clubs sein.

Deswegen läuft Holtby nun für Mainz 05 auf und weckte im Vorfeld bereits große Erwartungen. "Mit Lewis haben wir viele Optionen im Offensivbereich. Er strahlt eine enorme Spielfreude aus und wird uns weiterhelfen", sagte Tuchel, der mit Holtby für die Startelf plant.

Tuchel mag Holtby, Holtby mag Tuchel

Im "kicker" kritisierte er zwar jüngst das Defensivverhalten des Jünglings, fand aber auch lobende Worte: "Er ist auf dem Weg, gewisse Dinge sehr gut umzusetzen und seine Stärken im läuferischen Bereich voll einzubringen, zusätzlich zu seiner Fähigkeit, im letzten Drittel torgefährlich und kreativ zu sein."

Holtby erwartet von dem Leihgeschäft ebenfalls viel. "Ich bin überzeugt, dass der Verein und ich sehr gut zusammen passen und es für meine Entwicklung der richtige Schritt ist", freute er sich nach Bekanntgabe des Wechsels: "Mit Thomas Tuchel hat Mainz einen sehr guten Trainer, der bewiesen hat, wie gut er mit jungen Spielern arbeitet." So hatte Tuchel mit den Mainzer A-Jugendlichen 2009 die Deutsche Meisterschaft gewonnen, Andre Schürrle (19) schaffte in der vergangenen Saison den Sprung in die erste Elf, und Innenverteidiger Stefan Bell (18) gab sogar Inter Mailand einen Korb und blieb lieber bei Mainz.

"Ich freue mich meinen Teil dazu beitragen zu können, die tolle Saison, die der 1. FSV Mainz 05 gespielt hat, in der nächsten Spielzeit zu bestätigen", sagte Holtby weiter. Klappt das, kriegt er wohl auch auf Schalke seine Chance – und folgt dem Weg, den Philipp Lahm vorzeichnete.

Peter Seiffert