Köln - Der FC Augsburg kehrte 2006 nach 23 Jahren Amateurfußball in die 2. Bundesliga zurück. Am vierten Spieltag feierten die Augsburger in Unterhaching ihren ersten Sieg. Es war der Startschuss für eine beachtliche Saison des Aufsteigers. Doch nicht nur der stete Aufstieg des FC Augsburg zu einer etablierten Kraft in der Bundesliga nahm im Generali-Sportpark in Unterhaching seinen Anfang, auch eine ganz besondere Faninitiative wäre ohne diesen Auswärtssieg vielleicht nie entstanden. Die Idee von "Augsburg Calling" wurde in Unterhaching geboren.

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Im Zentrum von "Augsburg Calling" steht Gerhard Seckler, dessen Leben zwei große Leidenschaften prägen: Fußball und Musik. Seit Kindesbeinen drückt der Gitarrist mit dem charakteristischen Cowboyhut dem FC Augsburg die Daumen. Sein Vater nahm ihn mit ins Rosenaustadion, als der große Helmut Haller seine Karriere in seiner Heimatstadt ausklingen ließ und internationalen Glanz versprühte. Auch in sportlich schwierigeren Zeiten hielt Seckler seinem FCA immer die Treue.

Schockmoment als Initialzündung

Der "General", wie Seckler meistens nur genannt wird, war auch in Unterhaching im Stadion und unterstützte seinen Club. In die Freude über den wichtigen Dreier mischte sich aber auch Ärger über einen Teil der mitgereisten Augsburger Fans, die die sowieso schon geknickten Hachinger Fans mit Schmähgesängen bedachten. "Gegen diese Stimmung müssen wir etwas tun", dachte Seckler damals. Seine Grundidee war eigentlich ganz einfach: Die Fans beider Lager sollten respektvoll miteinander umgehen. Gäste sollten sich bei einem Fußballspiel auch wie Gäste fühlen.

Aus diesem Gedanken heraus entwickelte sich das Projekt "Augsburg Calling", das vor jedem Heimspiel des FCA ein kulturelles Rahmenprogramm für Gästefans, aber auch für Augsburger Anhänger organisiert. In den letzten zehn Jahren hat sich der Umfang von Augsburg Calling dabei stetig vergrößert. Aus den gemeinsamen Fanpartys der Anfangszeit entwickelte sich ein Angebot, dass mittlerweile das ganze Wochenende abdeckt und neben den Partys und Konzerten auch Stadtführungen oder Museumsbesuche beinhaltet.

Die gelebte Willkommenskultur, die Augsburg Calling auszeichnet, ist auch eines der zentralen Anliegen vom "Pool zur Förderung innovativer Fußball- und Fankultur" (PFiFF), den der Ligaverband Anfang 2014 ins Leben rief. Seit der Spielzeit 2014/15 unterstützt PFiFF "Augsburg Calling" und ermöglichte es Seckler, das Programm weiter auszubauen. So werden die Programmpunkte mittlerweile inklusiv und barrierefrei veranstaltet. Darüber hinaus gibt es besondere Angebote für Familien mit Kindern.

Anerkennung erfährt Augsburg Calling aber nicht nur von der DFL, sondern auch von den Fans anderer Clubs, die sich häufig bei ihren Heimspielen für die Augsburger Gastfreundschaft revanchieren. Bei sogenannten "Recalls" organisieren Fans – wie zuletzt die Anhänger des FC Schalke 04 – ein gemeinsames Programm für die Gäste aus der Fuggerstadt. "Wir haben in Augsburg einen Samen gesät und daraus sind ganze Felder entstanden", freut sich Seckler über die Resonanz, die sogar über die deutschen Grenzen hinaus Wellen geschlagen hat.

Während der Saison 2015/16, in der der FCA in der Europa League spielte, organisierte Seckler internationale Ausgaben von Augsburg Calling. Er sorgte dafür, dass man in Europa nicht nur die Spielweise, sondern auch die Gastfreundschaft der bayrischen Schwaben in Erinnerung behalten wird. Für Seckler bleiben vor allem die Begegnungen mit Partizan Belgrad in ganz besonderer Erinnerung. "Viele haben direkt gesagt: Gegen Partizan kannst Du kein Augsburg Calling machen. Das sind die "Totengräber", die schlagen alles kurz und klein", erinnert sich der "General". Natürlich hat er nicht darauf gehört.

Fanparty auf der Donau als Highlight

Knapp 200 Fans von Augsburg und Partizan feierten nach dem Hinspiel gemeinsam bis in den frühen Morgen. Und das Mobiliar blieb völlig unversehrt. Die Gäste waren von der Aktion so angetan, dass sie für die FCA-Anhänger ebenfalls ein Programm auf die Beine stellten. Die Fanparty auf der Donau war für Seckler ein absolutes Highlight: "Der Recall in Belgrad war eine ganz eindrucksvolle Geschichte", schwärmt der General. Mit der gemeinsamen Feier beindruckten die beiden Fanlager sogar die lokale Presse, die in großen Artikeln darüber berichtete.

Mit den Europapokalabenden ist es in Augsburg zwar zunächst einmal vorbei, aber Augsburg Calling hat auch nach zehn Jahren nichts von seinem Flair verloren. Genau wie Gerhard "General" Seckler, der immer noch vor Tatendrang und Ideen sprüht. "Ich wünsche mir so ein Projekt in jeder Bundesliga-Stadt", sagt Seckler und schiebt hinterher: "Die Gastfreundschaft darf schließlich beim Fußball nicht aufhören." Wer kann einem General da widersprechen?

Florian Reinecke

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