München - Jens Keller ist quasi ein Gegenentwurf zu den Thomas Tuchels und Jürgen Klopps dieser Zeit, die 90 Minuten an der Seitenlinie auf und ab tigern, lächelnd, schreiend, schimpfend und wild gestikulierend. Der 42-Jährige ist eher ein ruhiger Zeitgenosse. Einer, der seine Emotionen zurückhält.

"Ich war schon als Spieler keiner, der auf den Zaun gesprungen ist, um die Massen zu begeistern", sagte Keller dem "kicker". "Und heute schlage ich keine Purzelbäume an der Linie." Weit weg von der Welt der Zaunsprünge und Purzelbäume zieht der gebürtige Stuttgarter sachliche Analysen vor, emotionale Ausbrüche sind ihm fremd. Seine nüchterne Art wird von Außenstehenden mitunter aber nicht als Coolness ausgelegt, sondern als mangelnde Ausstrahlung.

Draxler "weltklasse"



"Die Ausstrahlung kommt mit den Ergebnissen", glaubt Keller. Dahingehend müsste also ein erster Schritt gemacht sein. Denn Schalke ist in den vergangenen vier Spielen ungeschlagen geblieben, obwohl drei dieser Partien auswärts stattfanden. Zuletzt holten die "Königsblauen" gegen Fortuna Düsseldorf () und den VfL Wolfsburg () sogar zwei Siege in Serie. Ein Novum unter Keller, der im Dezember Schalkes "Jahrhunderttrainer" Huub Stevens beerbt hatte.

Vor allem der Offensivmotor der "Knappen" läuft wieder rund. Die Keller-Schützlinge erzielten in den vergangenen vier Spielen neun Treffer und erarbeiteten sich zehn Großchancen. In den drei Partien zuvor gegen den FC Augsburg, die SpVgg Greuther Fürth und den FC Bayern München war S04 dagegen nur ein Treffer bei insgesamt einer Hundertprozentigen geglückt.

Im Auswärtsspiel bei den "Wölfen" zauberte insbesondere Julian Draxler. Der Spielmacher glänzte mit einem Doppelpack und einer Vorlage. "Julian Draxler hat heute auf seiner Position eine Weltklasse-Leistung abgeliefert", lobte Keller. "Das freut mich unheimlich. Heute war es sensationell, was er gespielt hat." Die User von bundesliga.de sahen das genauso und wählten den Youngster zum "Spieler des 24. Spieltags".

"Ich kämpfe Woche für Woche"



Nicht nur die königsblaue Angriffsmaschinerie zeigt sich verbessert. Auch die Defensive - im bisherigen Saisonverlauf der größte Schwachpunkt - steht wesentlich stabiler. In den vergangenen beiden Spielen ließen Benedikt Höwedes und Co. nur 14 gegnerische Torschüsse zu. Allein bei der waren es 15.

Sowohl die Offensive als auch die Defensive profitiert vom hohen läuferischen Aufwand der Akteure. Schalke lief in Wolfsburg 116,4 Kilometer, so viel wie in dieser Saison noch in keinem Spiel. Auch 188 Sprints sind Bestwert, seitdem Keller das Traineramt nach dem 17. Spieltag übernommen hatte. Fleiß und Willen kann man den Gelsenkirchenern also definitiv nicht absprechen. Das untermauert nicht nur die Laufbereitschaft: Beim 1. FSV Mainz 05 und in Istanbul zeigte man zwei Mal Moral und erkämpfte jeweils nach einem Rückstand noch ein Remis.

Kellers Engagement und Beharrlichkeit in seiner Arbeit scheinen langsam zu fruchten. Der gebürtige Stuttgarter hat sich von der Skepsis, die ihm seit Beginn seines Engagements auf Schalke entgegengebracht wurde, nicht aus der Ruhe bringen lassen: "Ich kämpfe Woche für Woche, Tag für Tag, Training für Training, um etwas zu bewegen." Ganz ohne Zaunsprünge und Purzelbäume.

David Schmidt