Darmstadt - Lukas Hradecky stieß einen wilden Triumphschrei aus, als er die Treppenstufen vom Rasen heraufkam und sich den Mikrofonen der Journalisten näherte. "Das ist ein unglaubliches Gefühl", sagte der Keeper von Eintracht Frankfurt: "Wir leben wieder." Tatsächlich hatte die Eintracht in Darmstadt gerade den zweiten Sieg in Folge eingefahren (zum Spielbericht), und dass es nach dem Dreier gegen Mainz der zweite Derbysieg in Folge war, spielte dabei in diesem Moment nur eine untergeordnete Rolle. Die Hessen sind wieder zurück im Kampf um den Klassenerhalt!

Die interne Rechnung ist bis zum Saisonende derweil offenkundig: Gegen Dortmund, am kommenden Samstag, wäre es vermessen, Punkte einzuplanen. Am letzten Spieltag in Bremen will man sich dafür mit einem Sieg den Relegationsplatz sichern – auch der direkte Klassenerhalt scheint wieder greifbar nahe (zum Tabellenrechner). "Wenn wir unsere Hausaufgaben machen, müssen wir auf niemanden schauen", sagte Trainer Niko Kovac. "Wir haben jetzt alles wieder selbst in der Hand."

Sieg trotz schwacher erster Halbzeit

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Dabei hatte die Eintracht in der hitzigen Atmosphäre von Darmstadt anfangs einen ganz schwachen ersten Durchgang erwischt, in dem die Lilien 57 Prozent der Zweikämpfe gewannen und mit aufmerksamem Konterfußball immer wieder zu Torchancen kamen. Die Eintracht wirkte hingegen wie gelähmt. "In der ersten Halbzeit waren wir zu ängstlich", gab Kovac dann auch unumwunden zu. "Da haben wir nur reagiert und uns von den Darmstädtern das Spiel aufzwingen lassen." In den ersten 45 Minuten, so Kovac, habe er die "schlechteste Leistung seit ich hier Trainer bin" gesehen.

Umso erstaunlicher, dass nach dem Seitenwechsel ein vollkommen runderneuertes Team auf dem Platz zu stehen schien. Je selbstbewusster die Frankfurter auftraten, desto verzagter schienen die Darmstädter zu werden, die dann auch prompt in Rückstand gerieten, Makoto Hasebe traf mit einem abgefälschten Gewaltschuss (56.). Als Stefan Aigner den zweiten Treffer nachlegte (83.), war das Spiel entschieden. Wie bereits in der Vorwoche gegen Mainz 05 hatte die Eintracht einen Rückstand gedreht. Auch das ist beileibe kein schlechtes Signal im Abstiegskampf. Wer nach Rückschlägen zurückkommt, zeigt mentale stärke.

Zurück im Rennen um den Klassenerhalt

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Die Eintracht ist nun also mit 33 Zählern wieder im Rennen, punktgleich mit Stuttgart und nur noch zwei Zähler hinter den Lilien (zur Tabelle). Kein Wunder also, dass der Schütze des Siegtores keine Lust hatte zu erörtern, ob das Duell zwischen zwei Mannschaften, die jeweils eine Halbzeit klar dominierten, am Ende einen verdienten Sieger gefunden habe. "Das interessiert mich ehrlich gesagt gerade gar nicht", sagte Aigner. "Aber aufgrund der Leistung in der zweiten Halbzeit ist der Sieg nicht unverdient, finde ich."

Ob verdient oder nicht – ganz sicher könnte er als der Sieg in die Geschichte der Eintracht eingehen, der enorm half, eine reichlich durchwachsene Saison doch noch zu einem guten Ende zu bringen. Keeper Lukas Hradecky fragte jedenfalls nicht ohne Grund:  "Wenn uns das Spiel heute keinen Auftrieb gibt, was sollte uns dann Auftrieb geben?"

Aus Darmstadt berichtet Christoph Ruf