Leverkusen - Die großen Schlagzeilen der Vorrunde blieben anderen Stars vorbehalten. Mario Gomez, Klaas-Jan Huntelaar, Lukas Podolski oder Marco Reus spielten sich in den Vordergrund und erzielten Tore am Fließband. Die Entdeckung, der Aufsteiger der ersten Saisonhälfte aber dürfte ein ganz anderer gewesen sein.

Bernd Leno, der Torhüter von Bayer Leverkusen, hat eine rasante Entwicklung mitgemacht, vom Drittliga-Keeper zum Stammtorwart eines Champions-League-Achtelfinalisten.

Zum Saisonstart beim VfB II

Im Sommer rechnete sich Bernd Leno noch Chancen aus, im Profikader des VfB Stuttgart eine wichtige Rolle zu spielen. Der 19-Jährige hatte eine starke Saison bei der U23 des VfB gespielt und war vom Fachblatt "Kicker" zum besten Torhüter der 3. Liga auserkoren worden. Doch schnell legte das Stuttgarter Trainerteam um Bruno Labbadia fest, dass die Hierarchie im Tor der Schwaben unverändert bleiben würde. Für Leno war weiterhin nur der Platz in der zweiten Mannschaft vorgesehen.

Zähneknirschend akzeptierte das Riesentalent die Entscheidung. Seine Saison 2011/12 begann am 23. Juli auf der Bielefelder Alm. Der VfB siegte mit 2:1 beim Zweitliga-Absteiger. Leno hielt solide, auch noch in den beiden folgenden Partien bis ihm das Traumangebot ins Haus flatterte.

Bayer Leverkusen wollte ihn zunächst auf Leihbasis für ein halbes Jahr verpflichten, da sich der Stammkeeper Rene Adler schwer verletzt hatte und sich seine beiden Vertreter schwere Patzer erlaubt hatten. David Yelldell konnte bei Bayers 3:4-Pokaldebakel in Dresden nicht überzeugen, Fabian Giefer unterliefen beim 0:2 der "Werkself" in Mainz dicke Fehler. Bayer-Trainer Robin Dutt suchte händeringend nach einem starken Keeper, der Ruhe und Sicherheit ausstrahlte.

"Sehr coolen Eindruck gemacht"

So stand der nur den Insidern bekannte U19-Nationaltorhüter plötzlich im Tor des Vizemeister und debütierte am 2. Bundesliga-Spieltag gegen Werder Bremen. Viel zu tun bekam Bernd Leno an dem Nachmittag im August nicht. . Der junge Torwart wurde trotzdem mit Lob nur so überschüttet.

"Bernd Leno hat völlig unaufgeregt und souverän gespielt, wie die ganze Trainingswoche", fand Teamkollege Hanno Balitsch damals: "Er hatte keine Berührungsängste, war lautstark und selbstbewusst. Mir gefällt, dass er unspektakulär hält. Ich brauche keinen Torwart, der immer quer unter der Latte liegt und die Bälle zur Ecke faustet. Er hat alles sehr sicher absolviert und Ruhe auf die Mannschaft ausgestrahlt."

Auch Robin Dutt schloss sich der Meinung an: "Er hat einen sehr coolen Eindruck gemacht in den letzten drei Tagen. Ich habe mich irgendwann am Freitag erwischt, dass ich nicht mehr an den Torhüter gedacht habe. Das ist das beste Argument, das man für ihn ins Feld führen kann."

"Für mich ging alles riesig schnell"

Der Trainer brauchte sich über die Torwartfrage fortan keine Gedanken mehr zu machen. Während der Rest der Mannschaft und viele etablierte Stars in der gesamten Bundesliga-Vorrunde unter ihren Möglichkeiten blieben, spielte der "unbekümmerte Torhüter" (Lars Bender) eine sensationelle Hinrunde.

In seinen ersten drei Bundesliga-Spielen blieb er ohne Gegentor, eine Leistung, die zuletzt vor über zwanzig Jahren erbracht wurde. "Für mich ging alles riesig schnell von der 3. Liga bis in die Champions League. Solche Geschichten schreibt wohl nur der Fußball", sagt der Teenager.

Leno spielt viel mit dem Auge, erkennt Situationen früh und bevorzugt eher das nüchterne Torwartspiel. Spektakuläre Paraden sieht man selten bei ihm. Seine besten Spiele zeigt er gegen Dortmund, in Mönchengladbach und vor allem in der Champions League in beiden Partien gegen Chelsea und beim glücklichen Heimsieg gegen Valencia. Nach dem Spiel an der Stamford Bridge gab es für Leno sogar ein Lob und die Torwarthandschuhe von Chelsea-Keeper Petr Cech. Nur ein einziger schwerer Patzer unterläuft ihm bei seinen 22 Pflichtspieleinsätzen, beim Rückspiel in Valencia durch einen Fehlpass ein paar Sekunden nach dem Anpfiff.

Leverkusen und Stuttgart einigen sich

Die starken Leistungen eröffneten den Poker um seine Zukunft. Schließlich einigen sich die beiden Vereine Anfang Dezember. Bayer Leverkusen kaufte dem VfB Bernd Leno ab. Und nach der aktuellen "Rangliste des Fußballes" vom "Kicker" ist der Youngster gleich mal der zweitbeste Keeper in Deutschland.

"Für mich ist es traumhaft gelaufen, besser hätte es gar nicht laufen können", staunt Leno noch immer. "Alles hat auf Anhieb geklappt und lief problemlos." Des einen Glück ist des anderen Pech. Leverkusens langjährige Nummer 1 Rene Adler muss sich nun einen neuen Verein suchen.

Als Highlight wartet der FC Barcelona

Als bundesliga.de Mitte Dezember den Verein um einen Interviewtermin mit Bernd Leno bat, kam eine Absage. Verständlich bei dem Programm, das Leno in jenen Tagen vor dem Nürnberg-Spiel absolvieren musste. Auf seinem Terminzettel standen da u.a. schon der Besuch einer Wohltätigkeitsveranstaltung, eine Autogrammstunde im Fanshop, ein lange vereinbartes Zeitungsinterview und die Premiere im Aktuellen Sportstudio.

Bernd Leno geht mit der neuen Popularität prima um, meisterte sein TV-Debüt im ZDF-Klassiker und versenkte auch nervenstark den letzten Ball an der Torwand. Die Zeiten, in denen er in der 3. Liga gegen Vereine wie Heidenheim, Aalen oder Babelsberg spielen musste, dürften endgültig der Vergangenheit angehören. Statt dessen geht es gegen die Topteams Deutschland und in gut sechs Wochen gegen den Champions-League- und Weltpokalsieger FC Barcelona. Besser geht es nicht.

Tobias Gonscherowski