Bremen - In den letzten zehn Minuten der Partie Werder Bremen gegen Bayer Leverkusen hielt es im Weserstadion niemanden mehr auf den Sitzen. "Der SVW ist wieder da" schallte es durch die Arena. Und wie! Das 2:1 über den Champions-League-Achtelfinalisten war der vierte Werder-Sieg in Folge. Das schafften die Grün-Weißen zuletzt zwischen dem 30. und 33. Spieltag der Saison 2009/10. Vier Siege, die den viermaligen Deutschen Meister vom letzten Rang der Tabelle auf Platz acht katapultierten.

Leverkusen auf Rang 6 ist mit sechs Punkten Rückstand plötzlich näher als die auf die auf Relegationsrang 16 sieben Punkte hinter Bremen liegende Borussia aus Dortmund. Die Bremer sind die einzige Mannschaft mit Weißer Weste nach der Winterpause und führen die Rückrundentabelle an.

"Die Fans dürfen träumen"

Auf den Rängen fühlen sich die Anhänger an die großen Zeiten erinnert und träumen von einem weiteren "Wunder von der Weser" und großen Europapokalspielen. "Die Fans dürfen gerne träumen, aber wir bleiben auf dem Boden", stellt Kapitän Clemens Fritz klar (Die Stimmen zum Spiel Werder Bremen - Bayer Leverkusen).

"Ich habe die Europapokal-Gesänge gehört, aber nicht mitgesummt", verweist Davie Selke, der die Bremer in Minute 17 mit der ersten Bremer Chance in Führung brachte, darauf, dass "wir uns weiter im Abstiegskampf befinden".

In die gleiche Kerbe schlägt Zlatko Junuzovic, der in der 29. Minute mit einem sehenswerten Freistoß zum vorentscheidenden 2:0 traf: "Unsere Orientierung geht weiter nach unten. Wir haben noch viele schwere Spiele vor uns."

Skripnik baut die Abwehr um

Egal, welchen Werder-Spieler man fragt - alle haben die Linie von Skripnik verinnerlicht. "Wir stehen auf einem sehr attraktiven Platz", so der Werder-Coach zufrieden, "aber aus meinem Mund werden Sie keine Spekulationen hören. Wir schauen weiterhin nach unten und nicht nach oben."

Wie Skripnik das Unternehmen Klassenerhalt angeht, zeigt auch ein Blick auf die Aufstellung. Im Vergleich zum Hinspiel standen am Sonntag nur noch sechs Akteure aus der Mannschaft, die am 3. Spieltag ein 3:3 aus der BayArena entführte, in der Startformation.

Den Schwerpunkt legte Skripnik dabei auf die Defensive. Die Vierer-Abwehrkette hat der Trainer auf allen Positionen verändert. Mit Erfolg. Zwar stellt Werder mit 41 Gegentoren immer noch die schwächste Abwehr der Liga. Aber das sind Altlasten. 23 Treffer kassierten die Hanseaten an den ersten neun Spieltagen der Saison (2,6 pro Spiel), in den elf Partien unter Skripnik nur 18, mit 1,6 ein Tor weniger pro Spiel.

"Kritik nur unter vier Augen"

Und vorn stehen statt 1,1 Treffern pro Spiel exakt zwei zu Buche. Den Ausfall von Top-Stürmer Franco Di Santo, der beim 2:0-Erfolg Hertha BSC mit zwei Treffern allein abschoss und auch beim 2:1 in Hoffenheim traf, steckte die Mannschaft gut weg.

"Mit oder ohne Franco, wir machen zwei Tore pro Spiel", freut sich Skripnik und verrät ein weiteres Erfolgsgeheimnis. "Kritik gibt es nur unter vier Augen", so der 45-Jährige. "Wenn er meine Kabine verlässt, kann er sagen, wir haben über das Wetter gesprochen oder über Politik, auch wenn ich ihn gerade zusammengefaltet habe."

Und dann bemüht "Viktory", wie sie den Ukrainer nach nur elf Spielen auf dem Chefsessel an der Weser nennen, auch noch Alt-Bundestrainer Sepp Herberger und erinnert an Tugenden, die im Profi-Fußball längst als ausgestorben gelten: "Elf Freunde müsst ihr sein - so wie wir früher", appelliert er an die Spieler.

"So ein Miteinander kann man nicht kaufen"

"Wir haben eine sehr gesunde Hierarchie bei uns. So ein Miteinander kann man nicht kaufen", lobt Skripnik den Zusammenhalt im Team. Und Miteinander wollen die Hanseaten die kommende Aufgabe angehen. Da kommt es an der Weser zum Spitzenspiel zwischen dem Spitzenreiter und dem Dritten der Rückrundentabelle, dem FC Augsburg.

"Das wird ein ganz schweres Spiel", so Junuzovic. "Augsburg ist für mich die Mannschaft der Stunde." Um nach einem kurzen Stutzen ein "nach uns" hinzuzufügen. Am kommenden Samstag können der Spielmacher und sein Ensemble im direkten Vergleich klarstellen, wer die einzig wahre Mannschaft der Stunde ist und sich dafür von den Fans erneut mit Standing Ovations feien zu lassen.

Aus Bremen berichtet Jürgen Blöhs