Sechs Jahre spielte er für Borussia Dortmund, sieben für Bayern München. Thomas Helmer kennt beide Verein, die am kommenden Samstag (ab 15 Uhr im Live-Ticker/Liga-Radio) aufeinandertreffen, bestens.

Im exklusiven Gespräch mit blickt der 44-Jährige auf spektakuläre Spiele zurück, nennt Gründe für den Stotterstart der Topclubs und äußert sich zu Arjen Robben, dem neuen Superstar der Bundesliga.

bundesliga.de: Welche Erinnerungen verbinden Sie spontan mit der Begegnung Dortmund gegen Bayern? Gab es ein besonderes Spiel für Sie?

Thomas Helmer: Da gab es eine ganze Menge. Mein erstes Spiel mit dem BVB fand 1986 in München statt und endete 2:2. Das war das Spiel, in dem Frank Mill aus ein paar Metern an den Pfosten geschossen hatte. Für uns war das damals ein Riesenergebnis, weil der Verein gerade kurz vorher erst die Relegation geschafft hatte. Das zweite Spiel, an das ich mich gerne erinnere, war mein erstes Spiel für Bayern nach meinem Wechsel von Dortmund nach München, der ja 1992 für einigen Wirbel gesorgt hatte. Ich habe ein Tor geköpft, eins vorbereitet und wir haben 2:1 gewonnen. Danach hatte ich dann Ruhe. Und bei meinem letzten Spiel mit Bayern in Dortmund sollte ich erst nicht spielen. Doch dann fiel Lothar Matthäus aus. Ich habe als Libero angefangen, doch wir mussten bald umstellen, weil Sammy Kuffour wieder einmal vom Platz geflogen war. Dann musste ich mit Thomas Linke hinten Mann gegen Mann verteidigen. Wir haben dann nach Toren von Carsten Jancker und Alexander Zickler noch 2:2 gespielt. Es ging immer hoch her.

bundesliga.de: Wie sind Ihre Sympathien heute verteilt?

Helmer: Das kann ich nicht so genau sagen. Ich habe aber zu meinen ehemaligen Dortmunder Kollegen wie Norbert Dickel, Günter Kutowski, Erdal Keser, Michael Lusch und anderen mehr Kontakt. Gerade jetzt auch zum 100-jährigen Bestehen des BVB. Viele Freundschaften halten bis heute. Das hat sich so ergeben. Es war noch eine andere Zeit, als ich beim BVB spielte. Da war der Druck noch nicht so groß, der BVB konnte den Bayern noch nicht so Paroli bieten wie dann einige Jahre später.

bundesliga.de: Kommen wir zum Spiel am Samstag. Da trifft lediglich der 12. auf den 8. der Tabelle. Beide Teams sind nicht optimal gestartet. Woran hat es gelegen?

Helmer: Die Bayern haben sich gedacht, dass es mit dem neuen Trainer schneller klappt. Ein Grund ist sicher auch, dass sie in der Saisonvorbereitung sehr viele Spiele absolviert haben und kein richtiges Trainingslager hatten. Und sie haben ihr Defensivverhalten noch nicht im Griff, ob das nun der Torwart oder die Abwehrspieler sind. Die Dortmunder Leistungen kommen für mich nicht so überraschend. Sie haben einfach einen Kader, der selbst im Optimalfall maximal den fünften Platz schaffen kann. Bitter für den BVB ist vor allem der Ausfall von Sebastian Kehl, der in ihrem System eine ganz wichtige Rolle einnimmt.

bundesliga.de: Beide Clubs haben vor der Saison wichtige Spieler ziehen lassen. Frei bei Dortmund, Lucio und Ze Roberto beim FC Bayern. War das richtig?

Helmer: Ich konnte die Wechsel nachvollziehen. Ich bin generell der Meinung, dass den Bayern eine Auffrischung ihres Kaders gut tut. Allerdings haben sie niemanden für die Abwehr geholt. Und Ze Roberto wollten sie durch Anatoliy Tymoshchuk ersetzen. Bei Alex Frei hat die Torquote immer gestimmt, allerdings hat er sehr viele Tore durch Standards gemacht. Er ist kein Dribbler und hat von seinem Engagement und seiner Laufbereitschaft nicht richtig ins System und in die Philosophie von Jürgen Klopp gepasst. Aber man muss natürlich adäquaten Ersatz für ihn holen.

bundesliga.de: Was spricht am Samstag für den BVB?

Helmer: Dortmund gegen Bayern ist natürlich immer etwas ganz Besonders, das Highlight im Jahr. Sie spielen zuhause. Sie haben allerdings das Pech, dass die Bayern gegen Wolfsburg 3:0 gewonnen haben und langsam in Form kommen. Man muss abwarten, wie sich die zweiwöchige Länderspielpause auswirkt und wie kaputt die Nationalspieler sind. Da hat Bayern ja einige mehr als der BVB.

bundesliga.de: Und was spricht für die Bayern?

Helmer: Die Euphorie um Arjen Robben. Auf ihn fokussiert sich jetzt alles, das ist dann auch die Chance für andere Spieler wie etwa Bastian Schweinsteiger, der auch Akzente setzen kann. Sie sind jetzt in der Offensive schwerer auszurechnen. Franck Ribery will auch wieder zeigen, was er kann.

bundesliga.de: Macht Robben den Unterschied aus?

Helmer: Das glaube ich nicht. Das ist bei ihm genauso wie jetzt bei Mesut Özil. Nach einem guten Spiel oder wie bei Robben nach einer guten Halbzeit sollte man die Spieler noch nicht als Heilsbringer feiern. Die Wolfsburger haben sich in München nicht gerade clever angestellt und das Spiel selbst aus der Hand gegeben. Bei Robben muss man abwarten, wie konstant seine Leistungen in Zukunft sein werden. Er hatte nicht so viel Spielpraxis in letzter Zeit. Es kann sein, dass er in ein Loch fällt. Auf alle Fälle wird es interessant sein, seine weitere Entwicklung zu verfolgen.

bundesliga.de: Warum trauen Sie dem BVB in dieser Saison nicht mehr als Platz fünf zu?

Helmer: Es gibt einfach einige Teams, die über einen besseren Kader verfügen als der BVB. Ich hoffe, sie verbessern sich wieder ein bisschen und kommen dann bald wieder dauerhaft zurück in die Bundesliga-Spitze. Das täte dem Verein und den Fans sehr gut.

bundesliga.de: Die oligatorische Schlussfrage: Wie geht das Spiel am Samstag aus, Ihr Tipp?

Helmer: Ich habe neulich wieder meinen Freund Nobby Dickel (Dortmunds Stadionsprecher, Anm.d.Red.) getroffen und ihm ein 2:2 prophezeit. Das würde auch am Ende den Bayern reichen.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski