München - Bei all der Euphorie um den Höhenflug des FC Bayern droht man derzeit völlig die Leistungen von Werder Bremen zu übersehen. Auf leisen Sohlen und durch stetige Erfolgserlebnisse haben sich die Norddeutschen auf den 2. Tabellenplatz vorgeschlichen. In Bremen regiert dennoch die Bescheidenheit, schließlich erinnern sich die Hansestädter noch gut an die Rückschläge der vergangenen Saison.

Der 29-jährige Werder-Keeper Tim Wiese spricht mit der Stimme der Vernunft: "Wir schauen jetzt erstmal von Spiel zu Spiel. Wir waren in der Vergangenheit zu unkonstant, um jetzt über andere Dinge zu reden." Auch Kapitän Clemens Fritz mahnt: "Wir haben eine sehr gute Mannschaft, wenn wir weiter so arbeiten, ist ein Platz im internationalen Wettbewerb möglich. Wir tun aber gut daran, ansonsten die Füße erst mal still zu halten."

bundesliga.de hat den Bremer Datendschungel durchforstet und stellt fest: Der Erfolg kommt nicht von ungefähr.

Andreas Wolf ist der Bremer Talisman

Vier Siege aus fünf Spielen - Die Grundlage für diese beachtliche Zwischenbilanz bildet eine solide Defensive. Im Schnitt kassierte Werder nur ein Tor pro Spiel, letzte Saison waren es nach dem 34. Spieltag stolze 61 Gegentreffer. Grund für die verbesserte Defensive sind unter anderem die zu 54 Prozent gewonnenen Zweikämpfe. In dieser Statistik wie in der Tabelle muss sich Bremen nur gegenüber dem FCB geschlagen geben.

Fritz hat sich sogar ein Sonderlob verdient: Er steigerte sich deutlich im Vergleich zur Vorsaison und gewann an den fünf Spieltagen starke 70 Prozent seiner Zweikämpfe. Abwehrrecke Andreas Wolf reiht sich mit 65 Prozent knapp hinter seinem Kollegen in die Statistik ein.

Außerdem avanciert er mittlerweile zum Glücksbringer der Bremer: Bei den Siegen stand der Neuzugang aus Nürnberg jeweils über die vollen 90 Minuten auf dem Platz, während er bei der einzigen Niederlage in Leverkusen fehlte. Auch Schlussmann Wiese trägt sein Schärflein bei: Er vereitelte bereits sechs Großchancen, so viele wie kein anderer Bundesliga-Torwart.

Werder lässt sich nicht zwei Mal bitten

Auch offensiv stimmt es momentan einfach bei Werder. 83 Torschüsse kann sich der Club auf die Fahnen schreiben. Elf Tore sind zu diesem Zeitpunkt der zweitbeste Wert der Bundesliga, nur übertroffen von den Bayern. An Vielseitigkeit fehlt es den Norddeutschen dabei nicht, vier Kopfballtore waren dabei.

Zu den positiven Veränderungen zählt auch die Effektivität. Wenn die Elf um Chefcoach Thomas Schaaf in der Saison 2010/11 nicht einmal jede zweite Großchance nutzen konnte, brachte sie in der laufenden Spielzeit hingegen ganze sieben von elf 100-prozentigen Chancen im gegnerischen Kasten unter. Und wo es gerade schon mal läuft - Bremen schoss fünf Tore in der letzten Viertelstunde der Spiele. Das spricht sowohl für die Fitness als auch den Kampfgeist der Mannschaft.

Arnautovic, der "Schmetterling"

Zum Erfolgsrezept gehören neuerdings auch Jokertore. Für Werder traf in der gesamten Vorsaison lediglich drei Mal ein Einwechselspieler, so viele wie jetzt schon nach nur fünf Spielen. Die Torschützen hießen Wesley, Markus Rosenberg und Marco Arnautovic.

Letzterer macht gerade eine Metamorphose vom "Problemfall" zum Leistungsträger durch. Gegen den HSV bestätigte er den Aufwärtstrend mit beispielhaftem Engagement. Er legte 21 Sprints hin - die meisten aller Spieler in dieser Partie.

Auch Marko Marin orientiert sich an den Besten der Bundesliga. Thomas Müller vom Rekordmeister gab die meisten Torvorlagen, mit vier vorbereiteten Treffern ist Marin ihm aber dicht auf den Fersen.

Geht's Pizarro gut, geht's auch Werder gut

Einsame Spitze im Werder-Kader ist dennoch ein anderer: Claudio Pizarro ist der Erfolgsgarant schlechthin an der Weser. In der aktuellen Saison war der Peruaner schon an vier Toren beteiligt, darunter drei direkte Treffer und eine Torvorlage.

Aber wehe er fällt aus: Seit seiner Rückkehr nach Bremen im Jahr 2008 gewann der Club nur vier von 29 Bundesliga-Partien ohne ihn. Verletzungsbedingt bestritt der 32-Jährige nur 22 Spiele in der Saison 2010/11, in denen er jedoch mächtig aufs Gaspedal trat und sich noch 15 Scorer-Punkte holte.

All das kann nur eines bedeuten: Die Schwachstellen muss man bei Werder Bremen derzeit mit der Lupe suchen, im Verein herrschen Zufriedenheit und Harmonie. Auch Geschäftsführer Klaus Allofs demonstriert Gelassenheit und stimmt mit ein in den Chor der leisen Helden: "Wir sind keine Bayern-Jäger, wir sind Punkte-Jäger."

Sabine Glinker