Erst zwei Niederlagen hat der BVB in dieser Saison hinnehmen müssen - das ist Liga-Bestwert! In der Tabelle reicht es derzeit dennoch nur zu Rang 6, weil die Borussia mit dem 1:1 gegen Leverkusen bereits das neunte Unentschieden verbucht hat. Auch eine Bestmarke, auf die man in Dortmund aber gern verzichten könnte.

Doch die Remiskönige der Liga plagt vor dem Gastspiel beim FC Bayern am Sonntag ein weiteres Problem, nämlich die Suche nach Konstanz über neunzig Minuten.

Nur zwei Mal als Verlierer den Platz verlassen

Erst zweimal in dieser Saison musste der von Jürgen Klopp runderneuerte BVB den Platz als Verlierer verlassen. Aus Hoffenheim (1:4) und Hamburg (1:2) konnten die Dortmunder Elf keinen Punkt mitnehmen. Sonst gelang es aber keinem der Spitzenteams, den BVB zu besiegen. Bayern (1:1) und Hertha BSC (1:1) scheiterten ebenso wie Leverkusen, das der 2:3-Niederlage zum Saisonauftakt jetzt ein 1:1 in Dortmund folgen ließ.

Das hat seine Ursache vor allem im veränderten Defensivverhalten der Borussia. Aus der Schießbude der Vorsaison (62 Gegentore!) ist eine stabile und kompakte Deckung geworden, die bislang erst 20 Gegentore zuließ.

Verteidigung beginnt im Sturm

Unter Klopp müssen auch die Stürmer schon defensive Aufgaben wahrnehmen und viel Laufarbeit auch ohne Ball verrichten. Zudem installierte der Trainer mit den jungen Neven Subotic (20) und Mats Hummels (20) eine "Küken-Abwehr", die ihre Aufgaben erstaunlich routiniert löst. Beide schlugen voll ein, Subotic erwies sich zudem als torgefährlicher Innenverteidiger (fünf Tore).

Einziger Wermutstropfen - der BVB verliert zwar wenige Spiele, gewinnt aber auch selten. Und das gilt nicht nur für die Duelle gegen ambitionierte Vereine. Auch gegen Bielefeld (0:0), Bochum (1:1) und Hannover (1:1) reichte es jeweils nur zu einem Remis.

Noch zuhause ungeschlagen

Besonders auffällig ist dabei eine ausgesprochen mäßige Heimbilanz. Positiv ausgedrückt hat der BVB zwar keines seiner bislang zehn Heimspiele verloren. Aber sieben der insgesamt neun Unentschieden verbuchte die Mannschaft im heimischen Signal-Iduna-Park: Nur dreimal konnte man den Platz als Sieger verlassen. Zu wenig auch für die Ansprüche des BVB. Wer sich oben festsetzen will, sollte daheim stärker auftrumpfen.

Bei der Ursachenforschung haben die Verantwortlichen den Stein der Weisen noch nicht gefunden. "Zwischen unseren Auftritten auswärts und daheim kann ich keinen Zusammenhang feststellen. Wenn mir das gelungen ist, werde ich Bescheid geben", kommentiert Jürgen Klopp die Statistik.

Oder doch Heimkomplex?

Dass Deutschlands größte Kulisse mit bis zu 80.000 Fans die Mannschaft zu sehr unter Druck setzt, glaubt der Trainer nicht: "Angetrieben von den Fans haben wir hier auch schon tolle Siege gefeiert wie das 3:0 gegen Stuttgart oder das 4:0 gegen Frankfurt."

Von einem Heimkomplex will man darum beim BVB nicht reden - noch nicht. "Wir hatten auch zu Hause unsere Chancen, auswärts haben wir sie vielleicht besser und konsequenter genutzt", analysiert Kapitän Sebastian Kehl.

Nur eine Halbzeit lang stark

Unter diesem Aspekt können Klopp und Co. fast froh sein, gegen den FC Bayern am Sonntag auswärts antreten zu dürfen. Doch seit dem Start der Rückrunde plagt den BVB ein weiteres Problem. Sowohl beim Pokal-Aus gegen Werder Bremen (1:2) als auch zum Rückrundenstart gegen Bayer Leverkusen bot die Mannschaft nur eine Halbzeit lang eine starke Leistung.

Hoch konzentrierter Tempofußball mit aggressivem Pressing, das den Gegner kaum zur Entfaltung kommen lässt, das ist das Klopp-Modell, das der BVB in der Hinrunde ein ums andere Mal erfolgreich auf den Rasen zauberte. Doch gegen Werder und Bayer gelang das eben nicht über neunzig Minuten, stattdessen folgte zur Halbzeit der kollektive Leistungsabfall.

Fit und spritzig

Mangelnde Fitness schließen sportliche Leitung und Spieler als Ursache aus. "Jeder einzelne Spieler ist fit und spritzig", beteuert Alexander Frei. Und Jürgen Klopp feierte erst unlängst im Trainingslager "sensationelle Laktatwerte, die ich als Trainer noch nicht erlebt habe".

Der Trainer sieht das aktuelle Problem auf anderer Ebene. "Meine Spieler haben zuletzt zweimal das Zutrauen in die eigene Leistungsstärke und damit auch in unser System verloren." Ordnung und Durchschlagskraft blieben dabei gleichermaßen auf der Strecke. Das will Klopp jetzt ändern - am liebsten schon in München.

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte