Der Triple-Traum des FC Bayern lebt, die Tür zum Champions-League-Finale im Estadio Santiago Bernabeu ist nach dem 1:0 im Halbfinalhinspiel gegen Olympique Lyon weit aufgestoßen. Bedanken dürfen sich die Münchner dafür erneut beim Siegtorschützen Arjen Robben - und ein bisschen auch bei den Haarspitzen von Thomas Müller.

Der junge Münchner war es, der seine Locken in der 69. Minute in die Flugbahn von Arjen Robbens sattem Linksschuss hielt. "Gott sei Dank war ich nicht beim Friseur, obwohl ich eigentlich gehen wollte", erklärte der 20-Jährige schmunzelnd. Seine Haarpracht war mitentscheidend, denn der französische Nationalkeeper Hugo Lloris sah den abgefälschten Ball nur noch neben sich in den Maschen einschlagen.

"Haben ganz Europa gezeigt, wie stark wir sind"

"Wir haben gespielt, wie eine Finalmannschaft spielen muss", freute sich FCB-Präsident Uli Hoeneß, "wir haben Lyon über weite Strecken an die Wand gespielt." Sehr zufrieden sei er, konstatierte auch Bayern-Trainer Louis van Gaal: "Ich denke, dass wir ganz Europa wieder gezeigt haben, wie stark wir sind." Gezeigt hatten die Münchner vor allem, wie stark sie nach einem Rückschlag sind. Die Geschichte des Lyon-Spiels ist die Geschichte des FC Bayern in dieser Champions-League-Saison: Erst setzt es einen empfindlichen Dämpfer, anschließend kämpft sich das Münchner Ensemble, bestehend aus vielen leidenschaftlich kämpfenden Arbeitern und zwei Künstlern auf der Außenbahn, wieder zurück.

Ausgerechnet einer der Virtuosen am Flügel war es, der dieses Mal für den Rückschlag sorgte. In der 37. Minute kam Franck Ribery gegen Lyons Topstürmer Lisandro Lopez zu spät und traf ihn mit gestrecktem Bein am Knöchel. Zur Überraschung vieler zückte der Unparteiische Roberto Rosetti aus Italien glatt Rot. Das Ende der Finalträume für den französischen Dribbelfilou? "Erst einmal müssen wir das Rückspiel Lyon spielen, dann können wir über die Sperre reden", erklärte Präsident Hoeneß. Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender des FCB, hofft, dass der europäische Verband im Falle eines Finaleinzugs Milde walten lässt. "Die Leute bei der UEFA haben sicher auch ferngeschaut und gesehen, dass die Entscheidung extrem hart war." Über das endgültige Strafmaß entscheidet der Verband am 28. April.

Publikum gibt die Richtung vor

Etwas Positives hatte der Platzverweis: Das sonst als eher schüchtern geltende Münchner Publikum geriet nach dieser Aktion in geradezu südländische Wallung, wenn der Schiedsrichter die Pfeife an den Mund setzte oder sich ein Gegenspieler auch nur in die Nähe des Münchner Strafraums traute. "Nach der roten Karte war richtig Feuer drin", befand Müller. Und Philipp Lahm meinte: "So wie heute habe ich das hier selten erlebt, das war sensationell". Das erste Highlight des Abends hatten die 66.000 Zuschauer in der Allianz Arena schon beim Einlaufen der Teams gesetzt: mit einer fulminanten Choreographie. Die Fans reckten rote und weiße Folienfetzen in die Höhe, die das Motto des Abends auf die Gegentribüne zauberten. "Pack ma's", war dort in überdimensionalen Lettern zu lesen.

Die Mannschaft nahm den Auftrag an, erst Recht in Unterzahl. Die Defensive um den starken Martin Demichelis stand exzellent, nach vorne blieben die von Bastian Schweinsteiger gut organisierten Hausherren auch zu zehnt gefährlich. "Wir wollten in erster Linie zu Null spielen", sagte Lahm, "das war die taktische Ausrichtung in der Pause". Als dann der französische Nationalspieler Jeremy Toulalan nach wiederholtem Foulspiel neun Minuten nach Wiederanpfiff mit Gelb-Rot vom Platz flog, da legten die Münchner richtig los und wollten mehr. Wie das Kaninchen vor der Schlange verhielt sich der französische Serienmeister nach dieser Aktion. "Wir haben nur auf ein Tor gespielt", so van Gaals Analyse der Schlussphase.

Hoeneß lobt "gute Entwicklung"

Für den niederländischen Taktikfuchs war es der nächste Schritt zum Husarenstück, zu den Gladiolen, wie der 58-Jährige gerne sagt: Weiterhin kann er drei Titel in seiner Debütsaison holen, die alles andere als perfekt begonnen hatte. "Der Trainer hat eine gute Entwicklung eingeleitet", lobt Präsident Hoeneß.

Damit der Münchner Trainer und seine Schützlinge weiter vom dreifachen Triumph träumen dürfen, müssen sie am Wochenende in Gladbach die Umstellung auf den Ligaalltag schaffen, bereits drei Tage später gilt es im Stade Gerland zu bestehen.

Die Franzosen haben indes ihr Spiel gegen Monaco verlegt und deshalb eine knappe Woche zur Regenerierung. "Die mussten ja dieses Mal mit dem Bus fahren, das gleicht sich aus", glaubt Thomas Müller. "Wir sind den Rhythmus gewohnt. Wir haben auch in Manchester bestanden, obwohl wir drei Spiele in der Woche hatten. Da müssen wir durch", betonte der Youngster. Und klang dabei, als bliebe auch in den nächsten Tagen wenig Zeit für einen Friseurtermin.

Aus der Allianz Arena berichtet Andreas Messmer