München - Ein Novum gleich zu Beginn: Der 1. FC Kaiserslautern und der FC St. Pauli haben Bundesliga-Geschichte geschrieben - unabhängig davon, wie die Saison letztlich für sie ausgeht. Martin Wagner, der über 200 Bundesliga-Spiele für den FCK bestritt, hofft nun auf eine euphorische Stimmung rund um den Betzenberg.

"Wichtig war für den FCK, das wir erfolgreich starten", sagt Wagner im Gespräch mit bundesliga.de. Weil das Kaiserslautern ebenso wie St. Pauli gelang, ist ein Eintrag in die Geschichtsbücher sicher. Denn dass alle Aufsteiger am 1. Spieltag gewinnen, das gab es noch nie. Beide Mannschaften zeigten darüber hinaus eine tolle Moral, drehten einen 0:1-Rückstand und gewannen ihr Auswärtspiel mit 3:1.

Erinnerungen an 1998

In Kaiserslautern werden nun natürlich Erinnerungen wach an die legendäre Spielzeit 1997/98. Auch damals schrieben die "Roten Teufel" Geschichte, siegten zum Start mit 1:0 bei den Bayern und wurden am Ende Deutscher Meister - als einziger Aufsteiger in der Liga-Historie.

Nun ist der 1. FC Köln nicht mit dem FC Bayern München zu vergleichen. Sdrjan Lakic, Doppeltorschütze in Köln, warnt deswegen gegenüber bundesliga.de davor, in Euphorie zu verfallen: "Für uns ist nur wichtig, dass wir einen Sieg geholt haben. Wir dürfen das aber nicht überschätzen. Das kann für uns tödlich sein." Und Martin Wagner, der 1998 mit dem FCK den Titel holte, fände einen Vergleich der beiden Mannschaften unfair.

Kuntz: "Ruhig weiterarbeiten."

Ein Blick auf die Tabelle ist also tabu. "Es ist unseriös, nach dem 1. Spieltag auf die Tabelle zu gucken. Den Fans macht es sicher Spaß, aber wir müssen realistisch bleiben", sagte Lakic. Vorstandschef Stefan Kuntz warnte: "Es bringt nichts, sich jetzt feiern zu lassen. Die Schlagzeilen holen einen am nächsten Wochenende schon wieder ein."

Auch Wagner glaubt, dass Mannschaften wie Köln, St. Pauli oder Freiburg der Gradmesser sind. "Die Mannschaft sollte die Euphorie des Aufstiegs mitnehmen, und dann drücke ich der ganzen Region die Daumen", sagte er zu bundesliga.de. Dabei setzt der ehemalige Mittelfeldspieler vor allem auf die Stimmung rund um den Betzenberg: "Die Mannschaft hat es verstanden, mit Trainer Marco Kurz und Stefan Kuntz wieder etwas aufzureißen, was ein bisschen eingeschlafen war beim FCK."

"Annähernd ordentliche" Leistung

Begünstigt wurde der Sieg durch den schnellsten Platzverweis der Bundesliga-Geschichte. Nach gerade mal 87 Sekunden sah Kölns Youseff Mohamad Rot. Dem FCK fiel bis zur 70. Minute wenig ein, um den FC-Abwehrverbund zu knacken - bei 67 Prozent Ballbesitz und 17:10 Torschüssen sprach aber am Ende nicht nur Kölns Trainer Zvonimir Soldo von einer verdienten Niederlage. Sein FCK-Kollege Kurz bewertete die Leistung seines Teams als "annähernd ordentlich".

Das macht den Lauterern Mut. 1997/98 gewann der FCK sechs der sieben ersten Spiele, ausgerechnet in Köln ließ man beim 0:0 einen Punkt liegen. Eine ähnliche Serie dürfte sich nun schwierig gestalten: Am 2. Spieltag kommen die Bayern auf den Betzenberg, zwei Runden später empfängt man Hoffenheim, und am 5. Spieltag geht es nach Dortmund. In das Spiel gegen Bayern aber kann das Team laut Martin Wagner mit breiter Brust gehen und sowieso am Wenigsten verlieren. Die Basis für eine sorgenfreie Saison ist also gelegt.

Nasser Stanislawski tanzt über den Rasen

Während die FCK-Verantwortlichen bemüht waren, den Ball flach zu halten, gab es für St. Paulis Trainer Holger Stanislawski nach dem 3:1 in Freiburg kein Halten mehr. Erst ballte er euphorisch die Faust und tanzte wild, dann ließ er sogar wehrlos eine Wasserdusche seiner Profis über sich ergehen.

"Als ich die Bilder später sah, habe ich mich gar nicht wiedererkannt. Ich war so nass, als hätte ich selbst mitgespielt. Das waren Emotionen", sagte Stanislawski und verriet das Geheimnis des ersten Erfolges: "Die Jungs haben gemerkt, dass sie wirklich Bundesliga spielen können." Eine ganz wichtige Erfahrung für das Team, das im Pokal nach einem 0:1 beim Chemnitzer FC ausgeschieden war, die große Euphorie rund ums Millerntor aber schnell wieder entfachen konnte.

St. Pauli setzt weiter auf die Mannschaft

Trotz des 0:1-Rückstandes beim SC war der Sieg der "Kiezkicker" verdient. Die Mannschaft gewann über 60 Prozent ihrer Zweikämpfe und verbuchte 17:9 Torschüsse. Stanislawski bewies mit der Einwechslung von Richard Sukuta-Pasu (ein Tor, ein Assist) und Fin Bartels (ein Tor) ein glückliches Händchen.

Statt auf einzelne Spieler setzt St. Pauli aber weiter auf das Team. "Die anderen haben vorher die Freiburger Abwehr so erschüttert und wund gemacht, dass es die Einwechselspieler dann leicht hatten", meinte Sportchef Schulte getreu dem Motto "Der Star ist die Mannschaft". So will der Club auch am kommenden Wochenende gegen 1899 Hoffenheim bestehen, den ersten Tabellenführer der Saison.

Eine Garantie für eine gute Saison ist ein Auftaktsieg ohnehin nicht: Im Vorjahr startete Hertha BSC mit 1:0 gegen Hannover 96. Das Ende ist bekannt. Die drei Aufsteiger Nürnberg (1:2 gegen Schalke), Mainz (2:2 gegen Leverkusen) und Freiburg (1:1 gegen Hamburg) konnten alle nicht gewinnen - und blieben am Ende drin.

Peter Seiffert