Hamburg - Der Kiez stand Kopf! Nach über 33 Jahren feierte der FC St. Pauli endlich mal wieder einen Sieg im Derby über den großen Nachbarn Hamburger SV. Nicht nur ein Großteil der Fans weiß von dem 2:0-Erfolg am 3. September 1977 aus Erzählungen, auch Gerald Asamoah, der am Mittwoch zum 1:0-Endstand traf, war damals noch gar nicht geboren.

Selbst am Tag nach dem Derby konnte der 32-Jährige die Dimension seiner Tat nicht erfassen. "Ich weiß aus Schalke, was ein Derby-Sieg über Lüdenscheid bedeutet, aber ich bin zu kurz bei St. Pauli, um die Dimension hier zu begreifen. Aber mein SMS-Speicher war schon gestern Abend voll", erzählte der Angreifer bundesliga.de.

Top-Scorer der Rückrunde

"Und von Franz Gerber (schoss 1977 das 1:0 beim 2:0-Erfolg; die Red.) wurde schon vor dem Hinspiel pausenlos geredet. Jetzt wird in 30 Jahren immer noch von Gerald Asamoah gesprochen. Das ist schon ein tolles Gefühl." - Zeit genug, die Dimension dieses "historischen Tages", wie Sportdirektor Helmut Schulte den 16. Februar nannte, zu begreifen.

Asamoah schrieb mit seinem Treffer nicht nur die wohl nur kurzlebige Geschichte von der Tabellenführung des Aufsteigers FC St. Pauli in der Rückrundentabelle und ihm selbst als Top-Scorer der Liga nach der Winterpause, sondern auch Bundesliga-Geschichte: Als der ehemalige Nationalstürmer in der 70. Minute Dennis Daube Platz machte, notierten die Statistiker seinen 129. Wechsel im 297. Bundesligaspiel.

Damit verdrängte Asamoah den Ex-Dortmunder Lars Ricken von der Position des meist gewechselten Spielers der Liga. "Ich geb' eben immer alles und war jedes Mal kaputt", flachste der Ex-Schalker, der am Abend nach dem Spiel "früh zu Bett gegangen" ist.

"Derby-Sieg"

Denn anders als die Fans konnten die Spieler nicht auf den Sieg anstoßen. Bereits am Samstag muss der FC St. Pauli beim Tabellenführer Borussia Dortmund ran.

Sehr zum Leidwesen nicht nur von Benedikt Pliquett. Der Keeper war nach dem Schlusspfiff nicht einzufangen und umarmte jeden, der ihm im Weg stand. Stolz präsentierte der 1,99-Meter-Hüne sein braunes T-shirt mit der Aufschrift "Derby-Sieg", das er nach dem Abpfiff trug.

"Ein Sieg im Derby - und das in meinem ersten Bundesligaspiel. Wahnsinn", rang der 26-Jährige, dem Holger Stanislawski "schon vor fünf Wochen verraten" hatte, dass er im Derby zwischen den Pfosten stehen würde, nach Worten.

Test unter höchstem Druck

Eine Maßnahme, mit der der Trainer selbst eingefleischte St.-Pauli-Kenner und auch seine Spieler überraschte. "Ich hatte beim Spiel in Köln bewusst Thomas Kessler für den verletzten 'Matze' Hain ins Tor gestellt, obwohl Pliquett damals vielleicht ein Stück näher dran war. Aber ich wollte Kessler bei seinem alten Verein unter höchstem Druck testen, ob er uns weiterhelfen kann. Und heute habe ich das mit Pliquett im Derby so gemacht. Beide haben ihre Sache sehr gut gemacht."

"Das hätte ich mich wohl gerade vor so einem Derby nicht getraut", gab HSV-Trainer Armin Veh zu, dass dieser Schachzug schon "sehr ungewöhnlich" gewesen sei.

"Wir erzählen den Spielern Woche für Woche, dass sie stark genug sind für die erste Mannschaft, dann müssen wir das auch mal machen", schließt Stanislawski Überraschungen bei der Aufstellung auch für die Zukunft nicht aus.

Schalke-Leihgabe beim BVB nur Zuschauer

Vielleicht folgt die nächste Überaschung ja schon am Samstag beim Tabellenführer. In Dortmund muss der Austeiger Carlos Zambrano ersetzen.Während der von Schalke 04 ausgeliehene Innenverteidiger ausgerechnet gegen Dortmund wegen seiner fünften Gelben Karte pausieren muss, brennt der Ex-Knappe Asamoah trotz seiner Knieverletzung aus einem Duell mit Heiko Westermann, ebenfalls einem ehemaligen Schalker, auf seinen Einsatz.

"Ich muss noch zum Arzt, aber für Samstag werde ich auf die Zähne beißen. Da will ich unbedingt spielen", sagte der Top-Scorer. Und am liebsten mit einem Sieg den Kiez erneut auf den Kopf stellen.

Jürgen Blöhs