Köln/Rom - Das Stadio Olimpico ist längst ausverkauft mit 70.000 Fans, die dem Club eine Rekordeinnahme von drei Millionen Euro einbringen. Vor dem Duell mit dem FC Bayern München (Dienstag ab 20.30 Uhr im Liveticker) ist die knisternde Euphorie in Rom spürbar, auch wenn sich der AS Rom in der Underdog-Rolle gefällt.

"Ein Weiterkommen in dieser Hammergruppe wäre bereits ein Riesenerfolg. Gegen München besitzen wir nur eine Chance, wenn wir 120 und die Bayern 70 Prozent abrufen", stapelte Coach Rudi Garcia tief. Etwas zu viel Bescheidenheit angesichts seiner spielstarken Elf.

Doch Rom wurde nicht an einem Tag erbaut, sondern in drei Jahren. So würden die amerikanischen Besitzer der AS Roma das Sprichwort wohl gerne umformulieren. Im Sommer 2011 trat eine vierköpfige Bostoner-Investorengruppe das erste ausländische Experiment in der Serie A an, unter anderem mit James Pallotta, Mitbesitzer des NBA-Teams Boston Celtics, den die "Financial Times" zur "Legende der Hedgefonds" erhob. Der 56 Jahre alte Milliardär ist der 23. Präsident der Gelbroten seit der Vereinsgründung 1927.

"Club muss zur Globalen Marke wachsen"

Da die Serie A die konservative Club-Monarchie verschiedener Unternehmer gewohnt war, schien die Roma-Renovierung im "American way" in Lichtgeschwindigkeit abzulaufen. "Rom wird in der ganzen Welt mit einem magischen Ort assoziiert und jährlich von Millionen Touristen besucht, deshalb muss der Club zu einer globalen Marke wachsen", gab Pallotta vor. Die Amerikaner machten den meisten Serie-A-Clubs vor, wie der stotternde Weg des Calcio in die Moderne forciert werden könnte. Sie zauberten eine Reihe potenter Sponsoren wie die Walt-Disney-Gruppe oder Volkswagen aus dem Hut, parallel fließen vom neuen Partner Nike demnächst über 50 Millionen Euro in die Kasse.

Die Revolution schien gar nicht schnell genug ablaufen zu können. Man installierte eine für den Calcio unübliche Fanbetreuung, einen Familienblock im Stadion, ein Showprogramm vor den Heimspielen, unterband Gratis-Tickets für Politiker und Pseudo-VIPs, engagierte einen ehemaligen Mitarbeiter des Secret Service gegen Produktfälschung und verbreitete sich auf jeder erdenklichen Plattform der sozialen Netzwerke.

Neues Stadion im Design des Kolosseums

Tourneen durch die USA und Asien sollen den Appeal im Ausland vergrößern, selbst die Jugendteams wurden zu Freundschaftsturnieren nach Vietnam und Südafrika entsandt. 2016 wird dann das neue Stadion eröffnet, das Platz für 52.500 Zuschauer bietet, und dessen Design sich am Kolosseum orientiert. Daneben entstehen Museum, Hall of Fame, ein neues Trainingszentrum. "Die Arena wird die modernste der Welt", erklärt Pallotta selbstbewusst.

Über all die Marketing-, Merchandising- und Show-Projekte verloren die Besitzer allerdings aus den Augen, dass ohne sportlichen Erfolg keine Weltmarke zu etablieren ist. Man visierte zwar eine Konsolidierung unter der europäischen Spitze an, scheiterte aber zunächst mit etlichen Fehleinkäufen und den Trainerexperimenten Luis Enrique (Aus in der Qualifikation zur Europa League) und Zdenek Zeman, bis man 2013 in Rudi Garcia den adäquaten Coach fand. Der zweite römische Rudi nach dem immer noch populären Ex-Romanista Völler übernahm ein Team ohne Selbstbewusstsein und im wüsten Kreuzfeuer der eigenen Tifosi.

85 Punkte 2013/14 sind Vereinsrekord

Nun funktioniert das Produkt nach drei Jahren endlich auch auf dem Rasen. Die Roma rückte zunächst die Bilanzen gerade und erzielte 2013 auf dem Transfermarkt ein Plus von 44,7 Millionen Euro. Gemeinsam mit dem findigen Manager Walter Sabatini konstruierte der Trainer eine aufregend offensive Mannschaft und schloss die letzte Saison als Zweiter mit dem Vereinsrekord von 85 Punkten ab. Garcia, der wegen der Leidenschaft seines Vaters zu Rudi Altig zum Vornamen kam, und mit Lille 2011 das Double geholt hatte, bastelte sein 4-3-3 um Jugend und Erfahrung.

Tempo, Pressing, Ballbesitz – all das garantieren die flinken Außenstürmer Gervinho, Alessandro Florenzi und Juan Iturbe. Im Mittelfeld sorgen der wiedererstarkte Daniele De Rossi, Miralem Pjanic und Radja Nainggolan für einen Cocktail aus Physis und Technik. Zudem ersetzte Kostas Manolas den nach München abgewanderten Innenverteidiger Medhi Benatia bislang einwandfrei.

Über allen thront selbstredend Capitano Francesco Totti, stets für ein geniales Zuspiel oder einen atemberaubenden Treffer gut. "No Totti, no Party!" eben, wie ein Transparent der Südkurve regelmäßig konstatiert. Der 38-Jährige wünschte sich zu seinem Geburtstag Ende September, am 7. Juni als Champions-League-Sieger in Berlin aufzuwachen. Ganz nach dem amerikanischen Marketing-Motto, das die Wand im Spielertunnel ziert: "Hungry for Glory".

Oliver Birkner