Wenn Louis van Gaal einen Raum betritt, ist er eine beeindruckende Erscheinung. Die mächtige Statur, der durchdringende Blick, es wird sofort klar, warum van Gaal auch den Beinamen "der General" trägt.

Auch im Vorfeld des Pokalfinales gegen Werder Bremen mustert er die Anwesenden im Presseraum des Berliner Olympiastadions eingehend - und liefert dann doch einen ähnlich launigen Auftritt ab, wie bei der Meisterfeier der Bayern am vergangenen Sonntag auf dem Münchner Marienplatz.

Beim Foto-Shooting mit dem DFB-Pokal nimmt van Gaal Kollege Thomas Schaaf kurzerhand in den Arm, anschließend scherzt er: "Als ich nach Berlin gekommen bin, dachte ich, ich wäre in Bremen. Überall nur grüne Fahnen. Das ist schon ein Vorteil für Bremen." Höflich wird er aufgeklärt, dass die Farbe des DFB grün sei - und dessen Fahnen eben die Arena schmücken. Kollege Schaaf schiebt gut gelaunt hinterher: "Wir haben ein Heimspiel, deshalb ist zurecht alles in grün gehalten."

Van Gaal: "Immer besser zu gewinnen"

Auf beiden Seiten herrscht vor dem Duell der momentan spielstärksten deutschen Mannschaften eine gelöste Atmosphäre. Titelverteidiger Bremen hat mit Platz 3 eine lange Aufholjagd noch gekrönt. Die Bayern haben mit der 22. Meisterschaft, der 21. seit Einführung der Bundesliga, ihr wichtigstes Ziel ebenfalls erreicht - alles was jetzt noch kommt ist Zugabe.

Und dazu gehört vor dem großen Champions-League-Finale in Madrid gegen Inter Mailand (22. Mai) für die Bayern eben auch das Pokalfinale. "Wir sind hier und es ist immer besser zu gewinnen als zu verlieren", sagt van Gaal, der auf das turmhohe Selbstvertrauen seiner Spieler nach den vielen bestandenen Bewährungsproben der letzten Wochen vertraut: "Es ist wieder ein Spiel ‚Tod oder Gladiolen . All diese Spiele haben wir bis jetzt gewonnen."

Das Feiern im Olympiastadion haben die Münchner schon in der Vorwoche nach dem letzten Saisonspiel bei Hertha BSC geübt, van Gaal will aber mehr: "Ich bin schon in Holland und in Spanien Pokalsieger geworden, jetzt will ich das natürlich auch in Deutschland werden."

Schaaf vor Rekordsieg

Wie das geht, da hätte er am Freitag einfach bei Thomas Schaaf nachfragen können. Der gewann als Spieler mit Werder zwei Mal den Pokal. Als Trainer führte er die Bremer sogar schon drei Mal zum Triumph in Berlin. Gewinnt er am Samstag ein viertes Mal, wäre er alleiniger Rekordhalter.

"Es wäre schön den vierten Titel zu holen. Das Spektakel hier in Berlin ist aber alleine lohnend genug", erklärt Schaaf, der vor dem insgesamt neunten Pokalfinale seiner Fußballkarriere das Feuer auch bei seinen Jungs spürt: "Die Mannschaft freut sich riesig auf so ein Highlight. Am Ende einer Saison ist das noch einmal etwas Besonderes."

Der Fußball-Ästhet Schaaf zieht seine Vorfreude auch aus der Konstellation, gegen die Bayern anzutreten. Dass die Münchner den Bremern derzeit den Rang als die am schönsten spielende deutsche Mannschaft abzulaufen drohen, stört ihn nicht. "Es freut mich, dass wir in diesem Bereich in Deutschland Konkurrenz bekommen. Das sind gute Voraussetzungen für Samstag. Wenn ein gutes Spiel dabei herauskommt, haben wir alle gewonnen", koketiert der Bremer Coach.

Die besten Offensivmannschaften im Duell

Einem Spektakel zwischen den beiden besten Offensivmannschaften der Bundesliga steht zumindest personell nichts im Wege. Bei den Bayern (72 Saisontore) fehlt nur der erkrankte Ersatzmann Christian Lell. Werder (71 Saisontore) kann sogar komplett aus dem Vollen schöpfen.

"Wir haben bei den Spielern und beim System die Qual der Wahl. Das ist gut", sagt Schaaf. Ob er wie zuletzt auf Schalke und gegen den HSV auf eine defensivere Variante mit Mittelfeldraute, oder doch auf das 4-2-3-1 mit Marko Marin in der Startelf, setzt, ließ er offen.

Van Gaal wird wieder seiner Top-Elf vertrauen und freut sich genauso wie Kollege Schaaf auf einen besonderen Abend: "Hermann Gerland hat mir gesagt, dass hier eine Riesenatmosphäre herrscht. Ich hoffe, dass das auch am Samstag so ist, das ist mir immer sehr wichtig", erklärte er. Die Stimmung zwischen den Trainern war jedenfalls schon mal titelreif.


Aus Berlin berichtet Matthias Becker