München - Mit ausgebreiteten Armen stand Arjen Robben vor der Fankurve. Soeben hatte der Bayern-Star die Niederlande gegen Spanien mit 2:1 in Führung gebracht. Es war der Auftakt einer denkwürdigen Demontage des amtierenden Weltmeisters. Mit 5:1 bewältigten die Niederlande ihr Finaltrauma von 2010 - und für Doppeltorschütze Robben (Infografik) schloss sich gleich in mehrfacher Hinsicht ein Kreis.

Vor 1433 Tagen war der Offensivspieler im Endspiel von Johannesburg noch die tragische Figur. Nach einem Traumpass von Wesley Sneijder hatte Robben gegen Spaniens Keeper Iker Casillas den möglicherweise entscheidenden Treffer auf dem Fuß. Der Ball landete an Casillas Fuß, später machte Iniestas Treffer Spanien zum Weltmeister.

Frustbewältigung in vier Jahren

Fast vier Jahre sind seither vergangen - Spanien wurde in der Zwischenzeit Europameister, die Niederlande scheiterten beim selben Turnier sang- und klanglos in der Vorrunde. "Es ging nicht um eine Revanche", betonte Robben nach der Neuauflage des 2010er Endspiels. Und doch war der am Ende glanzvolle Triumpf über Spanien mehr als nur ein Sieg, besonders für Robben selbst.

Denn der Flügelflitzer durchlebte mit dem FC Bayern seit 2010 weitere Dramen: Das verlorene Champions-League-Finale 2012 gegen Chelsea, die deutliche Niederlage im Pokalfinale im gleichen Jahr gegen Dortmund und die verpassten Meisterschaften 2011 und 2012 inklusive verschossenem Elfmeter seinerseits. Doch dass Niederlagen einen stärker machen, hat Robben in den vergangenen Jahren eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Mit seinem Treffer führte er die Bayern 2013 zum Champions-League-Titel gegen den BVB, überwand obendrein in der Bundesliga bei den Meistertiteln 2013 und 2014 sein ganz persönliches Dortmund-Trauma. Spätestens nach dem Siegtreffer im diesjährigen Pokalfinale gegen den Rivalen aus dem Ruhrgebiet dürfte es endgültig der Vergangenheit angehören.

Comeback des Ego-Shooters?

Gegen Spanien knüpfte der 30-Jährige mit all seiner Entschlossenheit an diese Frustbewältigung an. Sinnbildlich dafür steht das 5:1. Wie vor vier Jahren traumhaft bedient von Sneijder schaltete der Robben den Turbo ein, ließ Sergio Ramos stehen und als Casillas bereits am Boden lag, hätte er auch abspielen können. Doch er machte es allein, das Comeback des Ego-Shooters? Vielmehr ein Zeichen von Selbstvertrauen.

"Heute war unser Tag", sagte Robben. "Das können wir genießen." Neben dem herausragenden Bayern-Spieler durfte sich auch ein weiterer Ex-Münchner als Matchwinner fühlen: Louis van Gaal. Wie schon in seiner Zeit als Bayern-Coach setzte van Gaal als Bondscoach nach der verkorksten EM 2012 verstärkt auf die Jugend. Bei Bayern hießen sie Thomas Müller, David Alaba oder Holger Badstuber - bei der Elftal Daley Blind, Bruno Martins Indi oder Daryl Janmaat. Nur im Sturm vertraute er auf die erfahrenen Recken um Robben, Sneijder und Robin van Persie.

"Wie die Tore gefallen sind, habe ich erwartet"

Dabei war gegen die "Furia Roja" ausgerechnet van Gaals zuvor kritisierte Systemumstellung auf eine variable Fünferkette und nur zwei Spitzen mit Sneijder als Schaltzentrale dahinter der Schlüssel zum erfolgreichen Konterspiel. "Wie die Tore gefallen sind, habe ich erwartet", behauptete der ehemalige Bayern-Trainer mit der gewohnten Prise Arroganz, "aber nicht, dass so viele fallen."

Das Torfestival gegen den Titelträger stürzte ganz Oranje in einen Freudenrausch. "In den Niederlanden werden sie wohl alle auf dem Kopf stehen", sagte Robben. "Aber wenn wir mit unserem Kopf in den Wolken bleiben, können wir gleich nach Hause fahren." Geht es nach Robben, soll dies möglichst erst nach dem 13. Juli geschehen - dann könnte sich im Finale ein weiterer Kreis geschlossen haben.

Maximilian Lotz