Madrid - Erstmals seit der Saison 2008/09 stehen zwei Vereine aus einer Stadt im Halbfinale. Damals waren Arsenal und Chelsea London in der Vorschlussrunde der Königsklasse. Beide scheiterten. Dieses Mal wollte es die "Losfee" Luis Figo dann auch noch so, dass sowohl Atletico als auch Real Madrid zuerst ein Heimspiel bestreiten. In Spaniens Hauptstadt herrscht sportlicher Ausnahmezustand.

Den Anfang machten am Dienstagabend die "Colchoneros", wie Atleticos Mannschaft auch genannt wird. Gegner Chelsea wollte, wie schon im Finale 2012 dahoam in München gegen den FC Bayern, eher weniger Fußball spielen und war am Ende mit dem torlosen Remis (Spielbericht) sicherlich zufriedener als die Hausherren im Stadion Vicente Calderon.

Atletico-Remis freut Real

Die Enttäuschung in den Gesichtern der spanischen Fans war groß. Dabei waren sie mit viel Zuversicht in dieses Spiel gegangen. Weit vor dem Anpfiff sorgten sie in den Straßen rund um das ehrwürdige, offene Rund friedlich für Riesenstimmung. Sie klatschten, zündeten Böller und Bengalos am Fließband und sangen in einer Tour - vornehmlich Schmählieder - auf den verhassten Rivalen aus dem Norden der Stadt.

Dessen Anhänger dürften sich in den Bars und vorm Fernseher diebisch über die glücklosen Versuche Atleticos gefreut haben. Ein Finale in Lissabon gegen den nervenden Bruder, das will nämlich keiner. Doch unterschwellig spielt in und um den Real-Kosmos Angst mit. Angst vor dem FC Bayern (ab 20:30 Uhr im Live-Ticker), der die "Königlichen" schon häufig ins Tal der Tränen geschossen hat.

"Jetzt sind sie noch stärker"

Zuletzt im Halbfinale 2011/12 nach Elfmeterschießen. Insgesamt lässt sich die Bilanz der Münchner gegen Real sehen: Von 20 Partien gewannen sie elf und verließen nur sieben Mal als Verlierer den Platz (XL-Galerie: Heiße Duelle zwischen Real und Bayern). Aufgrund der negativen Serie kreierte die spanische Presse Anfang des Jahrtausends den Begriff "bestia negra", schwarze Bestie.

"Ich habe gar kein gutes Gefühl. Die Bayern waren schon in der vergangenen Saison das beste Team der Welt. Und jetzt sind sie glaube ich noch stärker", erklärte Alvaro, der ein kleines Cafe unweit des Stadions Santiago Bernabeu betreibt. Er selbst hat noch kein Duell live miterlebt, fiebert hinter seiner Theke aber bei jedem Spiel mit und drückt seinem Team die Daumen.

"Pep kennt unsere Schwächen"

Schlecht geschlafen hat Mario nicht wegen der Stärke der Münchner Kicker sondern wegen der Fähigkeiten von Trainer Pep Guardiola. "Dass Pep die Bayern trainiert, ist für uns gar nicht gut. Er hat schon so oft gegen uns gespielt und kennt unsere Schwächen ganz genau", meint der Kioskbesitzer und drückt auf die Euphoriebremse.

Denn insgesamt überwiegt bei den Real-Fans die ganz normale Überheblichkeit. Auf dem Weg zur "La Decima", dem 10. Erfolg im Landesmeisterwettbewerb und Champions League (Situationsbericht), kann eigentlich nichts und niemand das "weiße Ballett" aufhalten.

Hoffnungen liegen auf Ronaldo und Bale

"Wir haben mit Cristiano Ronaldo den besten Spieler der Welt und jetzt mit Gareth Bale auch noch sein Pendant auf der anderen Seite des Feldes. Die beiden werden den FC Bayern auseinandernehmen", posaunt Daniel, der Fanutensilien am Bernabeu verkauft, laut heraus.

Die Stimmung in den Straßen wird zumindest vor dem Spiel ähnlich lautstark und euphorisch sein wie noch 24 Stunden zuvor im sieben Kilometer entfernten Arbeiterviertel am Vicente Calderon. Nach den 90 Minuten soll dann aber möglichst wieder schnell Ruhe einkehren. Damit die spanischen Medien danach auch weiterhin das Bild von der "schwarzen Bestie" zeichnen dürfen.

Aus Madrid berichtet Michael Reis

Countdown-Ticker zum Hinspiel Real gegen Bayern