Mönchengladbach - Er ist gerade einmal zwanzig Jahre alt und erst seit 15 Monaten in der Bundesliga. Und dennoch gilt Andreas Christensen von Borussia Mönchengladbach schon jetzt als einer der besten Innenverteidiger der Liga. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht der dänische Nationalspieler über Borussias bisherige Auswärtsschwäche, über sein, nicht nur für einen Profi-Fußballer ungewöhnlich zurückhaltendes Wesen und über die Unterschiede zwischen der Premier League und der Bundesliga.

bundesliga.de: Herr Christensen, hält sich die Enttäuschung nach einer knappen Niederlage gegen ein Weltklasse-Team wie den FC Barcelona eher in Grenzen als bei anderen Niederlagen?

Andreas Christensen: Nein. Jede Niederlage ist für mich gleichbedeutend mit dem Gefühl einer tiefen Enttäuschung, völlig egal gegen welches Team man verloren hat. Und beim Spiel gegen Barcelona kommt noch hinzu, dass wir, so habe ich es empfunden, in der ersten Halbzeit vieles richtig gut gemacht haben, leider in der zweiten Halbzeit daran aber nicht mehr anknüpfen konnten.

bundesliga.de: War diese Partie Ihr bisheriges Karriere-Highlight?

Christensen: Definitiv! Barcelona ist der größte Name, gegen den ich bisher spielen durfte.

bundesliga.de: Obwohl die Borussia zuhause neben dem BVB, Bayer 04 Leverkusen und Bayern München den attraktivsten Angriffsfußball spielt, reicht es auswärts nur ganz selten zu drei Punkten...

Christensen: Glauben Sie mir, wir gehen in jedes Spiel mit demselben Ziel. Und das lautet gewinnen zu wollen. Ich glaube auch nicht, dass unsere bisherigen Auswärtsleistungen nur damit zusammenhängen, dass uns die Unterstützung unserer Fans fehlen würde. Zwar pusht uns deren Begeisterung bei den Spielen im Borussia Park ohne Frage. Aber zum einen unterstützen uns viele Anhänger auch bei Auswärtsspielen. Und zum anderen verstecken wir uns auswärts ja nicht, sondern wollen auch dort unseren Fußball spielen.

bundesliga.de: Verlässt man sich auswärts vielleicht ein wenig zu viel auf diesen Fußball und die eigene fußballerische Kultur, vergisst dabei aber wie bei der Niederlage in Freiburg schon mal den Kampf?

Christensen: Es stimmt jedenfalls, dass wir in Freiburg schlecht gespielt haben, während es der SC ziemlich gut gemacht hat. Wir haben dort einfach nicht das umgesetzt, was uns sonst gelingt. Daraus würde ich aber nicht die Regel ableiten wollen, dass wir dem Gegner auswärts zu wenig entgegensetzen. Ich denke eher, dass es so ist wie oft im Fußball. Wenn der Bock einmal umgestoßen ist, wenn wir also unser erstes Spiel auswärts gewinnen sollten, bin ich sicher, dass weitere Auswärtssiege schnell folgen werden.

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 bundesliga.de: Bereitet manch einem auch noch die Umstellung von der Vierer- auf die Dreierkette Probleme?

Christensen: Das denke ich nicht. Beides hat Vorteile und vielleicht auch ein paar Nachteile. Letztlich geht es darum, womit sich die Mannschaft am wohlsten und damit am sichersten fühlt. Und das ist bei uns im Augenblick auf jeden Fall die Dreierkette.

bundesliga.de: Ihr Landsmann Jannik Vestergaard scheint noch nicht völlig angekommen in der Dreierkette und bei Borussia. Müssen Sie ihn bisweilen aufmuntern?

Christensen: Nein. Jannik ist Profi und weiß genau, was zu tun ist. Er muss im Training zeigen, was er kann und dass er unbedingt spielen will. Und ich denke, das gelingt ihm immer besser. Es ist bei Jannik auch keine Frage der Dreier- oder Viererkette, also Viererkette mit Jannik und Dreierkette ohne ihn, weil dort nur ein etatmäßiger Innenverteidiger benötigt wird. In der dänischen Nationalmannschaft spielen wir auch mit Dreierkette, und Jannik spielt dort neben mir auf der linken Seite. Er kann das, und er wird kommen.

bundesliga.de: Verbringen Sie beide viel Freizeit zusammen, oder gibt es sogar so etwas wie eine Scandinavian Connection mit Ihnen, Vestergaard und Oscar Wendt?

Christensen: Beim Essen im Mannschaftshotel etwa sitzen wir Skandinavier tatsächlich immer zusammen und unterhalten uns in unserer Sprache. Im vergangenen Jahr gehörten zu dieser Runde auch noch Havard Nordtveit und Branimir Hrgota. Schweden, Norweger und Dänen haben zwar alle eigene Sprachen, aber die sind sich so ähnlich, dass man sich gut versteht. Im Augenblick sprechen wir meist dänisch miteinander, weil Oscar fünf Jahre für den FC Kopenhagen gespielt hat und dänisch besser spricht als Jannik und ich schwedisch. Das heißt aber nicht, dass wir uns von den anderen abkoppeln würden. Ich denke, dass wir alle gut miteinander können, und ich habe zu jedem im Team einen guten Draht.

bundesliga.de: Sie persönlich haben sich längst hervorragend akklimatisiert und gelten nach nur 15 Monaten bereits als einer der besten Innenverteidiger der Bundesliga...

Christensen: Ich habe auch meine Zeit gebraucht, um mich hier richtig einzufinden. Denken Sie an die ersten fünf Spiele der vergangenen Saison, als es für uns überhaupt nicht lief. Als Reservespieler von Chelsea in die Bundesliga zu kommen, das bedeutete einen sehr großen Schritt für mich. Aber ich gebe zu, dass ich mich nach dieser Phase doch sehr schnell zurechtgefunden habe. Und mit jedem Einsatz wurde es dann noch ein bisschen besser.

bundesliga.de: Besonders beeindruckt, dass Sie kaum Fouls benötigen, um selbst die besten Stürmer zu stoppen. Was ist Ihr Geheim-Rezept?

Christensen: Ich glaube, dass das mit meiner Persönlichkeit zu tun hat. Ich bin grundsätzlich ein ruhiger, überhaupt nicht aggressiver Typ. Und so agiere ich auch auf dem Platz. Statt wild zu grätschen und dabei vielleicht zu spät zu kommen, versuche ich lieber das Spiel zu lesen, um die Situation schon ein Stück weit vorausahnen und dann auch lösen zu können.

bundesliga.de: "Grundsätzlich ein ruhiger, überhaupt nicht aggressiver Typ": Das ist eher ungewöhnlich in diesem Business, in dem man sich auch schon mal durch einen Spruch oder ein Foul Respekt verschaffen will...

Christensen: Es ist einfach nicht mein Ding, überall meine Meinung kundzutun. Und ich verspüre auch nicht den Drang immer gehört werden zu müssen. Ich glaube vielmehr, dass ich mir Respekt verdiene durch mein Auftreten und mein Agieren auf dem Platz, ob nun den der Teamkollegen oder den der Gegner. Natürlich bin ich auf dem Platz auch schon einmal etwas lauter, wenn z. B. ein Signal erforderlich ist. Das gehört zum Job. Aber ich bin bestimmt nicht der Typ, der in der Halbzeitpause in der Kabine seine Teamkollegen anschreit.

bundesliga.de: Viel wird im Fußball von Selbstvertrauen bzw. von mangelndem Selbstvertrauen gesprochen. Spüren Sie auf dem Platz, wenn ein Gegner mehr mit sich selbst zu tun hat?

Christensen: Vielleicht ist ‚spüren’ das falsche Wort. Aber man kann es sehen, etwa wenn dem Gegner Dinge wiederholt misslingen. Dann lässt er z. B. möglicherweise die Schultern hängen. Natürlich versucht jeder das zu vermeiden, weil man im Profi-Fußball möglichst keine Schwäche zeigen sollte. Aber das gelingt nicht immer.

bundesliga.de: In einem Interview haben Sie kürzlich erzählt, dass Sie in Dänemark die Schule nach der neunten Klasse verlassen und deshalb keine Alternative zum Fußball haben. Gab es keine Überlegung erst das Abitur zu machen, bevor Sie sich auf den Fußball konzentrieren – ähnlich wie Ihr Landsmann Yussuf Poulsen von RB Leipzig?

Christensen: Nachdem ich die neunte Klasse beendet hatte, hätte ich auch diesen Weg wählen können. Aber schon viel früher, als ich noch für das Jugendteam von Bröndby Kopenhagen spielte, hatte sich Chelsea bei mir gemeldet und mir gesagt, dass man mich unbedingt verpflichten wolle. Und diese große Chance konnte und wollte ich mir nicht entgehen lassen. Also habe ich gewartet, bis ich die neunte Klasse absolviert hatte, und bin dann nach England gegangen.

bundesliga.de: Bereitet es Ihnen kein Problem, dass Sie heute noch nicht wissen, ob Sie in zehn Monaten dorthin zurückkehren oder nicht?

Christensen: Es gibt manchmal Momente, da kommt man schon ein wenig ins Grübeln, dass man diese Entscheidung nicht unter eigener Kontrolle hat. Aber das ist eher selten der Fall und passiert ganz sicher nicht auf dem Platz. Wenn ich auf dem Rasen stehe, vergesse ich alle Probleme, die ich sonst vielleicht habe. Dann bin ich wie in einem Tunnel.

bundesliga.de: Verraten Sie uns zum Schluss bitte noch, wie Sie die Bundesliga im Vergleich zur Premier League sehen?

Christensen: Ich habe bisher zwar nur ein Spiel in der Premier League absolviert, habe aber täglich mit den Jungs von Chelsea trainiert. Trotzdem ist es schwer diesen Vergleich zu ziehen. Vielleicht kann ich aber sagen, dass man in der Premier League defensiv etwas disziplinierter agiert als in der Bundesliga. Sich in England Chancen herauszuspielen ist sehr schwer. Dafür bietet die Bundesliga aber das größere Spektakel. Es geht fast in jedem Spiel in atemberaubendem Tempo rauf und runter, hin und her. Angriff und Gegenangriff, immer wieder. Und noch eins ist anders: Die Trainingskultur in der Bundesliga, die ist viel härter als die in der Premier League. Das ist wirklich Schwerstarbeit hier. (lacht)

Das Gespräch führte Andreas Kötter

Video: So ist Christensen in Gladbach gestartet