Sinsheim - Andreas Beck hat alle Höhen und Tiefen in der Bundesligageschichte der TSG Hoffenheim mitgemacht. Seit dem Aufstieg 2008 spielt der 28-Jährige für die TSG. Im Gespräch mit bundesliga.de analysiert der 1899-Kapitän die aktuelle Saison mit der großen Chance auf die Europa League und erklärt die Hoffenheimer Spielweise.

bundesliga.de: Herr Beck, wie ist die Stimmung in der Kabine jetzt, vier Runden vor Saisonschluss?

Andreas Beck: Nach dem Sieg in Hannover sind wir natürlich alle erleichtert. Wir hatten ja identische, negative Ergebnistendenzen zuletzt wie in der Vorrunde gegen Mannschaften wie Gladbach, Köln, Bayern. Wir wollten gegen Hannover unbedingt den Turnaround schaffen. Die Stimmung ist jetzt absolut optimistisch, weil wir auch gesehen haben, dass die Mannschaften vor uns wie Schalke und Augsburg nicht punkten. Wir sind von fünf auf zwei Punkte wieder rangerutscht an Rang 5. Es sieht im Kampf um die Europa-League-Plätze nach einem Fünfkampf mit Schalke, Augsburg, Dortmund, Bremen und uns aus.

bundesliga.de: Wie schätzen Sie die Ausgangslage für Hoffenheim nun ein?

Beck: Wir haben jetzt eine Situation im Schlussspurt, in der wir uns nicht unwohl fühlen. Schalke und Dortmund müssen von ihrem Anspruch her in die Europa League rein, Augsburg steht fast die ganze Saison schon auf einem internationalen Platz. Wir und Bremen können da in der Lauerstellung entspannter die letzten vier Spiele angehen (Jetzt im Tabellenrechner den Endspurt tippen!).

bundesliga.de: Sie haben in der Rückrunde noch nie zwei Spiele hintereinander gewonnen. Das hat zu einem unzufriedenen Grummeln unter den Fans geführt.

"Der Trainer hat die Zügel angezogen"

Beck: Ja, wir haben schon einige Chancen liegen lassen, vorne reinzurutschen. Vor dem Hannover-Spiel hatten wir drei Niederlagen hintereinander. Es stimmt schon, wir haben zwar irgendwo den 7. Platz gefestigt, aber mit einem Sieg beispielsweise in Köln hätten wir schon an Augsburg und Schalke vorbeiziehen können. Aber das ist die Bundesliga: Die Spiele sind unheimlich eng. Es bringt nichts, jetzt mit tränenden Augen nach hinten zu schauen - wir freuen uns jetzt auf die letzten vier Spiele.

bundesliga.de: In Hoffenheim heißt es immer, es gehe nicht nur um Tabellenplatz und Ergebnisse, sondern vor allem um die Weiterentwicklung der Art und Weise, wie man Fußballspielen will. Aber da ist in der Rückrunde nach Meinung vieler Beobachter eine Stagnation zu erkennen. Wie sieht der Kapitän das?

Beck: Ich glaube, dass zu einer Entwicklung irgendwann auch eine gewisse Stagnation dazugehört. Aber es stimmt schon: Wir haben nicht immer den Fußball aufs Parkett gebracht, den wir von uns selbst erwartet haben. Deshalb hat der Trainer die Zügel in den vergangenen zwei Wochen noch einmal richtig angezogen.

bundesliga.de: Was bedeutet das konkret?

Beck: Wir trainieren jetzt wieder verstärkt und sehr intensiv Zweikämpfe. Unser Spiel definiert sich viel über Ballgewinne und Zweikämpfe und nicht über einen langsamen Spielaufbau von hinten heraus. Über 20 Kontakte nach vorne spielen, und dann zum Torabschluss zu kommen, ist nicht unser Ding. In den letzten Spielen sah das aber oft so aus, weil wir wenig in die Bereiche gekommen sind, in denen wir die Gegner auskontern konnten. Hannover war da wieder anders - zwar nicht schön, aber der Schritt in die richtige Richtung.

"Haben den langen Ball überstrapaziert"

bundesliga.de: Mein Eindruck war aber eher, dass Sie in vielen Spielen oft den ersten Ball ohne Not nach vorne gehauen haben. Es hat oft eher nach einem unkoordinierten, alten Kick and Rush ausgesehen.

Beck: Vielleicht haben wir gerade gegen Gegner, die uns früh attackiert haben, den langen Ball überstrapaziert. Die Ketten waren dann oft zu weit auseinander, und wir haben nicht mehr richtig den Anschluss gefunden. Das stimmt schon.

bundesliga.de: Es hat zuletzt aber auch ein bisschen Aggressivität gefehlt, die Sie noch in der Vorrunde ausgezeichnet hat. Manchmal - und das muss vielleicht kein Widerspruch sein - haben Sie fast überstrapaziert gewirkt.

Beck: Wir hatten in den letzten Spielen, die wir verloren haben, ein Spiel dabei, in dem wir richtig gut spielten. Das war das Pokalspiel in Dortmund (2:3, Anm. d. Red). Da standen wir kompakt und haben nicht direkt attackiert, daran wollten wir uns orientieren: Kompakt stehen und nach vorne Nadelstiche setzen.  Dann kam das aus unserer Sicht dumme Spiel in Köln (2:3, Anm. d. Red), in dem wir nicht nach Plan gespielt haben.

bundesliga.de: Erklärt sich aus dieser Geschichte heraus dann auch die untypische, abwartende Spielweise gegen die ersatzgeschwächten Bayern, die ja viele Fans enttäuscht hat?

Beck: Und trotzdem hatten wir auch gegen die Bayern die Chance, in Führung zu gehen. Wenn man die Chancen gegen diese Mannschaft dann nicht nutzt, wird man am Ende bestraft. Verliert man das Spiel, wird eben anschließend über die Ausrichtung diskutiert.

bundesliga.de: Wie fühlt sich diese Saison im Vergleich zu den anderen der TSG für Sie an?

Beck: Letzte Saison hat jeder gesagt: "Oh, war das eine geile Saison mit viel Spektakel." In dieser Saison sagt jeder: "Oh, da wäre vielleicht mehr drin gewesen." Wir spielen nicht mehr so spektakulär, haben aber dieselbe Punkteausbeute wie zum selben Zeitpunkt in der vergangenen Runde. Ich glaube aber, dass in dieser Saison die Chance größer ist, eine noch bessere Platzierung zu erreichen. Letztes Jahr hatten wir am Ende 44 Punkte, jetzt haben wir nach 30 Spieltagen 40. Wir wollen natürlich die Saison toppen und da oben reinrutschen.

"Im 4-3-2-1 stehen wir stabiler"

bundesliga.de: Wäre es nicht eine Enttäuschung, wenn Hoffenheim die Europa-League-Qualifikation verpassen würde?

Beck: Ich glaube schon, dass wir nicht zufrieden wären, wenn wir aus den letzten vier Spielen nur vier Punkte holen würden. Das kann man sagen. Das wäre nicht der Anspruch, den wir an uns haben. Aber: Wir setzen uns nicht unter Druck. Wir können da oben reinrutschen - Dortmund muss es vom Anspruch her.

bundesliga.de: Die Gegentorflut aus der letzten Saison (72 Gegentreffer) einzudämmen, war ein Saisonziel. Das hat in der Vorrunde geklappt, in der Rückrunde nicht mehr ganz so. Warum?

Beck: Wir hatten im Vergleich zur Vorrunde einen dicken Brocken zu schlucken, weil sich unser Innenverteidiger Niklas Süle das Kreuzband gerissen hat. Wir mussten in der Viererkette aufgrund von Verletzungen und Sperren immer wieder viel rotieren, das ist eigentlich nicht normal. Die Top-Mannschaften in der Tabelle haben in der Viererkette Kontinuität und deswegen auch eine Stabilität. Das hat uns gefehlt.

bundesliga.de: Der Trainer versucht jetzt mit drei Sechsern, wieder mehr Stabilität zu schaffen.

Beck: Unsere besseren Spiele machten wir zuletzt mit drei Sechsern. Ich hatte das Gefühl, dass wir so stabiler standen. So haben wir auch wieder das Vertikalspiel durchs Zentrum entdeckt, ähnlich wie in den Anfangswochen unter Trainer Markus Gisdol. Das 4-3-2-1-System ist irgendwo nach vorne auch risikoreicher. Vor zwei Jahren mussten wir so spielen, weil wir im Abstiegskampf Punkte brauchten. Im Umkehrschluss stehen wir aber nach hinten kompakter. Und vorne haben wir die Möglichkeit, mit zwei Spitzen und einem Zehner oder einer Spitze und zwei Offensiven dahinter zu spielen.

bundesliga.de: Die Mannschaft scheint sich in einer komischen Zwittersituation zu befinden: Gegen die Top-Mannschaften reicht es noch nicht, die Spiele gegen Teams aus dem unteren Drittel werden zwar oft gewonnen, aber nicht dominiert.

Beck: Es stimmt: Spiele, nach denen wir sagen können, das haben wir klar dominiert, gibt es wenige. Vielleicht das 5:0 bei Hertha kurz vor Weihnachten. Aber sonst ist es für uns als Hoffenheim immer so, dass die Spiele auf Messers Schneide stehen und wir uns in einem Abnutzungskampf mit dem Gegner befinden. Wir haben auch ein paar Mal schmerzlich erfahren müssen, dass wir Spiele verlieren, wenn nur ein paar Prozent fehlen, oder die Abstände zwischen den Reihen einen Tick zu groß waren. Wir tun uns aber auch deswegen schwer, weil die Liga abgesehen von den Bayern und mit Abstrichen Wolfsburg und Gladbach eben sehr ausgeglichen ist.

"Unsere DNA: Umschaltspiel, Zweikämpfe, Konter"

bundesliga.de:Tun sich Mannschaften, die mehr Wert auf Bellbesitz legen, nicht leichter, Spiele zu dominieren? Ist Dominanz also nicht auch eine Frage des Stils?

Beck:Ja, vielleicht. Es wäre auch unser nächster Schritt, mehr Ballbesitzzeiten in unser Spiel einzubauen. Umschaltspiel, Zweikämpfe, schnelle Konter - das sollte unsere DNA bleiben. Wir hatten in der Vergangenheit Trainer, die davon abgewichen sind - und dann hat es nicht funktioniert. Wir sollten unsere Stärken und Tugenden beibehalten. Dann kann man in einer Saison, die wie diese gefühlt nicht immer hundertprozentig rund läuft, an den Top-Sechs der Tabelle anklopfen. Der nächste Schritt wäre schon, sich mal den Gegner zurechtzulegen. Oder: Wenn mal ein Pass nicht ankommt, dann sofort wieder gegenzupressen, um den Gegner auf dem falschen Fuß zu erwischen. Aber das schafft man nicht in ein paar Trainingseinheiten, um das zu verfestigen braucht man ein paar Monate. Wir trainieren mittlerweile auch viel auf Ballhalten, 7 gegen 7 mit einem neutralen Ballverteiler, damit wir ein Gefühl dafür bekommen.

bundesliga.de: Um diesen Entwicklungsschritt zu gehen, wäre auch personelle Kontinuität erforderlich. Es gibt aber immer wieder Gerüchte um Angebote für Firmino, Volland oder auch Sie. Stört das nicht eine Entwicklung?

Beck: Für eine Entwicklung ist es immer gut, wenn ein Gerüst eine Mannschaft lange trägt. Wir hatten in den letzten zwei Jahren das Glück, dass das in Hoffenheim so war, um Dinge zu entwickeln. Das zeigt sich auch tabellarisch, wir sind gefestigter. Was nach der Saison passiert, weiß ich nicht. Aber man hat in dieser Saison gesehen, dass wir auch Spieler von Außen bekommen, die uns guttun. Ich denke da an Spieler wie Pirmin Schwegler, Oliver Baumann, Ermin Bicakcic und andere. Es ist ein gutes Zeichen, dass solche Spieler zu uns kommen wollen.

bundesliga.de: Der Trainer hat verlängert, das wäre doch ein Zeichen für die umworbenen Spieler, den Weg weiterzugehen, oder?

Beck: Ja, klar. Wir haben alle Markus Gisdol sehr viel zu verdanken. Und man merkt auch, wie der Trainer sich immer weiterentwickelt und das dann auf uns überträgt. Auch wir haben uns ja weiterentwickelt. Zum Beispiel, wenn wir 1:0 in der 70. Minute führen, dann nicht mehr nur wild auf das 2:0 zu spielen, sondern auch schlau auf Konter zu lauern - auch auf Kosten des Spektakels. Letzte Saison haben wir solche Spiele dann manchmal noch aus der Hand gegeben, das ist in dieser Saison weniger geworden. Wir sind ja auch nicht mehr die ganz blutjunge Mannschaft.

"Unsere Spielweise 2008 war ein Novum"

bundesliga.de: Hoffenheim spielt im achten Jahr Bundesliga, Andreas Beck war immer dabei. Stimmt der Eindruck, dass sich der Fußball in diesem Zeitraum noch einmal dynamisiert hat? Und liegt das vielleicht auch an dieser Trainergeneration, die oft aus den Nachwuchsleistungszentren kommt und wie Klopp in Dortmund, Gisdol in Hoffenheim, Streich in Freiburg, Schmidt in Leverkusen oder Tuchel in Mainz ein aggressive Spielweise mit Vorwärtsverteidigung pflegt?

Beck: Da ist was dran. Das Spiel ist auf jeden Fall fehlerhafter geworden. Aber nicht aufgrund dessen, dass die Spieler schlechter geworden sind. Es hat eher damit zu tun, dass immer mehr Trainer diese aggressive Spielweise bevorzugen. Egal gegen wen man spielt, die Mannschaften stellen vorne zu, sind aktiv. Auch in der Verteidigung sind die Teams aktiv, lassen den Gegnern keine Zeit zum Atmen. Diese Herangehensweise zeichnet die meisten Trainer heute aus - aber diese Spielweise macht es für die Spieler nicht einfacher. Nur wenn es gelingt, sich aus dem Pressing zu befreien und die Ketten zu überspielen, dann haben der Zehner oder die Stürmer ein bisschen mehr Luft, weil die anderen erst wieder nachrücken müssen zum Verteidigen. Die Grundtendenz ist aber exemplarisch an so einem Spiel wie Hannover gegen Hoffenheim abzulesen: Die Spiele sind wahnsinnig umkämpft, es gibt wenig Räume und die Spieler sind immer unter Druck eines Gegenspielers.

bundesliga.de: Das war 2008, in Hoffenheims erstem Bundesligajahr, noch nicht so, oder?

Beck: Ja, in Form von Hoffenheim mit Ralf Rangnick war diese Spielweise damals in der Bundesliga ein Novum. Dann zog Dortmund mit Jürgen Klopp nach und hat diesen Fußball mit aggressivem Anlaufen des Gegners eine Zeit lang perfektioniert. In der Folge sind immer mehr Mannschaften dazu übergegangen. Und dann kam eine Welle mit jungen Trainern, die diese Art des Fußballs verinnerlicht haben.

"Kenne das Pressing von Tuchel aus der VfB-Jugend"

bundesliga.de: Sie sind beim VfB Stuttgart ausgebildet worden. Hat sich dort im Nachwuchsleistungszentrum schon angedeutet, dass diese Spielart des Fußballs sich einmal durchsetzen wird?

Beck: Damals waren Schlagwörter wie Pressing - mit einem Chip auf die Stürmer auf den zweiten Ball zu spekulieren - schon das Credo in Stuttgart. Ralf Rangnick war damals ja auch in Stuttgart tätig. Ich hatte beim VfB drei Jahre lang Thomas Tuchel als Trainer, der diese Spielweise gefördert hat. Damals war auch schon viel die Rede davon, dem Gegner eine Seite anzubieten und dann zuzuschlagen. Das Thema war auf jeden Fall in Stuttgart schon in der Ausbildung angelegt.

bundesliga.de: Erlauben Sie noch einen kurzen Ausflug in Richtung DFB-Team: Ist es für Sie, der neun Länderspiele absolviert hat, nicht komisch, wenn Sie am Fernsehen sehen, wie ihr Hoffenheimer Mannschaftskollege, der gelernte Mittelfeldspieler Sebastian Rudy, auf Ihrer rechten Verteidigerposition in der Nationalmannschaft reüssiert?

Beck: Der Nationaltrainer überlegt ja nicht, wie er Andreas Beck ärgern könnte. Sebastian Rudy ist ein guter Fußballer, der diese Position spielen kann. Auch weil die Nationalmannschaft gegen einige Gegner viel höher steht, da sind dann vielleicht auch andere Qualitäten gefragt. Ärgern tue ich mich nicht, ich freue mich für Basti.

Das Gespräch führte Tobias Schächter