Paderborn - Das 2:2-Unentschieden im Abstiegskampf gegen Werder Bremen nach einer zwischenzeitlichen 2:0-Führung war eine Enttäuschung für den SC Paderborn. im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht SCP-Coach Andre Breitenreiter darüber, warum er trotzdem von der Rettung überzeugt ist, über ein mögliches Abschiedsendspiel am letzten Spieltag gegen den VfB Stuttgart und über die enge Bindung zwischen Mannschaft und Fans.

bundesliga.de: Herr Breitenreiter, die Online-Ausgabe einer großen Tageszeitung hat unter der Überschrift "Die Gesichter des Abstiegskampfes" die Trainer Streich, Frontzeck, Stevens und Labbadia gezeigt, Ihres aber nicht. Ärgert Sie diese Ignoranz?

Andre Breitenreiter: Ich kenne den Zusammenhang und die Umstände, die zu dieser Geschichte geführt haben natürlich nicht...

bundesliga.de: ...oder kommt es Ihnen ganz Recht, dass manche den SC Paderborn offensichtlich schon abgeschrieben haben?

Breitenreiter: Wie gesagt, ich kann nicht bewerten, wie es zu dieser Geschichte gekommen ist. Letztlich ist das aber auch egal. Für uns ist nur wichtig, dass wir gegen Bremen erneut eine sehr überzeugende Leistung geboten haben - wenn wir es leider auch versäumt haben, uns dafür mit drei Punkten zu belohnen. Das zeigt, dass wir nach wie vor mittendrin sind und das letzte Wort noch längst nicht gesprochen ist.

bundesliga.de: Reicht es nach einer 2:0-Führung "nur" zum Unentschieden, spricht man in der Regel von verlorenen Punkten; trotzdem dürfte Ihre Bewertung des Bremen-Spiels positiv ausfallen...

Breitenreiter: Es steht außer Frage, dass wir zunächst enttäuscht waren, weil wir zwei Punkte liegen gelassen haben, die für uns nach einem Spiel, das wir sehr dominant und auch kreativ gestaltet haben, mehr als verdient gewesen wären. Dennoch haben Sie Recht: Dieses Spiel hat erneut gezeigt, dass wir seit einigen Wochen wieder sehr gute Leistungen abliefern. Leistungen, die uns alle Möglichkeiten eröffnen, auch in jedem der vier verbleibenden Spiele zu punkten bzw. zu gewinnen. Für uns geht es weiter, ganz klar!

"Oft entscheiden nur Nuancen, ob wir gewinnen oder nicht"

bundesliga.de: Nach dem 30. Spieltag steht der SCP nun zwar auf einem direkten Abstiegsplatz, hat aber rechnerisch weiter alle Chancen auf den Klassenerhalt. Rechnet man tatsächlich im Wortsinne?

Breitenreiter: Es wäre gelogen, würde man bestreiten, dass man nicht auch einen Blick auf die Paarungen der Konkurrenz wirft. Rechnen im buchstäblichen Sinn - das aber machen wir nicht. Wir beschäftigen uns einzig und allein auf unseren Leistungen, denn nur die können wir beeinflussen. Das Trainerteam versucht die Mannschaft so gut wie möglich auf jedes Spiel vorzubereiten. Das gelingt uns häufig, und die Jungs setzen unsere Vorgaben dann sehr gut um. Oft sind es nur Nuancen, die darüber entscheiden, ob wir ein Spiel gewinnen oder nicht. Wie gegen Werder, als die Chancenverwertung leider gegen uns gesprochen hat.

bundesliga.de: Hatten Sie in der Phase, als die Euphorie der Hinrunde mit teilweise ernüchternden Ergebnissen allmählich dem Alltag weichen musste Sorge, Ihre Mannschaft könnte jetzt auseinanderbrechen?

Breitenreiter: Nein, diese Sorge hatte ich nie. Unsere Selbsteinschätzung war und ist sehr realistisch. Uns war immer bewusst, dass eine Phase kommen würde, in der wir nicht so punkten, wie man sich das vielleicht wünscht bzw. wie es zu Saison-Beginn der Fall war. Es ist nur menschlich, dass sich mit dem Erfolg bisweilen eine Spur von Selbstzufriedenheit einstellen kann. Eine Phase, wo man nicht mehr bereit ist, 110 Prozent zu bringen. Das ist auch uns nach der Winterpause widerfahren. Aber wir haben daraus gelernt und die Kurve noch einmal bekommen. Und das nicht nur in den vergangenen drei Spielen, gegen Augsburg, in der ersten Halbzeit beim BVB und gegen Bremen.

bundesliga.de: Sie spielen an etwa auf das 0:0 gegen Hoffenheim?

Breitenreiter: Ja. Gegen Hoffenheim waren wir ebenso die bessere Mannschaft wie beim 0:3 gegen den HSV, als wir deutlich benachteiligt wurden. Wir wissen zwar, dass es für uns schwer wird, wenn wir auf Gegner treffen, die, wie wir, an oder über ihre Grenzen gehen. Die vergangenen Wochen haben aber gezeigt, dass wir gegen jeden punkten können, außer vielleicht gegen den FC Bayern. Diesen Weg wollen wir weitergehen.

"Können gegen jeden Gegner drei Punkte holen"

bundesliga.de: Die letzten vier Gegner heißen Freiburg und Schalke auswärts, Wolfsburg und Stuttgart zuhause. Spielt es in der aktuellen Situation überhaupt noch eine Rolle, wer gerade der Gegner ist?

Breitenreiter: Unsere Mannschaft zeichnet bereits die gesamte Saison über aus, dass sie gegen jeden Gegner gewinnen will und dementsprechend über viel Herz und Leidenschaft verfügt. Wir wissen aber, dass das allein nicht ausreicht. Aber auch die taktischen Vorgaben setzt das Team meist sehr gut um. Selbstverständlich sind Schalke und Wolfsburg schon vom bloßen Namen her bereits große Mannschaften. Trotzdem konnten wir m Hinspiel in Wolfsburg punkten und haben gegen Schalke nur sehr unglücklich verloren. Wie bereits gesagt: Wir wissen, dass wir gegen jeden Gegner drei Punkte holen können. Und genau das nehmen wir uns für die ausstehenden vier Spiele vor.

bundesliga.de: Befürchten Sie, dass die Partie gegen Stuttgart am letzten Spieltag ein echtes Abstiegs-Endspiel mit - vor heimischen Publikum - sehr großem Druck werden könnte?

Breitenreiter: Um die Nerven meiner Mannschaft mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Denn dass sie gute Nerven hat, hat sie bereits im Finale der vergangenen Saison gezeigt. Wir sind einer der krassesten Außenseiter der Bundesliga-Historie und wurden von vielen Experten von Beginn an als Absteiger Nummer eins abgeschrieben. Wir aber werden in jedem Spiel noch einmal Vollgas geben. Sollte die Partie gegen Stuttgart tatsächlich den Charakter eines echten Finalspiels bekommen, hätten wir jedem Skeptiker bewiesen, dass wir bis zum letzten Spieltag dabei sind. Sollte uns die Rettung aber schon vorher gelingen -  umso schöner. Letztlich ist es mir persönlich aber egal, wie wir es schaffen, ob nun in drei, vier oder sechs Spielen. Wir werden auf jeden alles daran setzen, für die nächste Sensation in Paderborn zu sorgen.

bundesliga.de: Präsident Wilfried Finke hat allerdings den direkten Klassenerhalt gefordert. Baut er so unnötigen Druck auf?

Breitenreiter: Für mich zählt nur, was Herr Finke mir im persönlichen Gespräch mitteilt, nicht das, was vielleicht manche Medien meinen transportieren zu müssen. Diesbezüglich weiß ich, dass Herr Finke und ich auf derselben Wellenlänge liegen, und dass er es sehr positiv sieht, wie wir uns bisher in der Bundesliga präsentiert haben. Auch er will für die verbleibenden Spiele unbedingt eine positive Stimmung in der und um die Mannschaft herum. Ganz sicher ist es nicht seine Absicht, jetzt unnötig negativen Druck aufzubauen?

"Wir werden mit an den Haaren herbeigezogenen Aussagen konfrontiert"

bundesliga.de: So positiv ist es, wie sich Mannschaft, aber auch Trainer bisher präsentiert haben, dass es eine Reihe von Spekulationen gibt. Wie sehr stören diese Dinge, gegen die es kaum eine Handhabe gibt, die Konzentration?

Breitenreiter: Sie bringen es auf den Punkt: Dagegen haben wir keine Handhabe, und es stört in der Tat die alltägliche Arbeit. Wir werden mit an den Haaren herbeigezogenen Aussagen konfrontiert, wie etwa in der vergangenen Woche, als mir unterstellt wurde, ich hätte bereits woanders einen Vertrag unterschrieben. Ich frage mich wirklich, wer meint, dass er ausgerechnet jetzt auf diese Weise unnötig für Unruhe sorgen muss?! Wir können nur mit aller Macht versuchen, uns ausschließlich auf unser Ziel zu konzentrieren. Was vielleicht nach dieser Saison passiert, das weiß jetzt kein Mensch. Auch ich nicht.

bundesliga.de: Befürchten Sie für den Fall, dass es trotz aller Mühen nicht zum Klassenerhalt reichen sollte, dass ein Abstieg dem Verein weit mehr schaden könnte als der Aufstieg genutzt hat?

Breitenreiter: Mit dieser Thematik beschäftigen wir uns überhaupt noch nicht. Denn normalerweise wird man für Leistungen, wie wir sie über die Saison hinweg immer wieder gezeigt haben, belohnt. Geschadet haben wird die Erstligazugehörigkeit aber in gar keinem Fall. Durch dieses eine Jahr Erste Bundesliga konnten wir fünf Millionen Euro Schulden abbauen und den Verein damit entschulden. Zudem wird ein Trainingszentrum gebaut, das vorher über Jahre hinweg nur als Idee in einer Schublade existiert hat. Damit hat man die Perspektive über Jahre hinweg vernünftigen Profifußball in Paderborn anbieten zu können. Kurz gesagt: Der SC Paderborn ist für die Zukunft bestens aufgestellt.

"Enorme Entwicklung der Fan-Kultur"

bundesliga.de: Lassen Sie uns zum Schluss noch einen Blick auf den Anteil der Fans daran werfen, dass der SCP weiter die Chance auf den Klassenerhalt hat; beim BVB etwa unterstützen mehr als 8.000 Fans Ihr Team...

Breitenreiter:  Es ist sehr schön zu erleben, wie wir die Fans mit unserer Art Fußball zu spielen mitnehmen können. Sie haben uns auch in den schwierigen Phasen der Rückrunde immer etwas zurückgegeben, und das Zusammenspiel zwischen Fans und Mannschaft ist ein besonders enges. Allein die Tatsache, dass mit dem Aufstieg die Mitgliederzahl von 1.800 auf über 10.000 gestiegen ist, zeigt, wie groß die Euphorie ist. Zudem verdeutlicht die Tatsache, dass uns tatsächlich weit mehr als 8.000 Fans nach Dortmund begleitet haben, vor meiner Zeit aber selbst zu Heimspielen teilweise nur 5.000 Zuschauer kamen, die enorme Entwicklung der Fan-Kultur in Paderborn. Und überhaupt wurde unser Kartenkontingent bei beinahe allen Auswärtsspielen ausgeschöpft. Das ist überragend!

Das Gespräch führte Andreas Kötter