Hamburg/Berlin - Hamburg ist im Derbyfieber! Erstmals seit achteinhalb Jahren trifft der FC St. Pauli am Sonntag wieder in einem Pflichtspiel auf den Hamburger SV. Da stört es auf dem Kiez niemanden mehr, dass nach einem Sieg zum Saisonstart zwei Niederlagen folgten.

Denn aktuell hat Hamburg nur eines im Kopf: die "Stadtmeisterschaft". Auch Matthias Lehmann geht es so. Seine volle Konzentration gilt der Vorbereitung auf das Spiel gegen den großen Rivalen. Auch für ihn geht es um weit mehr als "nur" drei Punkte.

Im Interview mit bundesliga.de spricht Lehmann über die Brisanz des Hamburger Derbys, die Stimmung in der Hansestadt und seine Hoffnung auf ein friedliches Fußballfest. Lehmann erklärt, wo es noch hakt beim FC St. Pauli und sagt, welche Erfahrungen er mit großen Stadtderbys gemacht hat.

bundesliga.de: Herr Lehmann, nach dem Sieg zum Saisonstart ging St. Pauli zwei Mal leer aus. Wie bewerten Sie den Saisonstart Ihrer Mannschaft?

Matthias Lehmann: Drei Punkten aus drei Spielen ist von der Spielweise her zu wenig, aber wir sind zufrieden, so wie es ist. Wir haben aus den Partien gelernt und wissen, was wir besser machen müssen um Punkte zu holen.

bundesliga.de: In Köln hatte St. Pauli wesentlich mehr Ballbesitz, starke Zweikampfwerte, die klar bessere Passquote und eine gute Flankenquote. Warum konnte die Mannschaft dennoch den frühen Rückstand nicht wettmachen?

Lehmann: Die ganze Statistik bringt in dem Moment nichts. Fußball ist einfach: Wenn man vorne einfach keine Tore schießt und darum geht es bei diesem Spiel, hat man das Nachsehen und deshalb haben wir auch verloren.

bundesliga.de: Vergangene Saison stand St. Pauli für berauschenden Offensivfußball. Lässt sich das als Aufsteiger in der Bundesliga überhaupt so einfach umsetzen oder muss man sich der Konkurrenz ein wenig anpassen?

Lehmann: Einfach umsetzen, ist der falsche Ausdruck. Sicherlich haben wir das Ziel offensiven Fußball zu spielen und das behalten wir auch bei, allerdings muss man situationsbedingt auch anderes spielen. Wenn wir in der Bundesliga den Offensivfußball spielen, wie wir ihn in der 2. Bundesliga gespielt haben, dann bekommen wir hinten die Hütte voll.

bundesliga.de: Ganz Hamburg ist natürlich im Derbyfieber. Merkt man, dass die Stadt schon jetzt - positiv gesagt - im Ausnahmezustand ist?

Lehmann: Nach dem freien Tag am Dienstag hat man noch nicht so viel mitbekommen. Aber jetzt mit der Trainingswoche beginnt dann auch das Kribbeln - es wird von Tag zu Tag mehr werden. Am Wochenende soll es dann so sein, dass wir, positiv gesehen, eine angeheizte Stimmung haben. Es soll ein Fußballfest werden ohne gewalttätige Ausschreitungen.

bundesliga.de: Sie haben zu Ihren Zeiten bei 1860 ja auch ein Derby gegen den FC Bayern bestritten. Lässt sich das auf irgendeine Weise mit dem Hamburger Derby vergleichen?

Lehmann: Ja, mit Sicherheit. Zwei Mannschaften in einer Großstadt: Die eine Hälfte der Stadt ist für die eine Mannschaft, die zweite für die andere. Da geht es um sehr viel. Nach dem Spiel wird man im Büro noch wochenlang getriezt, wenn die Mannschaft verliert, für die das Herz schlägt. Man hat zwei Derbys und wir wollen die Überraschung schaffen.

bundesliga.de: Der HSV ist sehr gut in die Saison gestartet. Vor allem Ruud van Nistelrooy ist in Torlaune. Wie will St. Pauli ihn und die "Rothosen" stoppen?

Lehmann: Nicht nur speziell Ruud van Nistelrooy, der HSV hat im Allgemeinen eine gute Mannschaft. Sie haben eine sehr hohe Einzelqualität und wir müssen bei diesem Spiel ans maximale Limit und darüber hinaus gehen, um bestehen zu können. Ein Derby hat immer etwas Besonderes und ist anders als jedes andere Bundesliga-Spiel. Aber wir müssen uns nicht verstecken. Mal sehen was am Ende dabei rauskommt.

bundesliga.de: Nun gibt es auch gegen den HSV "nur" maximal drei Punkte zu holen. Aber würde ein Sieg dennoch etwas ganz Besonderes und zudem eine Initialzündung sein?

Lehmann: Nein, eine Initialzündung wahrscheinlich nicht. Aber es gibt drei Punkte zu holen, drei wichtige Punkte. Zudem geht es um den Stellenwert in der Stadt und bei den Fans. Wir wissen, dass wir bei einem Sieg gegen den HSV etwas Großes schaffen können. Aber dann ist auch erst der 4. Spieltag vorbei und wir haben noch 30 vor uns. In allererster Linie ist es ein Punktspiel für uns.

Die Fragen stellte Sebastian Stolz