Gelsenkirchen - Neun Jahre lang trug er das "königsblaue Trikot" und gehörte zur Generation der Schalker "Eurofighter", die 1997 den Uefa-Cup nach Gelsenkirchen holte. Zudem gewann er mit den "Knappen" 2001 und 2002 den DFB-Pokal. Die Rede ist von Youri Mulder. Zwischen 1993 und 2002 netzte der Angreifer in 176 Bundesliga-Spielen für die Schalker 33 Mal ein. Auch an der Seitenlinie war er aktiv, betreute er die Gelsenkirchener doch interimsweise gemeinsam mit Mike Büskens in den Saisons 2007/08 und 2008/09 insgesamt für 15 Spiele. Kein Wunder also, dass der Niederländer nach dieser glorreichen Vergangenheit seinen Ex-Verein nicht aus den Augen verloren hat und weiterhin stets verfolgt.

"Ich schaue immer nach, wie sie gespielt haben. Jetzt natürlich auch wieder ein bisschen intensiver", erzählt Mulder, der momentan viel beschäftigt ist. Schließlich ist er gerade dabei, seinen letzten Trainerschein zu machen und arbeitet zudem noch bei Twente Enschede als Assistent von Trainer Co Adriaanse. "Da kann ich jeden Tag viel lernen. Und es läuft momentan auch ganz gut für uns", freut sich der 42-Jährige. Immerhin steht der niederländische Pokalsieger mit 17 Punkten aus den ersten acht Spielen momentan auf Rang drei in der niederländischen Eredivisie. Nur einen Platz schlechter ist Mulders Ex-Verein Schalke 04 in der Bundesliga platziert.

Mulder hat damit gerechnet

Nach fünf Siegen aus den ersten acht Partien stehen die "Königsblauen" auf Rang vier, nur vier Punkte hinter dem Spitzenreiter FC Bayern München. "Ein guter Saisonstart ", stellt Mulder treffend fest. Vor allem die Art und Weise, wie die Schalker zu Werke gehen, gefalle ihm. "Sie spielen offensiven und attraktiven Fußball." Dabei ist es erst knapp zwei Wochen her, dass Ralf Rangnick wegen eines Erschöpfungs-Syndroms überraschend seinen Rücktritt als Schalke-Trainer bekannt gab. Die Mannschaft zeigte sich zumindest auf dem Rasen unbeeindruckt, ließ sich nicht irritieren und gewann nach dem "Rangnick-Schock" neben den beiden Bundesliga-Spielen gegen den SC Freiburg und beim Hamburger SV auch das Europa-League-Duell gegen Maccabi Haifa. Sie scheinen also gefestigt.

Das nun Huub Stevens am vergangenen Dienstag als Nachfolger von Ralf Rangnick vorgestellt wurde, überraschte Mulder nicht. Im Gegenteil. "Er war zwar auch beim Hamburger SV im Gespräch, doch ich habe sofort damit gerechnet, dass Huub zu Schalke geht."

Rückkehr mehr Chance als Gefahr

Sein ehemaliger Übungsleiter tätigte auf der Pressekonferenz zu seiner Rückkehr einen Satz, den auch der ehemalige Stürmer sehr gut nachvollziehen kann. "Einmal Schalker, immer Schalker." Nach seinen neun Jahren als Spieler kehrte Mulder erst sechs Jahre später als Interimstrainer zu den Ruhrpottlern zurück. "Die Leute hier sind wirklich fußballverrückt und sehr emotional. Außerdem kennt man auch trotz einer längeren Pause immer noch viele Gesichter. Es sind die gleichen Leute, die dort arbeiten, zum Beispiel auf der Geschäftsstelle. Es fühlt sich einfach so an, als würde man nach Hause kommen."

Doch es gibt auch das Sprichwort, dass man eine "alte Liebe nicht wieder aufwärmen" sollte. Mulder sieht das jedoch anders. "Alte Liebe rostet auch nicht. Klar kann es schiefgehen, doch es ist auch eine große Herausforderung, mit Schalke etwas zu schaffen. Es ist ein guter Zeitpunkt, jetzt Trainer auf Schalke zu werden. Es steckt viel Potenzial in dem Team." Damals habe er großen Erfolg gehabt, aber "man muss nicht mehr auf die alten Erfolge zurückblicken, man muss nach vorne schauen und mit diesen Jungs erfolgreich sein", sagt Mulder, der glaubt, dass Stevens die offensive Spielweise von Rangnick fortführen werde. "Wobei er wahrscheinlich noch mehr Wert auf das Kombinationsspiel legen wird."

"Er wird die richtige Balance finden"

Dass sein ehemaliger Übungsleiter in der Öffentlichkeit dabei als ein Trainer gilt, der viel Wert auf die Defensive legt, kann der Niederländer nicht nachvollziehen. "In der Saison 2000/01 hat Schalke unter Stevens einen unglaublich offensiven Fußball gespielt." Recht hat er - stellten die "Knappen" mit 65 Treffern damals doch die stärkste Offensive aller 18 Bundesligisten. Damals hießen die Akteure Sand, Mpenza, Möller, Böhme und Asamoah - heute Huntelaar, Raul, Jurado, Holtby und Farfan. "Wenn er gute offensive Leute hat, dann wird er auch offensiv spielen lassen." Und im Spiel nach vorne stimmt es bei den "Knappen" allemal.

Mit 17 Treffern stellen sie derzeit nach dem Spitzenreiter Bayern München (21) die zweitstärkste Offensive. Vor allem einer trifft zurzeit nach Belieben, Mulders Landsmann Klaas-Jan Huntelaar. Der 28-Jährige Stürmer hat bereits sieben Saisontore auf seinem Konto, wettbewerbsübergreifend hat der insgesamt schon 15 Mal geknipst. "Ich habe letztes Jahr schon gesagt, dass er viele Tore machen wird. Aber er ist kein Konterstürmer. Die jetzige Spielweise kommt ihm entgegen, weil er unglaublich gefährlich ist im Strafraum. Wenn er dort eine Chance kriegt, dann ist der Ball auch meistens drin, egal ob mit dem Fuß oder mit dem Kopf. Er hat ein gutes Positionsspiel, eine gute Technik und ist sehr clever vor dem Tor", lobt Mulder.

Doch hinten drückt noch der Schuh. Bereits 13 Mal musste S04-Keeper Ralf Fährmann hinter sich greifen, von den ersten elf Teams in der Tabelle kassierte keine Mannschaft mehr Gegentore. "Die Organisation muss stimmen und das verlangt eine hohe Konzentration. Bei eigenem Ballverlust müssen auch die offensiven Leute mit nach hinten arbeiten. Und Huub ist ein guter Trainer, um die Defensive zu organisieren. Er wird die richtige Mischung zwischen Offensive und Defensive schon finden", ist Mulder überzeugt.

"Sehr emotional und leidenschaftlich"

Und wie tickt der Schalker "Jahrhundert-Trainer"? Wenn es einer wissen muss, dann der ehemalige Torjäger. "Er ist ein geradliniger Typ. Im Training muss man immer Vollgas geben, da darf man nicht nachlassen", erinnert sich der Niederländer, dem das Training unter Stevens "immer großen Spaß" gemacht hat. Er fügt hinzu: "Huub ist sehr emotional und leidenschaftlich. Eine Niederlage hakt er nicht so schnell ab und geht zur Tagesordnung über, er ist ein schlechter Verlierer. Aber das ist keine negative Eigenschaft. Er ist ein Winner-Typ", beschreibt ihn Mulder, der häufiger noch mit seinem ehemaligen Vorgesetzten telefoniert und ihn ab und zu mal auch trifft.

Und er glaubt, dass auch Stevens' zweite Amtszeit als Schalke-Trainer von Erfolg gekrönt sein wird. Allerdings werde es in dieser Spielzeit "sehr schwierig, noch an den Bayern vorbeizukommen", meint Mulder und ergänzt: "Dahinter ist aber alles offen. Ich denke, die Schalker werden auf einen der ersten vier Plätze landen. Und vor Borussia Dortmund stehen." Wenn es am Ende tatsächlich so kommen sollte, dürften die Schalke-Anhänger sicherlich nichts dagegen haben. Und Stevens auch nicht.

Robin Schmidt


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