Dortmund - Selten war eine deutsche Nationalmannschaft favorisiert, wenn sie in ein Länderspiel gegen Italien ging. Beim heutigen Vergleich gegen den vierfachen Weltmeister in Dortmund (ab 20:30 Uhr im Live-Ticker) sind die Rollen jedoch klar verteilt: Die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw, die in vergangenen Jahren eine kontinuierliche Entwicklung durchgemacht hat, trifft auf einen Gegner, der nach dem Scheitern bei der WM in Südafrika einen radikalen Neuanfang startete.

Personallage:

Bundestrainer Joachim Löw kann beinahe aus dem Vollen schöpfen. Nach der Absage von Bayern-Stürmer Mario Gomez (Innenbandzerrung im Knie) haben sich die restlichen Kandidaten fit gemeldet und ringen um die elf Plätze im Team. Dabei erhält Schalke-Keeper Manuel Neuer nach seiner Weltklasseleistung in Dortmund (0:0) am vergangenen Freitag erwartungsgemäß den Vorzug vor Rene Adler. Die Viererkette vor Neuer bilden voraussichtlich Kapitän Philipp Lahm, Per Mertesacker sowie die Lokalmatadoren Mats Hummels und Marcel Schmelzer. Auf der Doppel-Sechs kommen Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger zum Einsatz. Davor agieren im offensiven Mittelfeld Thomas Müller, Mesut Özil und Lukas Podolski. BVB-Senkrechtstarter Mario Götze wird wohl in der zweiten Hälfte eine Einsatzchance bekommen. Miroslav Klose ist als zentraler Angreifer gesetzt.

Italien-Coach Cesare Prandelli dürfte im Sturm auf Giampaolo Pazzini (Inter Mailand) und Antonio Cassano (AC Mailand) setzen. Die beiden Angreifer spielten bis vor kurzem noch zusammen bei Sampdoria Genua und wechselten im Januar zu den beiden Mailänder Clubs. Hinter den Spitzen wird vermutlich Stefano Mauri (Inter Mailand) agieren - doch auch Giuseppe Rossi, der in der spanischen Liga beim FC Villarreal bereits zehn Saisontore erzielt hat, und Marco Borriello (AS Rom) können sich Einsatzzeiten ausrechnen.

Im Mittelfeld wird der vor kurzem eingebürgerte Brasilianer Thiago Motta (Inter) als Sechser sein Debüt für die "Squadra Azzurra" geben. Riccardo Montolivo (AC Florenz) und Daniele de Rossi (AS Rom) komplettieren die "Raute". Alternativen im Mittelfeld sind Domenico Criscito (FC Genua) und Alberto Aquilani (FC Liverpool). Die Viererkette in der Abwehr dürften Mattia Cassani (US Palermo), Leonardo Boncci (Juventus Turin), Andrea Ranocchia (Inter) und Giorgio Chiellini (Juventus Turin) bilden. Im Tor steht mit Gianiluigi Buffon ein alter Bekannter. Für den Torwart ist die Partie in Dortmund das Comeback in der Nationalmannschaft. Während der WM 2010 verletzte er sich gleich im ersten Vorrundenspiel gegen Paraguay schwer und fiel in der Folge mit einem Bandscheibenvorfall ein halbes Jahr aus.


Historie:

Der viermalige Weltmeister Italien ist für die deutsche Nationalmannschaft ein wahrer Angstgegner. Von 29 Begegnungen seit 1923 gewann die DFB-Auswahl sieben, acht Spiele endeten remis und 14 Mal gingen die Italiener als Sieger vom Platz. Die Tordifferenz aus diesen 29 Vergleichen lautet 44:33 zugunsten der "Azzurri". Nur gegen England gab es für die Nationalmannschaft eine Niederlage mehr.

Das bislang letzte Aufeinandertreffen traf die deutsche Nationalmannschaft tief ins Mark. Im Halbfinale der Heim-WM 2006 unterlag die damals von Jürgen Klinsmann trainierte deutsche Mannschaft ebenfalls in Dortmund 0:2 nach Verlängerung. Am 4. Juli 2006 beendeten Fabio Grosso und Alessandro Del Piero mit ihren beiden Toren in den letzten zwei Minuten der Verlängerung den Traum der DFB-Elf vom Finaleinzug. Der heutige Bundestrainer Joachim Löw war damals Assistent von Klinsmann.

Dieses Spiel war aber lange nicht so ereignisreich, wie das unglaubliche Halbfinale bei der WM 1970 in Mexiko. Die 3:4-Niederlage gegen die Italiener gilt als "Spiel des Jahrhunderts", in dem Franz Beckenbauer nach einem Foul den Arm in einer Schlinge trug. Nach 0:1 hatte ausgerechnet der Italien-Legionär Karl-Heinz Schnellinger in der Schlussminute der regulären Spielzeit für den Ausgleich gesorgt. Dann fielen die meisten Tore in einer WM-Verlängerung, insgesamt waren es fünf. Nach dem 2:1 durch Gerd Müller drehten die Italiener die Partie erneut zum 3:2. Dann sorgte wieder Müller für das 3:3, ehe Italien den 4:3-Siegtreffer erzielte. Ein unvergessliches Spiel.


Bilanz:

Joachim Löw betreut das deutsche Team zum 63. Mal seit seinem Debüt als verantwortlicher Bundestrainer im August 2006. Seine Bilanz: 43 Siege, zehn Unentschieden und neun Niederlagen bei einer Tordifferenz von 150:44. In diesen 62 Länderspielen setzte Löw 69 Nationalspieler ein und verhalf 44 Neulingen zu ihrer Premiere im Trikot der DFB-Auswahl. Der Dortmunder Sven Bender, einziger Neuling im Aufgebot gegen Italien, könnte als 45. Debütant unter Löw in die Geschichte eingehen

Miroslav Klose belegt mit 105 Länderspieleinsätzen gemeinsam mit Jürgen Kohler in der "ewigen" Rangliste der deutschen Länderspiel-Einsätze Rang 3. Führender in dieser Statistik bleibt weiterhin Lothar Matthäus. Der Nationaltrainer Bulgariens spielte zwischen 1980 und 2000 150 Mal für die DFB-Auswahl. Nur noch drei Länderspiele vor Klose und Kohler rangiert Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann auf dem 2. Platz. Klose ist folgerichtig auch der erfahrenste Akteur im Aufgebot für das Italien-Spiel. Bastian Schweinsteiger (84) und Lukas Podolski (83) folgen dahinter.


Das sagen die Trainer:

Joachim Löw (Deutschland): "Wir wollen beweisen, dass wir zu den ganz großen Fußball-Nationen gehören und deshalb den Italien-Fluch beenden. Italien ist nach wie vor eine Mannschaft, die sehr gut verteidigen kann und das Tempo aus dem Spiel nehmen kann. Das ist ein Gegner, der uns alles abverlangen wird. Ich habe viel mehr Möglichkeiten als früher, weil auch in vielen Vereinen den jungen Spielern vertraut wird und diese das Vertrauen rechtfertigen. Die beste Situation für einen Trainer ist doch, wenn es Spieler gibt, die jetzt schon auf Khedira, Özil, Podolski oder Badstuber Druck machen.

Cesare Prandelli (Italien): "Italien gegen Deutschland ist ein immer faszinierendes Duell. Ginge es nach mir, würde ich einmal im Jahr ein Länderspiel gegen Deutschland bestreiten. Ich bin überglücklich, dass Buffon wieder der Nationalmannschaft zur Verfügung steht. Er ist ein Weltmeister mit einer unglaublichen Begeisterung für die Nationalelf, Wir wollen Motta einsetzen, weil wir ein starkes Mittelfeld aufbauen wollen. Motta ist ein wendiger und starker Spieler. Er kann sich gut auf das Offensivspiel einstellen."

Voraussichtliche Aufstellungen:

Deutschland: Neuer - Lahm, Mertesacker, Hummels, Schmelzer - Schweinsteiger, Khedira - Müller, Özil, Podolski - Klose

Italien: Buffon - Cassani , Bonucci, Ranocchia, Chiellini - Thiago Motta, de Rossi, Montolivo, Mari - Cassano, Pazzani

Schiedsrichter: Eric Braamhaar (Niederlande)