Paderborn - Von Daniel Ginczek fielen zentnerschwere Lasten ab. "Ich wäre der Volltrottel gewesen, wenn wir abgestiegen wären. Aber nach meinem Fehlschuss haben mich alle in der Mannschaft sofort aufgebaut und ich bin heilfroh, dass ich ihnen dieses Vertrauen dann später zurückzahlen konnte", sagte der Angreifer des VfB Stuttgart.

In der 72. Spielminute sicherte Ginczek mit seinem Tor zum 2:1 beim SC Paderborn dem VfB den Klassenerhalt. In der ersten Hälfte hatte der 24-Jährige in aussichtsreicher Situation noch kläglich versagt. Zu einem Zeitpunkt, als die Schwaben 0:1 zurücklagen und exakt 40 Jahre nach ihrem bislang einzigen Bundesliga-Abstieg 1975 der zweite Sturz in die Zweitklassigkeit unmittelbar bevorzustehen schien.

"Haben auf unsere Stärken vertraut"

Erstaunlich aber, wie entspannt Trainer und Spieler in dieser Situation blieben. "Wenn man nach drei Minuten bereits hinten liegt, dann kann man natürlich schnell nervös werden. Wir sind allerdings ganz ruhig geblieben und haben auf unsere Stärken vertraut. Durch diese haben wir dann auch verdient gewonnen und sind damit ebenso verdient in der Liga geblieben", sagte Trainer Huub Stevens.

Der 61-Jährige genoss den Triumph im Stillen, als seine Spieler unmittelbar nach dem Abpfiff völlig losgelöst zu ihren Fans rannten. "Da ist der ganze Druck von uns abgefallen", sagte Torhüter Sven Ulreich, während Christian Gentner bei aller Freude den Verlierer nicht vergaß. "Natürlich herrscht bei uns die pure Erleichterung. Aber das hier ist schon eine perverse Situation. Während wir feiern, fließen auf der anderen Seite nach dem Abstieg die Tränen", sagte der 29-jährige Mannschaftskapitän des VfB Stuttgart.

Stevens geht unbeirrt seinen Weg

Dass diese nicht bei Gentner und seinen Teamkameraden fließen mussten, ist für Daniel Ginczek das Verdienst von Huub Stevens. "Der Trainer hat immer alles von uns ferngehalten", sagte der Siegtorschütze. Und es gab jede Menge, was Hubertus Jozef Margaretha Stevens von den Spielern fern zu halten hatte. So ist der Klassenerhalt als Happy-End einer auf der Führungsebene des Vereins chaotisch verlaufenen Saison zu bewerten. Im September bereits wurde Manager Fredi Bobic entlassen, im November trat Trainer Armin Veh aus eigenen Stücken zurück. Als Nachfolger wurde erneut der bereits im Vorjahr als Retter geholte Stevens installiert, der jedoch sofort erkannte: "Diese Mission wird schwieriger."

Weil Nebengeräusche die Arbeit behinderten und just in der wichtigsten Phase der Saison immer lauter wurden. Im März nahm zunächst Sportdirektor Jochen Schneider nach 16 Jahren seinen Hut, im April legte Finanzvorstand Ulrich Ruf gar nach 35-jahriger Tätigkeit sein Amt nieder und Hansi Müller musste sich im Mai aus dem Aufsichtsrat verabschieden, nachdem er verkündet hatte, dass Alexander Zorniger zur nächsten Saison neuer VfB-Trainer werden würde.

Stevens ignorierte seine mögliche Ablösung. Der "Knurrer aus Kerkrade", der eigentlich aus Sittard stammt, schaffte es, dass sich die Mannschaft - anders als beim Hamburger SV - von all den Dingen nicht beeinflussen ließ (Social Media: Der Abstiegskampf im Twitter-Spielfilm). "Es hat Spaß gemacht, mit dieser Mannschaft zu arbeiten. Sie hat in all der Zeit gelebt, obwohl diese Zeit nicht einfach war", sagte Stevens und ergänzte: "Ich habe andere, vielleicht sogar größere Erfolge erlebt. Aber es ist auch ein sehr schöner Erfolg, wenn man einem Verein zweimal aus einer bedrohlichen Lage helfen kann."

Aus Paderborn berichtet Thomas Schulz