Olaf Thon hat auf Schalke die guten wie die schlechten Zeiten miterlebt. Entsprechend gebannt verfolgt er die aktuell positive Entwicklung bei den "Königsblauen", die immerhin auf Platz 3 in der Tabelle rangieren.

Am Samstag sind die "Knappen" zu Gast beim direkten Tabellennachbarn Werder Bremen (ab 18 Uhr im Live-Ticker / Liga-Radio). Bei bundesliga.de nimmt Thon das Topspiel unter die Lupe.

Seiner Meinung nach läuft es auf ein Duell zweier Mittelfeldspieler hinaus. Weiterhin erklärt Thon, wer "Herbstmeister" wird und welche Rolle die Bayern in den kommenden Monaten spielen werden.

bundesliga.de: Bremen zeichnet sich nicht nur durch die bekannt starke Offensive, sondern auch durch eine gute Abwehr aus. Überrascht Sie das?

Olaf Thon: Man hat ja die klare Tendenz, dass Werder Bremen in den vergangenen Jahren - ja eigentlich im vergangenen Jahrzehnt - fast immer die meisten Tore geschossen hat. Hinten war die Mannschaft dafür immer anfällig. Ich bin auch der Meinung, dass das so geblieben ist. Bremen rückt immer sehr weit auf und spielt auf Abseits. Daher fängt die Mannschaft noch immer viele Gegentore. Das kann den Schalkern in diesem Spiel zugutekommen.

bundesliga.de: Was erwarten Sie demnach vom Spitzenspiel zwischen Bremen und Schalke?

Thon: Schalke steht sehr gut in der Defensive. Meiner Meinung nach läuft das Spiel auf einen Zweikampf im Mittelfeld zwischen Schalkes Ivan Rakitic und Bremens Mesut Özil hinaus. Beide wollen sich beweisen. Der eine ist nach Bremen gegangen, weil der andere damals bei Schalke den Vorzug bekommen hat. Özil hat sich bei Werder hervorragend entwickelt und vielleicht entscheiden diese beiden Akteure mit ihren Aktionen, wer das Spiel letztendlich gewinnt. Mein Tipp ist aber ein Unentschieden. Ich glaube, Werder Bremen wird jetzt zum Ende der Hinrunde ein wenig müde durch die vielen Spiele. Schalke könnte mit diesem Unentschieden natürlich sehr gut leben.

bundesliga.de: Nach Diegos Abgang verteilte Thomas Schaaf die Arbeit auf die jungen Schultern von Aaron Hunt, Marko Marin und Mesut Özil. Vor allem Özil sticht hervor. Hätten Sie mit solch durchschlagendem Erfolg gerechnet?

Thon: Özil hat ja eine gewisse Qualität und auch die Unterstützung vom Trainer. Ich glaube, es steckt noch viel mehr in Özil.

bundesliga.de: Wie viel Potenzial steckt Ihrer Meinung nach noch in Özil?

Thon: Ich hoffe, dass er bei Bremen in die Rolle eines Diegos hineinschlüpfen kann. Ich habe aber noch gewisse Zweifel, ob er vom Typ her eine Mannschaft mal führen kann. Das wird abzuwarten sein. Ganz wichtig wird in dieser Hinsicht auch die Weltmeisterschaft in Südafrika sein. Kann er sich durchsetzen im Mittelfeld? Kann er Stammspieler werden und eine tragende Rolle in der Nationalmannschaft neben Michael Ballack spielen? Damit würde er sich für die nächsten Turniere empfehlen und auch eine Persönlichkeit bei Werder werden.

bundesliga.de: Auch auf Schalke kommen unter Felix Magath viele junge Gesichter zum Einsatz. Glauben Sie, dass die "Knappen" auch bis zum Ende der Saison eine große Rolle spielen können?

Thon: Ja, es sieht so aus. Wer hätte gedacht, dass man mit einem Mittelfeld mit Spielern wie Joel Matip, der noch in der A-Jugend spielen könnte, und Christoph Moritz so gut funktionieren kann? Dazu kommt ein Kevin Kuranyi, der zwar nicht gut spielt, aber trifft. Das alles Entscheidende ist bei Schalke aber weiterhin die Defensive. Mit dem Ausfall von Marcelo Bordon im Spiel in Bremen wird sich zeigen, ob es auch ohne diesen erfahrenen Mann geht. Aber Schalke hat schon so viele Punkte auf dem Konto, dass die Saison positiv verlaufen wird. Das ist ein Selbstläufer.

bundesliga.de: Ist das auch ein Verdienst des Trainers?

Thon: Felix Magath hat dieses gewisse Etwas, aufgrund seiner Erfolge auch so ein bisschen den Heiligenschein eines Franz Beckenbauer. Alle Welt glaubt an "Wunder-Magath". Keiner hätte gedacht, dass Schalke gegen München oder andere Topclubs punkten würde. Deswegen glaube ich auch, dass sie gegen Werder nicht verlieren werden. Realistisch ist Platz 3 zum Abschluss der Saison.

bundesliga.de: Ganz oben steht noch immer Leverkusen. Heißt der "Herbstmeister" dieses Jahr Bayer?

Thon: Ja, Bayer hat es auch verdient. Vor allem aufgrund eines überragenden Stefan Kießling im Sturm, aber auch aufgrund eines Sami Hyypiä, der in der Abwehr den Laden zusammenhält. Ähnlich wie Bordon auf Schalke. Das ist wirklich ein ganz ausgeglichenes, junges Team, das noch sehr viele Möglichkeiten hat, sich zu entwickeln - gerade international. Leverkusen ist mein Titelfavorit neben dem FC Bayern, der sich durch den starken Auftritt bei Juventus Turin wieder Respekt verschafft hat.

bundesliga.de: Langsam aber sicher pirschen sich auch die Bayern wieder oben ran. Bleibt die Saison auch in der Rückrunde spannend oder erwarten Sie einen Durchmarsch des Rekordmeisters?

Thon: Nein, das nicht. Leverkusen hat ja noch einige Punkte Vorsprung und ich glaube nicht, dass der FC Bayern in den kommenden fünf Spielen davonziehen wird. Da wird man also nicht sagen können, die Meisterschaft sei gelaufen. Es wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Bayern und Leverkusen geben. Vielleicht spielt auch Werder Bremen eine Rolle. Schalke 04 wird versuchen, sich irgendwo dazwischen zu platzieren. Vielleicht gelingt ja auch ein zweites Wunder mit Magath. Ich glaube daran nicht. Aber die Schalke-Fans dürfen daran glauben. Der Glaube kann ja bekanntlich Berge versetzen, und die Schalker werden in der Vorbereitung auf die Rückrunde einige Berge besteigen.

Das Gespräch führte Sebastian Stolz