Köln - Aleksandar Ristic gehört zu den schillerndsten Trainern der Bundesliga-Geschichte. In seiner erfolgreichsten Phase als Coach von Fortuna Düsseldorf genoss er Kultstatus. Er steckte den Linienrichtern Bonbons zu, thronte in einem eigens für ihn gebauten Trainerstuhl und verwirrte die Gegner immer mit seinem speziellen "Aleks-System".

Der heute 71-Jährige war aber nicht nur ein guter Trainer (u.a. auch von Eintracht Braunschweig, dem Hamburger SV oder Schalke 04), sondern auch stets sozial engagiert. Während des Balkankrieges Anfang der neunziger Jahre kümmerte sich der Bosnier um viele Flüchtlinge. Im Interview mit bundesliga.de spricht er über die aktuelle Flüchtlingswelle in Europa und lobt das Engagement der Bundesliga-Vereine.

bundesliga.de: Herr Ristic, in den letzten Wochen und Monaten ging eine Welle der Solidarität durch Deutschland. Hunderttausende von Flüchtlingen wurden aufgenommen. Was empfinden Sie, wenn Sie solche Bilder sehen?

Aleksandar Ristic: Ich erinnere mich zurück an die Zeit des Balkankrieges, der inzwischen auch über 20 Jahre zurückliegt. Für mich ist es keine Frage, dass man diesen Leuten helfen muss. Das ist ganz normal. Es ist sicher bei dieser ganz großen Welle nicht einfach, dafür zu sorgen, dass alle Menschen zumindest ein Dach über den Kopf sowie Essen und Trinken bekommen. Aber man muss alles versuchen.

bundesliga.de: Sie haben damals selbst auch viel geholfen. Wie stellte sich die Situation dar?

Ristic: Ich habe damals mit mehreren Leuten, mit der Caritas und dem Roten Kreuz und meinen Vereinen vielen Menschen geholfen. Und von meiner Familie habe ich zehn oder zwölf Verwandte zuhause versorgt. Wenn ich jetzt im Fernsehen die aktuellen Bilder sehe, kommen die Erinnerungen wieder hoch. Was mich etwas überrascht, ist, dass so viele junge Leute auf der Flucht sind. In Kroatien konnten die jungen Leute damals nicht aus dem Land. Die mussten bleiben, nur Frauen, Kinder und ältere Menschen durften das Land verlassen. Man muss diesen Menschen helfen. Es fällt mir schwer anzusehen, was die Menschen alles ertragen müssen.

"Viele tolle Aktionen"

bundesliga.de: Der Fußball und die Bundesliga haben einiges getan, Flüchtlinge zu Spielen eingeladen und sie besucht, Benefizspiele organisiert und Spenden gesammelt ...

Ristic: Die Vereine werden mit Sicherheit alles versuchen, um zu helfen. Aber es ist auch nicht einfach, weil so viele Menschen kommen. Man kann sich kaum ausmalen, wie schwer es ist, die Hilfe für diese vielen Menschen zu organisieren. Ich habe von den Vereinen schon viel Engagement gesehen, sie wollen wirklich viel machen. Das freut mich.

bundesliga.de: Bayern-Profi Javier Martinez ist in München zum Bahnhof gefahren, die Hamburger Spieler Rene Adler und Lasse Sobiech haben Flüchtlinge besucht und in einer Unterkunft übernachtet. Ist es wichtig, dass auch die Spieler ein Zeichen setzen?

Ristic: Ja. Ich finde solche Aktionen ganz toll. Man muss in jede Richtung helfen. Es ist schrecklich, wenn man sieht, was die Leute alles entbehren mussten.

bundesliga.de: Kann der Fußball und der Sport allgemein dabei helfen, die Menschen in Deutschland schneller zu integrieren, wie es beispielsweise das Programm der Bundesliga-Stiftung "Willkommen im Fußball" versucht?

Ristic: Mit Sicherheit. Die Menschen in den Vereinen haben ein großes Herz, wollen helfen und organisieren Veranstaltungen und Trainingseinheiten für Flüchtlinge. Und die Bundesliga-Vereine laden Flüchtlinge zu ihren Spielen ein. Das ist alles sehr, sehr positiv.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski