Leverkusen - Im Topspiel des 20. Spieltags lieferten sich Bayer 04 Leverkusen und der FC Bayern München ein rassiges Duell, dem beim 0:0-Unentschieden nur die Tore fehlten. Nicht die Topstürmer Chicharito oder Robert Lewandowski drückten der Partie ihren Stempel auf, sondern die überragenden Abwehrreihen beider Mannschaften. Besonders die Youngster - Jonathan Tah auf Seiten der Werkself und Joshua Kimmich in den Reihen des FC Bayern - glänzten gegen die Torjäger.

Die Entwicklung von Jonathan Tah im letzten Dreivierteljahr ist ohne Übertreibung sensationell. Noch vor einem Jahr ließ auch er sich von der Talfahrt seines damaligen Clubs Fortuna Düsseldorf anstecken. Im Fachblatt "Kicker" wurden seine Leistungen häufiger mit der Note "5" und schlechter bewertet. Es gab nicht wenige Experten, die seinen Wechsel nach Leverkusen mit Skepsis verfolgten. Vom schlechtesten Rückrundenteam der 2. Bundesliga zum Champions-League-Teilnehmer, wie sollte das gut gehen?

Tah hat sie alle Lügen gestraft

Tah hat sie alle Lügen gestraft. In Leverkusen hat der 19-Jährige in dieser Saison als einziger Feldspieler alle 31 Pflichtspiele der Rheinländer von der ersten bis zur letzten Minute absolviert. "Jonathan ist so abgeklärt, der ist ein Riese. Da denke ich nie, dass er erst 19 Jahre alt ist, sondern, dass ein Bär hinter mir ist", staunt Mitspieler Kevin Kampl. "Der hält uns den Rücken frei und schmeißt sich überall rein. Er macht das Weltklasse für einen 19-Jährigen."

Seine Werte waren auch gegen Bayern München wieder beeindruckend: Gegen Bayern war Tah der zweikampfstärkster Spieler seines Teams, entschied 71 Prozent seiner Duelle für sich. Besonders Robert Lewandowski sah gegen Tah keinen Stich. Der gebürtige Hamburger gewann alle zehn Zweikämpfe gegen den Polen. Erstmals in der Rückrunde blieb der Goalgetter ohne Tor (zuvor traf er in jedem Spiel doppelt).

Diese konstant guten Leistungen haben auch den Bundestrainer auf den Leverkusener Dauerbrenner aufmerksam werden lassen. Er schickte seinen Assistenten Thomas Schneider zur Beobachtung in die BayArena. Was der von Tah gesehen hat, dürfte ihm gefallen haben. "Das ist eine Ehre für mich, aber ich fokussiere mich erstmal auf meine Aufgaben und das nächste Spiel", blieb Tah dennoch bescheiden.

Kimmich glänzt in neuer Rolle

Von seinen Kollegen wird er nur "Big Mike" gerufen, ein Spitzname, dem ihn Karim Bellarabi in Anspielung auf den Helden des Sportler-Kinodramas "Blind Side" verpasste. Ein solcher oder ähnlicher Spitzname ist von Joshua Kimmich noch nicht überliefert. Das Supertalent des FC Bayern rückte er zufällig in die Innenverteidigung des Rekordmeisters, nachdem sich die etatmäßigen Innenverteidiger gleich reihenweise verletzten.

Zweimal durfte der gelernte Mittelfeldspieler, der am Montag seinen 21. Geburtstag feiert, an der Seite von Holger Badstuber in der Defensive aushelfen. Zweimal blieben die Bayern ohne Gegentor. Als Modell auch für die Zukunft wollte Badstuber die aus der Not geborene neue Innenverteidigung noch nicht ansehen. "Wir müssen jetzt einfach weiter dran bleiben und wissen, dass einige Spieler, die dahin gehören, noch fehlen. Das müssen wir kompensieren", meinte der 26-Jährige nüchtern. "Der Joshua macht das ordentlich. Wir sind ein Team. Wenn das Team insgesamt gut verteidigt, tun wir uns auch leichter."

Kießling aus dem Spiel genommen 

Am Mann schlug sich Joshua Kimmich in Leverkusen recht wacker. Er hatte am Ende eine ausgeglichene Zweikampfbilanz, sah sah sich allerdings auch einem Stefan Kießling gegenüber – einem der zweikampfstärksten Stürmer der Liga, der 15 Zentimeter größer ist und zwölf Kilogramm mehr wiegt. Trotz seiner physischen Überlegenheit blieb Kießling im Spiel komplett ohne Torschuss. Einziger Wermutstropfen für Kimmich war, dass er sich nach zuvor elf Siegen erstmals in der Bundesliga mit einem Remis begnügen musste. Er wird es verschmerzen können.

Aus Leverkusen berichtet Tobias Gonscherowski