Dortmund - Hochmotiviert, selbstbewusst, analytisch und bei all dem irgendwie trotzdem tiefenentspannt– so ist Thomas Tuchel in seine neue Aufgabe als Trainer von Borussia Dortmund gestartet. Bei seiner Vorstellung vor einem Großaufgebot an Medien ließ er keinen Zweifel, wie er sich den Fußball in Schwarz-Gelb künftig vorstellt. Und wie er als Herausforderer das Spitzenquartett der Bundesliga jagen will: "Ich möchte, dass diese vier Teams uns ständig spüren!"

Hans-Joachim Watzke hatte es zumindest versucht. Er wolle gleich jegliche Illusionen nehmen, dass sich der Verein bei der Vorstellung von Tuchel zu möglichen Transfers oder Saisonzielen äußern werde, schickte der BVB-Boss voraus. Dann kam Thomas Tuchel selbst – und machte ziemlich unmissverständlich klar, mit welchen Zielen er die neue Spielzeit angeht. "Der BVB ist der große Herausforderer in allen Wettbewerben, in denen wir spielen. Und wir sind vor allem der Herausforderer für die nationale Spitze, die sich erweitert hat."

Angriff auf Spitzenquartett

Neben den Bayern bilden Wolfsburg, Mönchengladbach und Leverkusen für Tuchel das Spitzenquartett der Bundesliga, "auf das wir einen gewissen Rückstand aufholen müssen." Für den 41-Jährigen eher Motivation als Ballast. "Wir wollen ein ernst zu nehmender Herausforderer sein", versprach er und dürfte damit auch bei Aki Watzke größte Zufriedenheit aufkommen lassen. Der Geschäftsführer hatte zuvor betont, nach ein paar Tagen zum Wunden lecken nach der Pokalniederlage "sind wir ab heute wieder im Kampfmodus."

Wie aber will Tuchel die Herausforderung BVB und den Angriff auf das Spitzenquartett angehen? Fleiß, Bescheidenheit, Mut, Offenheit und Beharrlichkeit nannte der neue BVB-Coach in seiner klar strukturierten und eindringlichen Ansprache als Voraussetzung. "Es ist wichtig, dass wir eine besondere Hingabe für diesen Weg entwickeln und eine besondere Haltung annehmen für diese Herausforderung."

Groß schreiben will er dabei nach eigener Aussage auch den Teamgeist: "Wir wollen eine Atmosphäre schaffen durchdrungen von Leistungsbereitschaft, frei von Egoismen. Eine Atmosphäre, die die Mannschaft trägt und die uns umgibt, wenn wir als Gruppe zusammen sind. Das muss in jeder Minute spürbar sein, in jedem Training, vor allem aber auch im Stadion." Sich selbst sieht Thomas Tuchel dabei in der Verantwortung, "diese Atmosphäre zu prägen und zu übertragen."

Würdigung von "Kloppo"

Auf dem Platz erwartet der Verein unter neuer sportlicher Leitung vor allem eine hohe taktische Flexibilität, hatte Sportdirektor Michael Zorc klar gestellt und Tuchel zugleich gelobt. "Thomas ist für uns die logische Entscheidung. Er hat klare Vorstellungen, wie Fußball auszusehen hat, gegen den Ball und bei eigenem Ballbesitz. Und er ist in der Lage, Spieler und Mannschaft über einen längeren Zeitraum weiter zu entwickeln."

Ballbesitz und Angriffsfußball waren dann auch die Attribute, die Tuchel selbst mit seinem Spielstil in Verbindung brachte – nicht ohne ausdrücklich noch einmal die Arbeit seines Vorgängers Jürgen Klopp zu würdigen. "Jürgen war mehr als ein Trainer. Er hat hier die Basis gelegt. Dortmund hat einen Stil geprägt; es geht nicht darum, einen zu erfinden. Aber wir wollen jetzt eigene Kapitel hinzufügen und eine Weiterentwicklung starten."

Angriffsfußball macht Spaß

Selbst agieren, dominant spielen, den Ball bei Verlust schnell zurück erobern – so soll der Fußball Marke BVB sich unter Thomas Tuchel künftig präsentieren. Ballbesitz dürfte dabei eine wesentlich größere Rolle spielen als in der Vergangenheit, wenn auch nur als Mittel zum Zweck. "Ballbesitz kann sehr zielstrebig sein", führte der neue Coach aus. "Er wird immer drauf ausgerichtet sein, vor das gegnerische Tor zu kommen. Die Fans erwarten Angriffsfußball und der macht auch mir persönlich Spaß. Damit fühle ich mich wohl.“"

Welches Personal diese Art von Fußball umsetzen soll, bleibt abzuwarten. Die Vorstellung von Thomas Tuchel war nicht der Platz für Spekulationen über mögliche Transfers und Neuzugänge. Und auch der Trainer selbst wollte sie nicht schüren. Im Gegenteil: "Es gibt hier einen tollen, Kader, die Mannschaft ist ausgewogen zusammengestellt.  Mein großer Wunsch ist es, mir ein eigenes, konkretes und verlässliches Bild zu machen, auch von den Charakteren. Es gibt keinen Grund, dass ich jetzt am Schreibtisch darüber urteile, wer aus dieser Truppe raus muss. Das ist nicht mein Verständnis von Führung der Mannschaft."

 

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte