Eigentlich ist Dante schuld. Hätte der Gladbacher Innenverteidiger nicht am 32. Spieltag der Saison 2008/09 den 1:0-Siegtreffer in der Nachspielzeit bei Energie Cottbus geköpft, wäre Borussen-Fan Lutz möglicherweise eine 290 Kilometer lange und schwere Fahrradtour erspart geblieben.

Der 53-jährige hatte Ende April nach dem dürftigen Gladbacher 1:1 gegen Bielefeld und dem Absturz auf Platz 17 nicht mehr an den Klassenerhalt geglaubt. Und in leichter Bierlaune eine Wette angeboten: "Sollten wir doch noch die Klasse erhalten, fahre ich zu einem der ersten Heimspiele von meinem Wohnort Winterberg-Grönebach zum Borussia-Park mit dem Fahrrad."

Schon 1963 zur "Sandkuhle"

Nicht zuletzt dank Dante brachte sich Gladbach bekanntlich mit einem Pünktchen Vorsprung auf Cottbus ins Ziel – und einen seiner treuesten Anhänger in Zugzwang. "Ich komme aus Oberbruch in der Nähe von Mönchengladbach und bin das erste Mal 1963 mit meinem Vater zum Bökelberg gegangen. Der hieß damals noch im Volksmund "Sandkuhle". Seitdem fahre ich so oft es geht zur Borussia, auch auswärts", erzählt Lutz.

Der Termin für das Einlösen der Wette war schnell gefunden: Zum Heimspiel gegen Mainz 05 am Freitag, 28. August sollte die Zwei-Tages-Etappe stattfinden. Bis dahin hatte die im kleinen Kreis abgeschlossene Wette allerdings schon größere Wellen geschlagen.

Gladbach-Trikot vom Hauptsponsor

Neben der Lokalpresse war auch der WDR auf die außergewöhnliche Tour aufmerksam geworden und sollte Lutz mit der Fernsehkamera begleiten. Am Donnerstagmorgen kam sogar noch ein Päckchen vom Hauptsponsor der Borussen mit einem Gladbach-Trikot und den Unterschriften aller Spieler bei Lutz an.

Um 15.15 Uhr ging`s dann erstmals in die Pedale. 105 Kilo hatte der als Küchenleiter tätige Lutz nun über ausgerechnete 260 Kilometer bis Freitagabend ins Ziel am Fanhaus am Mönchengladbacher Borussia Park mit Muskelkraft zu transportieren. Aus dem Hochsauerland rollten Fahrer und Rennrad über Olsberg, Meschede und Menden in fünf Stunden und 20 Minuten bis zum Zwischenstopp in Schwerte.

Umwege und Defekt

"Am ersten Tag waren es genau 123 Kilometer, das lief alles ohne größere Probleme. Ich habe geschlafen wie ein Murmeltier und Freitagmorgen um 10 Uhr ging`s weiter. Der zweite Tag hatte es aber in sich", denkt Lutz an eine Etappe mit vielen Höhen und Tiefen.

Zwei Mal verfuhr sich Lutz auf der Strecke über Herdecke, Hattingen und Velbert. Außerdem machte ein Defekt das Schalten auf die leichteren Gänge unmöglich. "An einer langen Steigung stand ich deshalb kurz vor dem Aufgeben. Ich hatte eine Pulsuhr um und hatte meiner Frau versprochen, nicht über Puls 160 zu fahren. Bei dem Anstieg habe ich die 160 überschritten und war richtig platt."

Ortsschild Mönchengladbach als Motivationsschub

Die Wende zum Guten kam in Ratingen, wo ihm eine Autowerkstatt das Rad kurzerhand reparierte und die Motivation durch jeden gewonnen Kilometer stieg. "In Kaarst habe ich zum ersten Mal ein Verkehrsschild mit Mönchengladbach gesehen, das hat mir einen richtigen Schub gegeben. Und als ich zum ersten Mal das Ortsschild Mönchengladbach gesehen habe, ging alles von alleine", sagt Lutz.

Freitagabend um 19.10 Uhr war es geschafft. Am Fanhaus empfingen die begeisterten Mitglieder seines Fanclubs "Fohlen Mythos Sauerland" ihren "Helden der Landstraße", den sie vorher schon mit etlichen Anrufen auf seinem Handy und Fragen nach dem Tourverlauf gelöchert hatten. Auch Tochter Isabell konnten ihren erschöpften Vater stolz in die Arme schließen. Andere als Krankenschwester verkleidete Mitglieder empfingen Lutz zur Stärkung mit speziellen "Blutkonserven".

"...dem lieben Gott gedankt"

"167 Kilometer sind es am zweiten Tag durch die Umwege geworden, insgesamt also 290. Viereinhalb Kilo habe ich abgenommen. Ich würde es nicht noch mal machen, ich habe meiner Frau auch versprochen, solche Wetten nicht mehr abzuschließen. Aber auf so einer Fahrt hat man auch viel Zeit, über viele Dinge nachzudenken. Das war eine sehr wichtige Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Ich habe Sonntag zu Hause in der Kirche dem lieben Gott gedankt, dass alles so gut gelaufen ist", sagt Lutz.

Während Beine und Hinterteil die (Tor)Tour gut überstanden, waren Handgelenke, Arme und Schultern doch spürbarer in Anspruch genommen. "Ich konnte die Tore gegen Mainz nicht mal beklatschen", erzählt Lutz, der den Rückweg aus Mönchengladbach nach Winterberg im Kleinbus seines Fanclubs antreten durfte, von den 90 Minuten des 2:0-Siegs.

Augenzeuge beim 7:1-Sieg gegen Inter Mailand

Auch wenn eine Fahrrad-Wette in Zukunft ausgeschlossen sein wird: Mit seiner Borussia will Lutz noch viel erleben. Vielleicht auch noch mal Zeiten wie in den siebziger Jahren, in denen Lutz fünf deutsche Meisterschaften und unvergessene Spiele selbst erlebte.

"Ich erinnere mich noch sehr gut an das legendäre 7:1 gegen Inter Mailand im Europapokal der Landesmeister. Das war im Oktober 1971 an einem Mittwochabend und wurde nicht im Fernsehen übertragen. Ich kam nach dem Spiel nach Hause und sagte meinem Vater, dass wir 7:1 gewonnen hätten. Da hat er mir links und rechts eine Ohrfeige gegeben und mir Stubenarrest erteilt, weil er es nicht geglaubt hat. Erst am nächsten Morgen hat er es im Radio gehört, sich entschuldigt und das Stubenarrest aufgehoben."

Stefan Kusche