Es war am 28. Mai 1975. An jenem Tag setzte Trainer Udo Lattek seine Unterschrift unter einen Zweijahresvertrag bei Borussia Mönchengladbach und trat das Erbe von Hennes Weisweiler an. Beide waren erfolgreiche Fußball-Lehrer, aber in der Szene war allgemein bekannt: Die Beiden mochten sich nicht.

"Schüler" Lattek war mit drei Meisterschaften und dem Europacup-Triumph der Landesmeister mit Bayern München genauso erfolgreich wie "Professor" Weisweiler mit drei Titelgewinnen und dem Uefa-Cup-Triumph 1975. Aber der Coup im Landesmeister-Wettbewerb zählte mehr als der Uefa-Pokal-Erfolg.

Eiszeit zwischen Grashoff und Weisweiler

Ergo schoss Weisweiler Giftpfeile gen Lattek. "Den nächsten Titel für Gladbach kann selbst der Lattek nicht verhindern, er kann nur Mannschaften betreuen, die sich von selbst trainieren", sagte Weisweiler und setzte seinen Nachfolger unter Erfolgszwang.

Die schnelle Verpflichtung von Lattek für Weisweiler war auch eine Art Revanche von Borussia-Manager Helmut Grashoff. Denn der Gladbacher Meistermacher hatte seinen Freund Grashoff nicht einmal andeutungsweise in seine Pläne eingeweiht, dass er zum FC Barcelona wechseln werde. Darüber war Grashoff maßlos enttäuscht und wütend: "Das war stillos und mies von Hennes. Wir haben tagelang zusammengesessen, aber er hat mir nichts gesagt."

Spieler waren für Lattek

Die bis dahin heile Welt auf dem Bökelberg hatte Risse bekommen. Als Weisweiler in eine vom Vorstand anberaumte Sitzung wollte, empfing ihn Grashoff vor der Tür mit den knappen Worten: "Du nicht." Worte wie Ohrfeigen. Es herrschte Endzeitstimmung mit Weisweiler bis zum Abschied - trotz der dritten Meisterschaft, trotz des ersten Uefa-Cup-Sieges. Und schließlich nahm Grashoff mit einem geschickten Schachzug auch noch die Spieler in die Pflicht.

"Wollt Ihr Dettmar Cramer oder Udo Lattek?", hatte der clevere Manager gefragt. Aus Einzelgesprächen mit Stars wie Berti Vogts, Rainer Bonhof oder Ulli Stielike wusste Grashoff ohnehin, dass Lattek dank seiner Erfolge bei Bayern mehr Sympathien in der Mannschaft besaß. Das Spieler-Votum für Lattek war die erste Mitbestimmung in der Bundesliga. "Als ich hörte, dass die Spieler für mich gestimmt hatten, da ist es mir ganz warm ums Herz geworden", sagte Lattek.

Lattek verfeinerte Borussen-System

Der hatte bei seinem Amtsantritt den Borussen-Fans versprochen: "Ich bin doch nicht so blöd und werde ein erfolgreiches System verändern. Wir spielen wie bei Hennes." Aber schließlich war er doch etwas mehr auf Sicherheit bedacht. Das imponierte dem damaligen Kapitän Vogts: "Lattek hat unser System etwas verfeinert."

Das Ergebnis: Borussia wurde am 12. Juni 1976 Deutscher Meister mit nur fünf Niederlagen in 34 Bundesliga-Spielen, vier Punkten Vorsprung vor dem Hamburger SV, der besten Auswärtsbilanz (19:15 Punkte) und dem besten Angriff (66 Tore). Deshalb gratulierte Franz Beckenbauer, der mit den Bayern Dritter wurde, neidlos: "Gladbach hatte die ausgeglichenste Mannschaft." Und Tschik Cajkovski, Trainer des 1. FC Köln, schwärmte über den neuen Meister: "Die Borussia spielt Traumfußball. Mit Allan Simonsen, Henning Jensen und Jupp Heynckes hat Gladbach den besten Sturm der Welt ..."