Mainz - Als vor zwei Wochen Hertha BSC Berlin bei Mainz 05 antrat, belagerten die Fotografen die Bank der Gäste. Es war Pal Dardais Trainerdebüt für die Berliner, der 2:1 Sieg der Hertha war der Anfang vom Ende des Mainzer Trainers Kasper Hjulmand. Diesen Samstag standen in Mainz vor dem Anpfiff alle Fotografen vor der Bank der Nullfünfer, diesmal stand dort ein neuer Trainer.

Ein Schweizer namens Martin Schmidt, er hatte unter der Woche den glücklosen Dänen Hjulmand abgelöst. Nach dem Abpfiff konnte sich Schmidt in Siegerpose ablichten lassen, die Mainzer gewannen das Derby gegen Eintracht Frankfurt mit 3:1 (1:1). Die drei Punkte tun den Mainzern im Abstiegskampf richtig gut und Martin Schmidt krächzte nach seinem gelungenen Debüt mit heiserer Stimme erleichtert: "Das war ein schöner Ausgang einer aufregenden Woche."

Ein ungewöhnlicher Bundesliga-Trainer

All das, was sich die Mainzer Verantwortlichen von dem Trainerwechsel kurzfristig erhofft hatten, trat in Erfüllung: Ein Sieg, ein emotionales Erlebnis für die Fans und Aufbruchsstimmung. Und mittendrin der neue Trainer, der mit seiner unkonventionellen Art die Emotionen der Mannschaft geweckt hatte. "Wie ein 12- Feldspieler" (FSV-Manager Christian Heidel) coachte Schmidt an der Seitenlinie während der 90 Minuten. "Wenn du sieht‘s, dass ein Trainer brennt, hilft das auch auf dem Platz", meinte Innenverteidiger Niko Bungert hinterher. Endlich wieder ein Trainer der mitreißt – so wie einst Jürgen Klopp oder Thomas Tuchel, der Schmidt vor fünf Jahren den Mainzern als Nachwuchscoach empfohlen hatte.

Schmidt hatte mit seiner ungewöhnlichen Biographie und seinem Selbstbewusstsein schon unter der Woche für Aufsehen gesorgt. Der 47-Jährige hatte in den letzten fünfeinhalb Jahren die Mainzer Reserve trainiert. Vorher war der Mann aus dem Wallis zehn Jahre Mechaniker in der Tourenwagenmeisterschaft, leitete ein eigenes Tuning-Unternehmen und gründete ein Bekleidungsunternehmen. Außerdem ist er Bergführer und Extremskifahrer, als Fußballer war er nie über die zweite Schweizer Liga hinausgekommen. Nun trainiert er eine Bundesliga-Mannschaft in Deutschland. Bei seinem Debüt waren seine Eltern, sein Bruder und seine fünf Schwestern sowie seine Nichten und Neffen im Stadion, und schwenkten eine rot-weiße Fahne des Wallis, auf der auch ein Wappen von Mainz 05 zu sehen war: Und sie schwenkten vier Kuhglocken, als Martin nach dem Spiel seinen 82 Jahre alten Vater Beat herzte.

Mit Emotion in den Abstiegskampf

Mit dem Wechsel vom stillen Hjulmand zum lauten Schmidt erhoffen sich die Mainzer nicht nur die Rückkehr zum aggressiven Pressingstil, der den Rheinhessen unter Hjulmand zuletzt verloren gegangen war. Mit Schmidt soll die Mannschaft wieder jenen Fußball spielen, der die Zuschauer mitreißt im Abstiegskampf. Und so spielten die Mainzer auch gegen die Eintracht, sie setzten die Frankfurter früh in deren eigenen Hälfte unter Druck und versuchten, mit überfallartigen Angriffen Druck zu erzeugen. In Führung aber ging die Eintracht nach einem tollen Konter über fünf Stationen, Stefan Aigner drosch den Ball schließlich dem Mainzer Torwart Loris Karius am rechten Ohr vorbei aus fünf Metern ins Netz (35.). Doch die bissigen Mainzer schafften nur drei Minuten später den Ausgleich, Christian Clemens staubte nach Vorarbeit von Yunus Malli und Shinji Okazaki ab.

Entschieden wurde die Partie durch zwei Tore innerhalb von drei Minuten nach dem Wiederanpfiff. Johannes Geis schlenzte den Ball per Freistoß von außen über die Mauer ins kurze Eck (47.), Eintracht-Torwart Kevin Trapp sah nicht gut aus. Und nur drei Minuten später narrte der agile Pablo De Blasis Eintracht-Verteidiger Timothy Chandler, passte auf Yunus Malli und der kleine Spielmacher zirkelte die Kugel aus zehn Metern unhaltbar in den Winkel. Freistoss-Spezialist Johannes Geis erklärte: "Sonst", so Geis, "sind wir nach einem Rückstand komplett aus der Spur gekommen. Diesmal haben wir uns gar keinen Kopf gemacht deswegen."

Was der Trainer damit zu tun hat? 260 Sprints hat die Mannschaft gegen Frankfurt insgesamt angezogen, so viele wie noch nie zuvor in dieser Saison. Nun wird Martin Schmidt zeigen müssen, dass er mehr ist als ein kurzfristiger Motivator, er sagt: "Ich bin kein Wunderheiler, ich habe eine intakte Mannschaft übernommen und lediglich an den emotionalen Stellschrauben gedreht."

In Mainz sind sie zuversichtlich, dass dem Mann aus dem Wallis es nach dem erfolgreichen Auftakt gelingt, der Mannschaft wieder jenen unverwechselbaren Stil einzuverleiben, der sie unter Klopp und Tuchel jahrelang ausgezeichnet hat.

Aus Mainz berichtet Tobias Schächter