Köln - Fünf Aufstiege gelangen ihm als Trainer der 2. Bundesliga, 195 Mal stand er im dort an der Seitenlinie - zuletzt als Coach vom TSV 1860 München. Friedhelm Funkel spricht ihm Interview mit bundesliga.de über die Spannung in der 2. Bundesliga, über die überraschend starken Aufsteiger und über die Krise der Traditionsclubs.

bundesliga.de: Friedhelm Funkel, teilen Sie auch den Eindruck, dass wir in dieser Saison eine besonders spannende 2. Bundesliga erleben?

Friedhelm Funkel: Absolut! Es gibt in diesem Jahr nicht die eine Übermannschaft, die als Favorit durch die 2. Liga marschiert wie in den Vorjahren schon mal Köln, Hertha BSC oder Augsburg. Es ist auch nicht abzusehen, dass ein oder zwei Vereine die ersten beiden Plätze unter sich ausmachen. Das tut der 2. Bundesliga gut und ist für die Spannung optimal – was im übrigen nicht nur für den Aufstiegskampf, sondern auch für den Abstiegskampf gilt.

bundesliga.de: Haben Sie persönlich trotzdem schon einen Aufstiegsfavoriten ausgemacht?

Funkel: Es ist wirklich alles eng beieinander, da zeichnet sich für mich noch kein Favorit ab. Ingolstadt hat zwar derzeit sechs Punkte Vorsprung auf Platz 4, aber die Mannschaft musste auch noch keine Schwächephase durchmachen. Ich bin noch nicht überzeugt, dass sie das bis zum Saisonende durchhalten. Ich bin gespannt, wer sich am Ende durchsetzen kann.

"Bei allen drei Aufsteigern steckt eine Menge Substanz dahinter"

bundesliga.de: Die drei Aufsteiger spielen bislang eine fulminante Runde und sind im Aufstiegsrennen mit dabei. Sind Sie überrascht?

Funkel: Dass RB Leipzig oben mitmischt, damit habe ich gerechnet. Sie hatten eine sehr gute Mannschaft, haben dazu im Sommer den einen oder anderen Transfer getätigt und werden bestimmt im Winter auch noch einmal das eine oder andere versuchen, sich personell weiter zu verstärken. Dass Darmstadt und Heidenheim so gut mithalten, ist für mich eine echte Überraschung. Hut ab! Dass alle drei Aufsteiger nach den ersten 13 Spieltagen unter den besten fünf Mannschaften der Tabelle sind, das hat es so wohl noch nicht gegeben.

bundesliga.de: Von einer Anfangseuphorie, die die Aufsteiger durch die 2. Bundesliga trägt, kann man kaum noch sprechen. Wie viel Substanz sehen Sie bei diesen Teams?

Funkel: Es steckt auf jeden Fall bei allen drei Aufsteigern eine Menge Substanz dahinter. Ob dieser Erfolg gerade bei Darmstadt und Heidenheim über 34 Spieltage anhält und sie einen so langen Atem beweisen, muss man abwarten. Aber sie halten wahnsinnig gut mit.

bundesliga.de: Auf Seiten der Traditionsclubs hat sich Fortuna Düsseldorf  an der Spitze zurück gemeldet. Hätten Sie vor der Saison darauf gesetzt?

Funkel: Bei Fortuna Düsseldorf hatte ich schon erwartet, dass sie oben mitspielen. Sie haben eine gute, erfahrene Mannschaft. Und ein Umfeld an Verantwortlichen um Sportchef Helmut Schulte, die in der kurzen Phase, in der es nicht optimal lief, Trainer Oliver Reck uneingeschränkt den Rücken gestärkt haben. Das tut natürlich gut. Es kommt in der Mannschaft an, es kommt bei den Fans an. So konnte man die kleinen Schwächephase auch mit dem Aus im DFB-Pokal gut wegstecken und ist jetzt wieder auf dem Erfolgsweg.

"Bei 1860 und Nürnberg gab es viel Unruhe"

bundesliga.de: Andere Traditionsclubs haben es deutlich schwerer, wenn man an den 1. FC Nürnberg oder den TSV 1860 München denkt.

Funkel: Dort war es genau anders herum – in beiden Vereinen war von Beginn an sehr viel Trubel und Unruhe. Bei den Löwen sind die Erwartungen traditionell eher hoch, was durch einige Aussagen vor der Saison noch angeheizt wurde. Aber solchen Worten kann man kaum Taten folgen lassen mit den Möglichkeiten, die 1860 vor dieser Saison gehabt hat. Ein Umbau der Mannschaft braucht Zeit, da sollte man sich selbst nicht unter Druck setzen. In Nürnberg hat man nach dem Abstieg mehr erwartet und die derzeitige Platzierung ist sicher auch enttäuschend. Aber auch dort ist eigentlich nie Ruhe eingekehrt und das macht es der Mannschaft sehr schwer, kontinuierlich gute Leistungen abzurufen. Mal abwarten, was der neue Trainer René Weiler in einem sicher nicht leichten Umfeld bewirken kann.

bundesliga.de: Eine Ihrer letzten Trainerstationen war 2010/11 der VfL Bochum – ein Verein, der sehr gut in die Saison gestartet ist und jetzt Schwierigkeiten hat, die geweckten Erwartungen zu erfüllen. Wie schätzen Sie dort die Situation ein?

Funkel: Wenn die Erwartungen aufgrund erster Ergebnisse über das Realistische hinausgehen, fehlt es manch einem am nötigen Verständnis, wenn man wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkehrt. Aber eine solche Phase der Unzufriedenheit muss man zusammen durchstehen. Das einzige Problem im Moment ist die Heimschwäche. Auswärts haben sie überragend gespielt, aber zuhause hakt es. Das muss man ändern. Bochum hatte jetzt eine kleine Schwächeperiode, aber sie werden am Saisonende deutlich besser dastehen als im letzten Jahr. Und das war das erklärte Ziel. Daran sollte man den VfL und die Arbeit dort messen. Und dann kann man im nächsten Jahr wirklich ganz oben angreifen, wie es Peter Neururer ja auch schon einige Male öffentlich erklärt hat.

bundesliga.de: Beim VfL Bochum hat Simon Terodde für Schlagzeilen gesorgt, der mit neun Treffern die Torjägerliste anführt. Gibt es andere Spieler, die Ihnen positiv aufgefallen sind oder Sie überrascht haben?

Funkel: Mich hat vor allem Yussuf Poulsen von RB Leipzig überzeugt. Er wird seinen Weg gehen, auch in der Bundesliga. Vielleicht sogar noch ein Stück weiter. Überrascht hat mich Marc Schnatterer, der für Heidenheim auch in der 2. Bundesliga sehr dominant und torgefährlich auftritt. Das war er auch schon in der 3. Liga. Aber dass er dies so gut auch eine Klasse höher umsetzen kann, ist für mich eine Überraschung. Ebenfalls positiv ist mir Dominik Stroh-Engel aufgefallen, der ebenfalls jetzt auch in der 2. Bundesliga seine extreme Torgefahr beweist und schon acht Treffer erzielt hat. Er ist maßgeblich daran beteiligt, dass Darmstadt in der Tabelle so gut dasteht.

"Noch keine taktischen Neuerungen zu erkennen"

bundesliga.de: Sie beobachten die 2. Bundesliga sehr genau. Sind Ihnen neue Entwicklungen oder Tendenzen in Sachen Spielsystem oder Taktik aufgefallen?

Funkel: Ich habe in der Tat eine Reihe an Spielen live verfolgt, aber da ist zurzeit noch nichts gravierend Neues zu erkennen. Eine Dreierkette etwa, wie sie der FC Bayern oder jetzt auch die Nationalelf mal praktiziert hat, findet sich in der 2. Bundesliga noch nicht.

bundesliga.de: Bleibt die Frage, wann wir Friedhelm Funkel wieder auf der Trainerbank erleben. Juckt es schon wieder in Händen und Füßen?

Funkel: Na klar, das ist doch logisch. Wenn man zwar ein gewisses Alter erreicht hat, aber noch über eine deutlich bessere Fitness verfügt und vor allem gesund ist, dann möchte man auch wieder eingreifen. Aber man kann es eben nicht selbst beeinflussen und muss geduldig bleiben. Ich sehe das ganz gelassen. Ich werde auch weiterhin auf den Plätzen der 1., 2. und 3. Liga unterwegs sein – so, wie ich es immer gemacht habe, wenn ich keinen Job hatte.

bundesliga.de: Dieses Spektrum wäre dann auch für Sie als Trainer interessant? Reizt vielleicht auch noch das Ausland?

Funkel: Auch in der 3. Liga kann es interessante Projekte geben, das kann man nicht ausschließen. Auch Ralf Rangnick hat dort mal einen Verein übernommen. Wenn es passt und das Feeling stimmt, kann ich mir in den obersten drei Ligen Deutschlands alles vorstellen. Im Ausland bin ich noch nie gewesen – da müsste es dann wirklich zu 100 Prozent passen.

Das Gespräch führte Dietmar Nolte