Karlsruhe - Die Lage spitzt sich zu im Tabellenkeller der 2. Bundesliga zwei Spieltage vor Saisonende. Es kommt zum Showdown zwischen drei Mannschaften: Rot-Weiß Oberhausen, der VfL Osnabrück und der Karlsruher SC machen die Plätze 15, 16 und 17 unter sich aus. Vom Klassenerhalt bis zum direkten Abstieg ist also noch alles im Lostopf mit dabei.

Die besten Voraussetzungen dieses Trios vor den ausstehenden zwei Spieltagen hat der Karlsruher SC. Die Truppe von Trainer Rainer Scharinger liegt zwei Zähler vor dem VfL Osnabrück auf Rang 15. Vor dem Saisonfinale erzählt der Trainer der Badener von Stärken und Schwächen seiner Mannschaft, fehlenden Hierarchien und der Angst um seinen Lieblingsverein.

bundesliga.de: Herr Scharinger, als Sie beim KSC als Trainer angefangen haben, prognostizierten Sie, dass der Kampf um den Klassenerhalt bis zum letzten Spieltag dauert. Viele haben Ihnen das damals als Panikmache ausgelegt.

Rainer Scharinger: Das war einfach nur realistisch. Nach den ersten zwei Tagen, an denen ich die Mannschaft beobachtet habe, habe ich mich davon verabschiedet, was ich vorher immer gehört habe: Dass die Mannschaft ein Riesenpotenzial hat und nur unter einem Kopfproblem leidet. Ich habe gesehen, dass es ganz andere Probleme gibt und wollte allen die Augen öffnen.

bundesliga.de: Sie haben den KSC am 25. Spieltag übernommen - zehn Spiele vor dem möglicherweise fatalen Ende.

Scharinger: Ja, und das ist eine schwierige Situation, weil viele Dinge hier erst langfristig zu verändern sein werden.

bundesliga.de: Was meinen Sie?

Scharinger: In der Mannschaft gibt es einige Defizite, beispielsweise fehlende Hierarchien. Ich will mich da aber gar nicht lange darüber auslassen, das würde dann wieder fälschlicherweise als Kritik an meinen Vorgängern ausgelegt. Nur so viel: Die Tabelle lügt nach 31 Spielen nicht.

bundesliga.de: Gibt es Dinge, die Sie trotzdem optimistisch stimmen?

Scharinger: Im Grunde vieles, bis auf die Ergebnisse. Ich habe mir die letzten Spiele noch mal im Video angeschaut: Die Mannschaft marschiert, sie ist jetzt auch athletisch auf der Höhe, die Mannschaftsteile greifen taktisch ineinander. Und: Ganz sicher liegt es nicht am Willen.

bundesliga.de: Dass der KSC anders auftritt als in der Hinrunde, lobten ja auch die jeweils gegnerischen Trainer. Warum stehen unterm Strich dennoch so wenige Punkte?

Scharinger: Da müsste ich länger ausholen. Manche Spieler sind noch nicht so weit, weil sie lange verletzt waren. Anderen fehlt die Erfahrung, wieder andere können mit dem Druck nicht umgehen.

bundesliga.de: Letzteres sollte man aber von Profis erwarten dürfen, oder?

Scharinger: Natürlich, aber das ist sehr theoretisch gedacht. Wenn ich zu einem Spieler im Training sage: "Hier ist der Ball, dort der Elfmeterpunkt", macht er ihn rein. Wenn ich nachschiebe: "Sonst zahlst du 1000 Euro Strafe", habe ich bei ihm eine andere Situation.

bundesliga.de: Stichwort Druck: Ist der für einen selbst nicht noch höher, wenn man an vermeidbaren Fehlern scheitert und nicht daran, dass man dem Gegner schlicht unterlegen ist?

Scharinger: Mit Sicherheit, nach so einem Erlebnis wie jetzt gegen Düsseldorf musst du auch als Trainer erstmal alles sacken lassen. Aber ich kann die Mannschaft nicht verprügeln, weil sie fast alles richtig gemacht hat und teilweise über ihre Grenzen gegangen ist.

bundesliga.de: Sie haben bereits häufig die Chancenverwertung moniert. Aber kann man einem 20-Jährigen wie Macauley Chrisantus wirklich vorwerfen, dass ihm die Routine fehlt?

Scharinger: Um Gottes Willen, natürlich nicht.

bundesliga.de: Sie müssen ihn aber immer wieder bringen, oft als einzige Spitze, weil die Alternativen fehlen. Der Kader ist zwar offenbar enorm groß, aber schlecht zusammengestellt.

Scharinger: Wir haben in Aue mit Chrisantus, Zoller, Nguyen, Zimmermann, Terrazino, Stadler und Gross sieben 19-20-Jährige auf dem Platz gehabt, das ist wahr. Den Rest möchte ich nicht kommentieren, das würde uns jetzt nicht weiterhelfen. Intern werden wir sicher einige Dinge nach der Saison klar ansprechen müssen.

bundesliga.de: Im Umfeld sind viele soweit, dass sie einen Abstieg fast schon als Chance sähen. Als Chance für einen radikalen Neuanfang.

Scharinger: Man darf nur nicht den Fehler machen und die 3. Liga unterschätzen. Du fährst nicht mal einfach nach Rostock oder Offenbach und gewinnst dort. Mit einer jungen Mannschaft schon gar nicht. Man müsste dann einen Neuanfang planen und dafür zwei, drei Jahre veranschlagen.

bundesliga.de: Das setzt Geduld voraus.

Scharinger: Bisher spüre ich die volle Rückendeckung des Publikums. Die Leute gehen legitimerweise auch ins Stadion, um dort Emotionen rauszulassen.

bundesliga.de: Ihr Verständnis ehrt Sie. Aber es kann Ihnen nicht egal sein, wenn Spieler nach dem ersten Fehlpass ausgepfiffen werden.

Scharinger: Ich habe das, seitdem ich hier bin, aber noch nie erlebt. Unsere Zuschauer und unsere Fankurve haben ein gutes Gespür dafür, was auf dem Platz geschieht. Und gegen Augsburg ist das Team mit Applaus verabschiedet worden. Die Leute erkennen also, dass die Mannschaft alles gibt. Ohne das Publikum wäre alles noch schlimmer.

bundesliga.de: Sie sind gebürtiger Karlsruher, waren in der gleichen Mannschaft wie Oliver Kahn oder Mehmet Scholl. Ist die derzeitige Lage belastender, wenn man seinen Lieblingsclub trainiert?

Scharinger: Das ist wohl so. Es gibt ja kaum noch freie Tage für die Spieler, den Mehreinsatz kann ich aber nur einfordern, wenn ich ihn selbst vorlebe, von morgens bis abends.

Das Gespräch führte Christoph Ruf