Darmstadt - Aufsteiger SV Darmstadt 98 sorgte in der Vorrunde der 2. Bundesliga für Furore und überwintert sensationell auf dem 3. Tabellenplatz.

Der Erfolg der Mannschaft mit dem kleinen Etat und den widrigen Trainingsbedingungen rund ums traditionsreiche "Stadion am Böllenfalltor" freut nicht nur die Fußballromantiker im Land. Trainer Dirk Schuster, 47, einst Nationalspieler für die DDR und das wiedervereinigte Deutschland, erklärt im Interview mit bundesliga.de, warum das Siegen für seine Mannschaft künftig schwerer werden wird, ein Trainer pragmatisch sein muss und wie er es schaffen will, am Ende der Saison richtig feiern zu dürfen.

 

Frage: Herr Schuster, Ihre Mannschaft spielte eine überragende Vorrunde, kam Ihnen die Pause eigentlich gelegen?

Dirk Schuster: Die Pause war gut für uns. Die kleinen Wehwehchen, die manche Spieler hatten, konnten behandelt werden. Außer Tobias Kempe sind nun alle im Trainingsbetrieb und gut durch die Vorbereitung gekommen. Man hat natürlich gesehen, dass wir am Ende der Vorrunde ein bisschen auf dem Zahnfleisch gegangen sind, das ist aber ganz normal. Wir haben ja größtenteils immer mit den selben Spielern gespielt, da war der Verschleiß schon hoch. Es war wichtig, neue Energie zu tanken und sich gut vorzubereiten.

"Viele Mannschaften haben sich an uns weh getan"

Frage: Der Überraschungseffekt nach dem Aufstieg ist jetzt weg. Müssen Mannschaft und Trainer nun darüber nachdenken, ihre Spielweise zu verändern?

Schuster: Nein, überhaupt nicht. Wir müssen das spielen, was wir können und was uns ausgezeichnet hat. Es wäre fatal darüber nachzudenken, dass wir auf einmal Zauber-Fußball spielen wollen, dafür haben wir die Spieler nicht. Bei uns muss jeder das machen, wofür er für uns am wertvollsten ist. Ich glaube, da haben wir bei der Kaderzusammenstellung eine gute Auswahl getroffen, die Mannschaft harmoniert sehr gut. Wir sind bisher schwer auszurechnen gewesen, viele Mannschaften haben sich weh an uns getan und Probleme gehabt, Torchancen herauszuspielen. Dafür erfuhren wir von Trainerkollegen und der Presse Wertschätzung - und genau das wollen wir auch so beibehalten.

Frage: Wie gelingt es, die Euphorie nach dem Aufstieg und die Spannung weiter so hoch zu halten, dass in der Rückrunde noch einmal so eine Energieleistung möglich ist wie in der Vorrunde?

Schuster: Ich denke, jeder Sportler ist sich selber, dem Verein und den Zuschauern schuldig, immer hundert Prozent zu geben. Wir haben aber auch verinnerlicht, dass wir Spiele verlieren können. Aber nach Niederlagen muss man mit sich im Reinen sein. Diesen Anspruch sollte jeder an sich haben. Ich glaube auch, die Mannschaft hat sich nach der Winterpause wieder so vorbereitet, dass diese Spannung wieder da ist. Der Konkurrenzkampf hat sich verschärft, wir haben mittlerweile 16, 17, 18 Spieler, von denen jeder in der 2. Bundesliga spielen kann und möchte. Wir haben auch dadurch eine große Trainingsintensität und Qualität, die Spieler sind fit und können 90 Minuten Gas geben.

Frage: Sie sagen: "Wir müssen noch ein bisschen draufpacken." Wie meinen Sie das?

Schuster: Wir sind zu Beginn der Runde unterschätzt worden und wurden als Absteiger Nummer 1 gehandelt. Aber da hat man uns und unsere Spielidee noch nicht gekannt. Es ist doch auch eine Wertschätzung, wenn zum Beispiel eine Mannschaft wie die SpVgg Greuther Fürth gegen uns kaum etwas zeigt, was sie sich eigentlich auf die Fahne schreibt: Statt Kurzpassspiel gingen sie viel auf die zweiten Bälle. Aber das zeigt auch: Mittlerweile haben sich die Gegner auf uns eingestellt. Wir gehen als Tabellendritter in die Winterpause und werden nun als Konkurrent wahrgenommen. Es wird künftig schwerer, so intensiv zu punkten. Deswegen müssen wir noch akribischer arbeiten, noch intensiver trainieren. Das hat die Mannschaft in der Vorbereitung bisher gemacht: Niemand kam mit einem Gramm zu viel aus der Pause und auch die Laufeinheiten haben die Jungs nicht vernachlässigt.

"Wir werden nicht ausweichen"

Frage: Die Spieler schauen ja auch auf die Tabelle, Jerome Gondorf zum Beispiel hat gesagt: "Wir haben Hunger auf mehr." Gegen diese Mentalität haben sie bei allem Understatement nichts einzuwenden, oder?

Schuster: Spieler können gerne auf die Tabelle schauen, das ist eine schöne Momentaufnahme. Und dass sie Bock auf mehr haben, ist ja nur eine Aussage, die beweist,  dass sie Bock auf mehr Punkte, mehr Erfahrung und mehr Einsatzzeiten haben. Was am Ende rauskommt, werden wir sehen. Wir sind auf alle Fälle gewillt, so viele Punkte zu holen wie möglich. Und wir werden eines sicher nicht tun: Wir werden nicht ausweichen, was immer auch auf uns zukommt.

Frage: Beim Karlsruher SC, der ebenfalls überraschend auf dem 2. Tabellenplatz steht, sagen die Verantwortlichen: "Wir wollen uns weiter oben festkrallen." Gilt das auch für Darmstadt 98?

Schuster: Für uns geht es zuerst darum, dass Primärziel 40 Punkte zu erreichen. Wenn wir das erreicht haben, haben wir Planungssicherheit und können sicher sein, auch nächstes Jahr 2. Bundesliga spielen zu dürfen. Wir dürfen nie vergessen, wo wir herkommen und unter welchen Bedingungen wir arbeiten. Unser Ziel ist nicht, uns oben festzukrallen. Klar ist aber auch: Wir wollen möglichst viel punkten und Spiele gewinnen.

Frage: Es gibt Menschen, die sagen, man erkennt an der Spielweise einer Mannschaft die Mentalität des Trainers. Spielt ihre Mannschaft so Fußball, wie Sie sich Fußball vorstellen?

Schuster: Ja, auf der einen Seite sicher. Dazu gehören viel Einsatzfreude, viel Laufbereitschaft und großer Wille. Das sind Attribute, die wir immer abrufen wollen. Wenn man Bayern München trainiert, kann man alle Varianten des Fußballsports rausholen. Das können wir nicht. Wir können nur das spielen, was unsere Spieler können. Wir haben im Sommer nur Spieler geholt, die abgestiegen, bei ihren alten Vereinen ausgemustert oder gar arbeitslos waren. Unser Ziel war dann, eine konkurrenzfähige Mannschaft zu formen. Ich denke, wir sind auf einem guten Weg, dieses Ziel auch zu erreichen. Wie ich mir vielleicht noch schöneren Fußball vorstelle, ist da erstmal sekundär.

"Ich erwarte sehr viele enge Spiele"

Frage: Also muss ein Trainer immer pragmatisch handeln und sich mit den vorhandenen Bedingungen arrangieren?

Schuster: Als Trainer muss man flexibel sein. Es kann ja auch sein, dass Verletzungspech dazukommt. Man muss auch mal das System umstellen, eher auf zweite Bälle spielen, statt sich nach vorne zu kombinieren, wenn zum Beispiel ein technisch guter Spieler in der Mittelfeldzentrale ausfällt. Man muss mit verschiedenen Situationen umgehen und richtige Schlüsse ziehen.

Frage: Wer sind für den Trainer Dirk Schuster Vorbilder? Wer hat Sie am meisten geprägt?

Schuster: Ich habe von vielen Trainern etwas gelernt. Als Spieler denkt man so noch nicht. Ich habe aber im Nachhinein reflektiert: Was war gut an den Trainern, die ich hatte. Und da konnte ich von vielen lernen. Winnie Schäfer zum Beispiel konnte die Mannschaft durch seine Ansprachen immer neu motivieren und legte bei Zugängen immer Wert auf Qualität. Peter Neururer war im Gegensatz dazu locker und hat die Spieler an der langen Leine gelassen, wenn die es mit Leistung zurückgezahlt haben. Auf der anderen Seite hat er auch die Peitsche rausgeholt, wenn es nicht so lief. Er war bei den Spielern immer anerkannt. Uwe Rapolder war fachlich absolut klasse, was er auf dem Trainingsplatz vermittelt hat, war stark. Hans Krankl war das krasse Gegenteil von Rapolder, er hat immer lockere Sprüche gemacht, aber trotzdem viel Ahnung von Fußball gehabt. Und so habe ich mir von vielen was abschauen können. Aber am Ende muss natürlich jeder Trainer seinen eigenen Weg finden.

Frage: Die 2. Bundesliga ist sehr spannend: Wie beurteilen Sie die Situation vor Rückrundenbeginn?

Schuster: Es gibt schon jetzt viele Mannschaften, die viel Druck verspüren. Im unteren Tabellendrittel zum Beispiel 1860 München oder St. Pauli, die andere Ziele hatten vor der Runde. Der Druck, Spiele gewinnen zu müssen, kann auch kontraproduktiv wirken. Wir haben das in Darmstadt vor zwei Jahren ja auch erlebt. Im vorderen Tabellendrittel haben Vereine wie Kaiserslautern Leipzig, Düsseldorf oder Braunschweig den Druck, gefühlte Erstligisten zu sein. Ich gehe mal davon aus, dass Ingolstadt schon viel erreicht hat. Der KSC spürt den Druck vielleicht nicht so stark, aber die wollen ihre Position natürlich auch nicht herschenken. Ich erwarte in der Rückrunde sehr viele enge Spiele, in denen bis an die Grenzen gekämpft und gespielt wird. Die Liga ist sehr ausgeglichen, jede Mannschaft kann Spiele gegen jeden Gegner gewinnen.

Frage: Ohne den großen Druck scheint Darmstadt 98 dann ja gute Aussichten zu haben.

Schuster: Wer aber nur zwei, drei Prozent in den Spielen weniger gibt, verliert diese Spiele auch. Dessen muss man sich bewusst sein. Ich hoffe natürlich, dass es für uns so positiv weitergeht wie bisher - und wir am Ende eine richtig gute Saison zu feiern haben.

Interview: Tobias Schächter