München - Es ist ein sensationeller Start: Der FC Erzgebirge Aue steht mit 16 Punkte auf Rang 3 der Tabelle. Vier Mal gewannen die "Veilchen" mit 1:0 - zuletzt gab es aber einen torreicheren Sieg.

Im Interview mit bundesliga.de blickt Innenverteidiger Thomas Paulus auf das 3:2 gegen Augsburg zurück, verrät das Erfolgsgeheimnis im ersten Saisonfünftel - und spricht über den Ost-Fußball 20 Jahre nach der Wiedervereinigung.

bundesliga.de: Herr Paulus, Aue hat bereits vier Mal mit 1:0 gewonnen, am Wochenende aber mit 3:2. Woher kommt plötzlich diese Torflut?

Thomas Paulus: Wir spielen anscheinend immer so, dass es reicht, und schießen ein Tor mehr als der Gegner. Wir haben das Ding verdient gewonnen, weil Augsburg zu wenig gemacht hat und wir diesmal sehr guten Fußball gespielt haben.

bundesliga.de: Sie stellen - trotz der zwei Gegentore gegen Augsburg - eine der besten Defensiven im deutschen Profifußball. Wie lautet Ihr Erfolgsgeheimnis?

Paulus: Ich denke, dass wir als Mannschaft insgesamt gut funktionieren und gemeinsam gut verteidigen, dass jeder jedem hilft. Wenn der Block eng steht, dann wird es ganz schwer für den Gegner.

bundesliga.de: Manche Gegner - wie etwa der VfL Bochum - wirkten schon stark frustriert.

Paulus: Bochum zum Beispiel ist eine starke Mannschaft, das hat man auch gesehen. Aber irgendwann nimmst Du denen den Spaß. Wenn Du aggressiv bist, bissig bist, dann geht denen irgendwann die Lust flöten.

bundesliga.de: Hatten Sie nicht erwartet, dass es in der 2. Bundesliga etwas schwerer werden würde?

Paulus: Sicherlich. Vielleicht ist es deswegen auch eine Kopfsache gewesen, dass wir wussten: Wir müssen einfach noch eine Schippe drauf legen, um da bestehen zu können. Vielleicht ist das das Erfolgsrezept.

bundesliga.de: Sie haben in der vergangenen Saison auswärts nur 20 Punkte geholt, zuhause dagegen 48. Nun sind Sie zwar immer noch heimstark, haben aber auch auswärts zwei von vier Spielen gewonnen, in dreien blieben Sie ohne Gegentor. Warum sind Sie auf einmal so erfolgreich in der Fremde?

Paulus: Gute Frage. Letztes Jahr war das wirklich eine Katastrophe auswärts, normalerweise dürftest Du mit so einer Bilanz gar nicht oben mitspielen. Momentan haben wir einen Lauf, stehen kompakt. Es ist ganz, ganz schwer durchzukommen, wir setzen immer wieder Nadelstiche nach vorne. Die Kompaktheit insgesamt macht's wohl aus.

bundesliga.de: Wie genau fühlt sich dieser berühmte Lauf an, von dem man immer wieder hört?

Paulus: Du gehst raus und weißt, es kann Dir eh nicht viel passieren. Du weißt, es hat die letzten Male geklappt und Du weißt ja auch, dass der Gegner mittlerweile Respekt hat. Vor vier Wochen hatte jeder Aue als Abstiegskandidaten Nummer eins auf dem Zettel. Da wir die Konkurrenz jetzt so geschockt haben, ist der Respekt da.

bundesliga.de: Sie selbst haben bereits drei Saisontore erzielt, davon zwei per Elfmeter. Beschreiben Sie doch mal das Gefühl, wenn Sie - wie in Bielefeld - hinten den Laden dicht halten und dann vorne in der 87. Minute auch noch das Siegtor schießen!

Paulus: Wenn Du hinten zu null spielst, ist das als Abwehrspieler immer super, und wenn Du vorne noch ein entscheidendes Tor machen kannst, was ja als Abwehrspieler nicht so oft vorkommt, dann ist es natürlich ein perfektes Gefühl. Ich habe noch nie drei Tore in einer Profisaison gemacht, bis jetzt waren es immer höchstens zwei. Aber mein Job ist eigentlich, hinten dicht zu halten, und wenn wir zu null spielen, ist das für mich auch ein großer Erfolg.

bundesliga.de: Was braucht eine Mannschaft, um so viele Spiele knapp, aber keinesfalls unverdient zu gewinnen? Konzentration, Wille, bloßes Glück?

Paulus: Konzentration und ein starker Wille sind ja eine Grundvoraussetzung - und Glück hat der Tüchtige, sagt man so schön. Und da ist auch was dran. Wir haben in der Vorbereitung brutal hart gearbeitet. Das war wirklich die härteste Vorbereitung, die viele Spieler jemals gemacht haben.

bundesliga.de: Sechs von neun Toren erzielte Aue in der zweiten Halbzeit.

Paulus: Wir wussten, dass wir nicht die spielerisch beste Mannschaft sind in der Liga. Wir müssen einfach über die Fitness kommen. Das wussten unsere Trainer, sie haben die Grundlagen geschaffen - und das zahlt sich jetzt auch aus. Wir sind eine brutal fitte Mannschaft, und dadurch kannst Du auch kurz vor Schluss noch ein Tor machen oder kriegst eben keines.

bundesliga.de: Clubs wie Aue oder auch Cottbus werden häufig mit Leidenschaft und Kampf verbunden. Dass diese Mannschaften auch richtig gut kicken können, wird dabei häufig übersehen. Ärgert Sie das?

Paulus: Man liest's ja in der Presse, dass die Gegner nach jedem Spiel gesagt haben: "Unfassbar, dass Aue gegen uns gewonnen hat, spielerisch eine Katastrophe". Aber nur mit Kampf kannst Du nicht 16 Punkte nach sieben Spielen haben. Das muss man auch mal anerkennen.

bundesliga.de: Wenn man sich die Tabelle anschaut, dann sind derzeit gleich drei Teams aus dem Osten in der Spitzengruppe der Tabelle - falls man Hertha dazu zählt. Wie wichtig wäre es für die Region, wenn wenigstens ein Verein aufsteigen würde?

Paulus: Hertha ist eigentlich mehr Westen, aber ich glaube, dass sie in die Bundesliga gehören. Die sind Top-Favorit. Für den Ostfußball - ohne Bundesligist, Rostock ist jetzt sogar runter gegangen in die Dritte - würde man sich schon wünschen, dass es wieder aufwärts geht. Aber für Aue ist die 2. Bundesliga das Nonplusultra. Wir haben rund 17.000 Einwohner und spielen 2. Bundesliga - das gibt es sonst nicht im deutschen Fußball. Darauf, dass man mit so wenigen Mitteln so viel erreicht hat, kann Aue stolz sein.

bundesliga.de: Was fehlt in den neuen Bundesländern 20 Jahre nach der Wiedervereinigung, um wieder mehr Vereine in der Bundesliga zu haben?

Paulus: Grundsätzlich hat Bundesliga ja auch mit finanziellen Mitteln zu tun. Ich kann da nur von Aue sprechen. Wir spielen in der 2. Bundesliga und von mehr brauchen wir erstmal nicht zu träumen. Der Aufstieg nach zwei Jahren 3. Liga war überlebenswichtig. Die 2. Bundesliga sollten wir Aue daher möglichst lange erhalten. Alles andere wäre utopisch.

Das Gespräch führte Peter Seiffert