Die vergangene Saison war auch eine Eingewöhnungsphase für Freiburgs Trainer Robin Dutt. Und trotzdem hatte es ja beinahe mit dem Aufstieg geklappt. Für die aktuelle Saison geht man an der Dreisam nun in die Offensive - im wahrsten Sinne des Wortes.

In einer intensiven teaminternen Diskussion wurde Anfang Juli das Saisonziel "Aufstieg!" geboren. Man scheue sich nicht vor diesem Ziel, erklärt SCF-Kapitän Heiko Butscher im Interview mit bundesliga.de. Für diese offensiven Ambitionen habe man zuletzt auch akribisch an der offensiven Spielweise gefeilt. Butscher ist optimistisch, dass der Sport-Club den Sprung ins "Oberhaus" packt.


bundesliga.de: Hallo Heiko Butscher, schöne Grüße ins Trainingslager. Hat sich das Wetter in Schruns endlich gebessert?

Heiko Butscher: Ach, heute regnet es schon wieder den ganzen Tag. Gestern war es gut, am Vortag war es auch in Ordnung. Aber als wir angekommen sind, da war das Wetter beschissen und das ist noch milde ausgedrückt.

bundesliga.de: Aber im Zimmer verkriechen ist nicht. Wo habt Ihr bislang die Trainingsschwerpunkte gesetzt?

Butscher: Jetzt gehen wir eigentlich fast nur noch auf die Taktik ein, die Grundlagenausdauer haben wir schon hinter uns gelassen. Das Hauptaugenmerk liegt jetzt auf dem Offensivspiel, weil das ja so ein bisschen unser Problem war. Aber da arbeiten wir jetzt schon die ganz Woche dran.

bundesliga.de: Dass Ihr an der Chancenverwertung arbeitet, werden die Fans sicherlich gerne hören.

Butscher: (lacht) Ja, da hatten wir auf jeden Fall noch ein bisschen Nachholbedarf.

bundesliga.de: Und Taktiktraining ist auf alle Fälle besser als Konditionsbolzen.

Butscher: Gott sei Dank! Das war schon heftig, da wir ja auch für den Urlaub ein Programm für drei Wochen bekommen haben. Die ersten zwei Wochen in Freiburg waren dann auch kein Zuckerschlecken, da gab es gleich bis zu drei Mal Training am Tag. Da waren dann schon einige Laufkilometer rund um die Dreisam dabei.

bundesliga.de: Seit einer Woche seid Ihr jetzt in Österreich. Wie ist das im Trainingslager? - Habt Ihr auch einen amtlichen Spaßvogel, der die Stimmung auflockert?

Butscher: Einen amtlichen Spaßvogel nicht, weil es sich auf mehrere Schultern verteilt. Da bin ich bestimmt auch dabei. Mo (Mohamadou Idrissou, Anm. d. Red.) ist auch immer für einen Spruch gut. Da trägt eigentlich jeder immer seinen Teil dazu bei.

bundesliga.de: Sprechen wir über den sportlichen Ernst: Ihr hattet vor der Saison prominente Abgänge. Jonathan Pitroipa war absehbar. Aber jetzt sind mit Dennis Aogo und Karim Matmour zwei weitere Stammkräfte gegangen. Wie wird so ein Aderlass in der Mannschaft thematisiert?

Butscher: Wenn ich ehrlich bin, eigentlich nicht großartig. Wir wussten ja bei Pit schon lange Bescheid, dass er gehen möchte und bei Dennis Aogo hat es sich auch abgezeichnet. Der einzige, bei dem es überraschend kam, war Karim. Aber ich denke, dass wir das ganz gut kompensiert haben. Natürlich haben wir Qualität verloren, das ist ganz klar. Aber wir haben mit Julian Schuster, Suat Türker, Yacine Abdessadki und Tommy Bechmann auch Qualität hinzugewonnen. Da haben wir schon eine schlagkräftige Truppe beisammen.

bundesliga.de: Die Sie als Kapitän weiterhin aufs Feld führen werden?

Butscher: Ja, das wurde gerade gestern bestimmt. Ich bin's also weiterhin.

bundesliga.de: Gratulation.

Butscher: Dankeschön. Ich darf die Binde noch länger spazieren tragen (lacht).

bundesliga.de: Was für einen Eindruck hat der Kapitän von den Neuzugängen denn bekommen? Tommy Bechmann kennen Sie ja noch aus gemeinsamen Bochumer Zeiten.

Butscher: Richtig. Und ich wusste, was für Qualitäten er hat. Er war in Bochum aber leider immer etwas verletzungsanfällig, das war sein größtes Manko. Denn wenn er trainiert und gespielt hat, dann hat er ja auch immer seine Tore gemacht. Bis jetzt hat er jede einzelne Trainingseinheit absolvieren können und ist verletzungsfrei. Man sieht schon, dass er einiges drauf hat. Ihm fehlt zwar noch Spielpraxis, aber das wird von Tag zu Tag besser.

bundesliga.de: Die Neuzugänge haben ja alle eine offensive Ausrichtung. Bechmann wird wohl halbrechts die Matmour-Position einnehmen. Und Abdessadki ist wohl eher für die Mitte gedacht, um die Fäden zu spinnen und den entscheidenden Pass zu spielen. Blitzt da schon etwas durch?

Butscher: Bei Yacine taten wir uns am Anfang im positiven Sinn schwer. Er ist nämlich ein Spieler, der nur mit einem oder zwei Kontakten spielt. Er läuft wahnsinnig viel und bevorzugt das direkte Spiel. Da muss man sich erst mal drauf einstellen. Denn Pit und Karim waren ja eher Spieler, die über die Einzelaktion gekommen sind. Und jetzt haben wir in der Offensive eher die gradlinigeren Spieler wie Tommy, der sehr schnell ist und mit weniger Kontakten spielt, Yacine sowieso. Bei ihm sieht man, dass er wahnsinnig spielfreudig ist. Beide helfen uns auf alle Fälle weiter.

bundesliga.de: Kurzpassspiel in Richtung "one-touch-football" passt doch eigentlich ohnehin nach Freiburg.

Butscher: Auf jeden Fall. Genau das haben wir die ganze Woche auch schon trainiert. Und das hat schon wahnsinnig gut geklappt. Wir spielen im Training höchstens mit einem oder zwei Kontakten und wollen so schnell wie möglich ohne Quergeschiebe im Mittelfeld in die Spitze spielen. Dass da ab und zu mal ein Fehlpass vorkommen kann ist klar. Aber der Trainer hat gesagt, dass die Testspiele für solche Trainingsinhalte prädestiniert sind. Ihm ist am Ende egal, wenn man da auch mal ein Gegentor kassiert. Genau dieses vertikale Spiel nach vorne will er sehen. Und in Testspielen kann man das am besten üben. Und man erkennt schon, dass es mit weniger Kontakten nach vorne geht.

bundesliga.de: Und vorne wartet Suat Türker. Ist er endlich die Antwort auf die chronische Abschlussschwäche des SCF?

Butscher: Ich hoffe es! Er hat jedenfalls bisher in jedem Training und Testspiel angedeutet, warum man ihn geholt hat. Wenn eine Flanke kommt, steht er vorne am richtigen Fleck und macht die Tore. Und für nichts anderes ist er da. Bis jetzt hat das wahnsinnig gut geklappt und ich hoffe, dass das so weiter geht.

bundesliga.de: Über einen jungen Mann müssen wir auch noch sprechen: Ömer Toprak. Als Abwehrchef haben Sie sicherlich schon mit ihm trainiert. Ihr Eindruck vom großen Freiburger Abwehr-Talent?

Butscher: Ömer ist schon unheimlich weit für sein Alter. Er strahlt sehr viel Ruhe aus, ist beidfüßig und kann auch auf den Außenbahnen spielen. Er ist auf jeden Fall ein Mann der Zukunft. Man darf ihn mit all dem Lob jetzt aber nicht verrückt machen, da tut man ihm keinen Gefallen. Er kann sich hier in Freiburg in Ruhe entwickeln und ich denke, dass er den Sprung zu uns schafft, wenn alles normal läuft.

bundesliga.de: Für Freiburg unnormal offensiv und früh kam die Ausgabe Eures Saisonziels. Der Aufstieg soll her. Das klang nach einer sehr basisdemokratischen Aktion als dieser Entschluss gefasst worden ist. Wie darf man sich das vorstellen? Kam der Trainer und sagte: 'Jungs, wie sieht's aus? Was wollen wir erreichen?'?

Butscher: Ja, so ähnlich lief es eigentlich ab. Wir waren mal zwei Tage im Kurztrainingslager im Schwarzwald und haben Teambuilding-Maßnahmen gemacht. Und es lief eigentlich eher nebenbei, dass wir uns gefragt haben, was wir öffentlich nach außen als Saisonziel ausgeben sollen. Und ich muss sagen, dass ich noch nie so eine rege Diskussion innerhalb der Mannschaft erlebt habe. Ich glaube, wir haben uns über drei Stunden unterhalten und 90 Prozent waren für ein offensives Ziel.

bundesliga.de: Der SCF will an einem Strang nach oben in die Bundesliga klettern.

Butscher: Ja. Jeder Spieler von uns hat den Anspruch in die erste Liga zu kommen. Wir scheuen uns nicht davor dieses Ziel auch auszusprechen. Natürlich wissen wir, dass wir Druck bekommen, wenn es nicht klappt. Aber wir wollen Freiburg und unseren Fans zeigen, dass wir eine ehrgeizige Mannschaft mit einem großen Willen haben. Dann muss man nicht herumeiern und sagen: 'Mal schauen, was nächstes Jahr passiert.' Dieses Jahr ist es nun ganz klar und daran wollen wir uns auch messen.

bundesliga.de: Das klingt auch nach einer Antwort auf jene Kritiker, die behaupten, der Sport-Club wolle sich zukünftig mit weniger zufrieden geben.

Butscher: Absolut. Wir sind überzeugt, dass wir die Qualität haben und dass wir es nur schaffen, wenn wir alle an einem Strang ziehen. Und ich muss sagen, dass ich noch nie so ein gutes Gefühl gehabt habe wie dieses Jahr. Ich hoffe, das bestätigt sich auch. Es sind halt auch alles Typen, die noch mal hoch wollen. Ich habe letztes Jahr schon gesagt, dass ich in die 2. Bundesliga gegangen bin um aufzusteigen. Nun kommt Tommy Bechmann, um in Freiburg zwei Schritte nach vorne zu machen. Ein Suat Türker will unbedingt noch mal erste Liga spielen, ein Julian Schuster hat mit Stuttgart schon mal Erstligaluft geschnuppert. So kann man jeden Spieler hernehmen. Ich finde das positiv.

bundesliga.de: Nun gibt es neben Euch auch noch andere, die aufsteigen wollen. Nürnberg ist im Topf, Duisburg, Rostock, Mainz, eventuell wieder die "Löwen" und Fürth. Wen haben Sie als Top-Favoriten auf der Rechnung?

Butscher: Rein vom Kader her sehe ich die Nürnberger als Top-Favoriten. Wenn allerdings so eine gute Mannschaft, die eigentlich mit dem Abstieg nichts zu tun haben sollte, runter kommt, dann weiß man nie, wie sie so einen Abstieg verkraftet. Aber wenn alles normal läuft, dann wird Nürnberg wieder hoch gehen. Neben den aufgezählten Vereinen kommt noch Aachen dazu und dann haben wir acht Mannschaften, die oben mitspielen. Zwei Mannschaften sind dann vielleicht im Mittelfeld und der Rest spielt wieder gegen den Abstieg. Das macht die Liga so spannend.

Das Gespräch führte Michael Wollny