Karlsruhe - Nicht nur guter Wein braucht Zeit - auch guter Journalismus. Nach diesem Motto arbeiten Matthias Dreisigacker und Christian Pfefferle vom Magazin "Auf ihr Helden". Seit 2005 widmen sie sich auf hunderten Seiten und eben so vielen hochklassigen Fotos einem einzigen Thema: Dem derzeitigen Letzten der 2. Bundesliga, dem Karlsruher SC.

Interviews mit ehemaligen Spielern gehen schon mal über acht Seiten, der Saisonrückblick 1983/84 ("Die Meistersaison") war Thema zweier Ausgaben. Unkritische Schwärmereien sind den beiden Journalisten dabei fremd - klassische Fanzinelyrik ist nicht ihr Metier. Matthias Dreisigacker, Schreiber, Ideen- und Herausgeber der vielleicht außergewöhnlichsten Fußballpublikation der Republik, spricht im bundesliga.de-Interview über seine Leidenschaft.

bundesliga.de: Herr Dreisigacker, stellen Sie sich vor, Sie werden in einer Kneipe, in der Ihr Magazin ausliegt, auf das Heft angesprochen. Wie würden Sie in wenigen Sätzen erklären, was das Konzept ist?

Matthias Dreisigacker: Zunächst einmal, dass wir kein Fanzine machen, sondern uns mit dem KSC in seiner Zeitgeschichte journalistisch beschäftigen. Ein tiefer gehendes Konzept gab und gibt es eigentlich nicht und ergeben sich Themen oft von alleine oder spontan. Letztlich soll es aber darum gehen, dass der Verein über seine sportlichen Leistungen und alle Banalitäten des Fußballs hinaus als ein wichtiger biographischer Bezugspunkt des Menschen in seiner Region ernst genommen wird.

bundesliga.de: Egal, wie tief ein Verein sinkt - eine tiefe Verbundenheit bleibt bestehen?

Dreisigacker: Ja, der Fußballfan ist eben nicht nur Kunde einer Geschäftsidee, sondern in seiner Person selbst Teil und Akteur der Vereinsgeschichte. Das klingt zwar arg verkopft, ist aber so. Trainer, Spieler und Präsidenten sind austauschbar - was bleibt, ist der Fan, und das in der Regel vom ersten bis zum letzten Lebensjahrzehnt.

bundesliga.de: Viele Ihrer Leser werden das Heft beiseite legen und an die glorreichen alten Zeiten denken - ein beabsichtigter Effekt?

Dreisigacker: Das kann jeder Leser halten, wie er möchte. Vielleicht hat er im Mai 1983, als der KSC aus der Bundesliga abgestiegen ist, ja zum ersten Mal ein Mädchen geküsst. Oder er hat das 7:0 gegen Valencia gar nicht gesehen, weil er mit Durchfall im Bett lag. Der Leser ist vor allem eingeladen, sich daran zu erinnern, was er mit diesen drei Buchstaben schon alles erlebt hat und welche Gefühle sie in ihm auslösen.

bundesliga.de: War früher in der Branche alles besser?

Dreisigacker: Es war nicht besser. Beispiel "Vereinstreue": Viele Fans glorifizieren das ja fälschlicherweise, abgesehen davon, dass es sowieso ungerecht ist, wenn eine ganze Generation als "Söldner" verunglimpft wird. Dabei wären früher viele Spieler gerne gewechselt, wenn der Verein sie gelassen hätte, die haben sich regelrecht ausgeliefert gefühlt. Eine undankbare Sache, die den Spielern zum Teil eiskalt aufgenötigt wurde und sie noch heute beschäftigt. Es war zum Teil auch unmenschlich, wie wenig Rücksicht auf die Gesundheit der Spieler genommen wurde. Gerade die Generation der in den siebziger und achtziger Jahren Aktiven kann hier viel erzählen. Das läuft heute besser.

bundesliga.de: Unabhängig davon: Welche Spieler der letzten Jahrzehnte haben Sie beeindruckt? Und warum?

Dreisigacker: Als Zuschauer und Fan waren es vor allem Spieler wie Rudi Wimmer oder Michael Harforth, die für "meinen KSC" standen, weil sie einfach zu Stadt, Verein und Menschen gepasst haben.

bundesliga.de: Wer waren die Gesprächspartner, die Ihnen journalistisch am meisten in Erinnerung geblieben sind?

Dreisigacker: Rein menschlich und aus dem persönlichen Erleben heraus möchte ich niemandem zu nahe treten oder hervorheben. Aber Gespräche mit Stephan Groß, Ove Flindt oder dem derzeitigen U-23-Trainer Markus Kauczinski sind ein echter Gewinn. Und ganz ehrlich: Das Highlight überhaupt ist es, dass wir von unseren Lesern so sehr gemocht werden, dass sie uns auch unkonventionelle Herangehensweisen nachsehen.

bundesliga.de: Sie und Ihr Kollege Christian Pfefferle sind Fans des Vereins, legen aber größten Wert auf journalistische Unabhängigkeit. Warum ist Ihnen das so wichtig? Führt das manchmal zu Konfliktsituationen?

Dreisigacker: Es ist nicht verhandelbar, dass sich ein Journalist so unabhängig und uneitel wie möglich mit seinem Thema auseinandersetzt, selbst wenn ein Verein dies gerne anders hätte. Und es gibt schon genügend Leute im Pressebereich, die sich grotesk wichtig nehmen und sogar aktiv Vereinspolitik betreiben. Bei allem was mit uns und dem Magazin geschehen wird, werden wir in jedem Fall unsere Distanz zum Verein und dessen jeweils aktuellen Entscheidungsträgern beibehalten. Das hat es uns in den letzten Jahren zwar nicht einfach gemacht, ist und bleibt aber der anständigere Weg.

bundesliga.de: Sie haben mittlerweile 18 teils recht dicke Ausgaben produziert. Wie entstand ursprünglich die Idee zum Heldenmagazin?

Dreisigacker: Wir haben einfach festgestellt, dass wir über den KSC nicht das zu lesen bekamen, was uns interessiert hat.

bundesliga.de: Der ehemalige Sportchef der SZ, Ludger Schulze, hat das Dilemma der Printmedien mal wie folgt beschreiben: Die Leute zahlen gerne 2 Euro für einen Espresso, aber nicht mehr 1,60 Euro für das Kulturgut Zeitung. Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht? Wie bewerten Sie diesen Mentalitätswandel?

Dreisigacker: Das Urteil ist leider richtig, wir müssen diese Erfahrung leider auch machen. Nur ist es bei uns kein Espresso, sondern ein schales Bier in einem abgewetzten Plastikbecher. Da heißt es dann: Für das Geld, das ich für euer Heft bezahlen müsste, kriege ich auch ein Bier. Merkwürdig ist es, wenn das einer sagt, der erkennbar schon einige davon getrunken hat.

bundesliga.de: Das scheint Sie aber nicht nachhaltig zu entmutigen...

Dreisigacker: Nein, denn wir sind auch davon überzeugt, dass die Einsicht zurückkehren wird, für Qualität Geld ausgeben zu müssen.

bundesliga.de: Wie geht es weiter bei Ihnen?

Dreisigacker: Bis zum Sommer werden auf jeden Fall noch drei Ausgaben in der gewohnten Form erscheinen. Anschließend werden wir die bisherige Erscheinungsweise und das Format überarbeiten und weiterentwickeln. Sterben lassen wir die Helden jedenfalls nicht, obwohl es oft doch sehr undankbar ist.

Das Gespräch führte Christoph Ruf