Berlin - Als der Alptraum noch gar nicht vorbei war, da hat Duisburgs Trainer Milan Sasic schon wieder neuen Mut gefasst. "Ich habe mich eine Viertelstunde vor Schluss befreit vom Gefühl der Enttäuschung", sagte der Trainer nach dem 0:5 im Pokalfinale gegen Schalke 04 im Berliner Olympiastadion. Wenige Minuten vor Spielende war es noch einmal laut geworden in der Kurve der MSV-Anhänger. Die Fans feuerten ihr Team beim Stand von 0:5 an, als stünde das Spiel noch auf der Kippe.

"Das habe ich genossen. Die Fans haben gespürt, dass nicht mehr drin war", erklärte der Coach. Der große Ruhrpott-Nachbar hatte Sasic' "Zebras" überrollt. Zu krass war der Klassenunterschied, zu erheblich das Verletzungspech des MSV im Vorfeld. "Die Niederlage geht auch in dieser Höhe absolut in Ordnung", gab Sasic zu. "Man hat in diesem besonderen Spiel gemerkt, dass Leistungsträger gefehlt haben." Trotzdem war er sich sicher: "Diese Mannschaft wird keiner eine Verlierermannschaft nennen."

"Wir haben die Tore zu billig kassiert"

Den individuellen Qualitäten der Schalker Offensive hatten die Meidericher schlicht nichts entgegen zu setzen. Die MSV-Viererkette bekam die kombinationsstarken S04-Stars um Jefferson Farfan und Julian Draxler besonders in der ersten Halbzeit nie in den Griff.

Bei den Gegentoren durch Draxler (18.), Klaas-Jan Huntelaar (22., 70.), Benedikt Höwedes (42.) und Jose Manuel Jurado (55.) verschob die Abwehrkette entweder nicht schnell genug oder einzelne Spieler leisteten sich individuelle Patzer wie Keeper David Yelldell vor dem 0:3 und Goran Sukalo vor dem 0:5. "Wir haben die Tore zu billig kassiert", bemängelte Routinier Ivica Grlic (35), der das Team trotz seiner Muskelprobleme als Kapitän auf das Feld geführt hatte.

Und Ivica Banovic gab unumwunden zu: "Letzlich hat die individuelle Klasse entschieden. Wenn du nach 18 Minuten 0:1 hinten liegst, bist du gezwungen mitzuspielen. Das ist gegen Schalke natürlich extrem schwer." So stand bereits früh in der Begegnung fest, dass die "Zebras" auch im vierten Pokalfinale der Vereinsgeschichte am Ende ohne Pokal nach Hause fahren würden.

"Dass wir im Finale standen, ist fantastisch"

Entsprechend niedergeschlagen schlichen die Duisburger Spieler nach der Partie durch die Mixed-Zone, wo die Journalisten warteten. Die meisten der MSV-Profis antworteten nur einsilbig auf ihre Fragen. Zu groß war die Enttäuschung, hatte der Zweitligist doch von der Sensation, dem Favoritensturz geträumt.

Sportdirektor Bruno Hübner leistete psychologische Aufbauarbeit. "Wir sollen zuerst einmal genießen, was wir erreicht haben", sagte Hübner. "Dass wir im Finale standen, ist fantastisch." Der Mannschaft war das verständlicherweise ein schwacher Trost. "In unserer Kabine flossen Tränen, auch in meinen Augen", schilderte Sasic.

Sieben Spieler vor dem Abschied

Tränen der Enttäuschung mischten sich mit Tränen zum Abschied. Der MSV steht vor einem personellen Umbruch. Unter anderem werden die Leihspieler und Leistungsträger Julian Koch (BVB) und Stefan Maierhofer (Wolverhampton Wanderers) im kommenden Jahr nicht mehr für den MSV auflaufen. Dazu kommen mit Manuel Schäffler (1860 München), Ivica Banovic (SC Freiburg) und Filip Trojan (FSV Mainz 05) drei weitere ausgeliehene Akteure, die im Finale auf dem Rasen standen. Der Franzose Olivier Veigneau verlässt den Verein, Ziel unbekannt. Olcay Sahan schließt sich dem 1. FC Kaiserslautern an.

Ob Grlic, der seit der vergangenen Saison auch als Team-Manager fungiert, noch eine weitere Saison als Standby-Profi im Kader steht, ist offen. Neu zum MSV kommen Jürgen Gjasula (FSV Frankfurt), Yannick Stark (SV Darmstadt 98), Kevin Wolze, Sergej Karimow (beide VfL Wolfsburg II) sowie die beiden Cottbuser Jiayi Shao und Emil Jula.

Sasic griff nach dem emotionalen Erlebnis in der Kabine tief in die Pathoskiste: "Die Spieler haben sich hundertprozentig mit dem Verein identifiziert", schwärmte der 52-Jährige: "So viel Charakter, so viel Leidenschaft. Das ist überragend."

Party ohne Pott

Der MSV feierte anschließend trotzdem. Ohne Pokal, dafür mit bitterem Beigeschmack. Der Verein lud im Ritz Carlton am Potsdamer Platz zum Bankett. Sogar Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, war vor Ort und gratulierte dem MSV für das Erreichte.

Mittelfeldspieler Banovic brachte die Stimmungslage auf den Punkt: "Nach so einem Spiel", meinte der 30-Jährige, "schmeckt der Rotwein nicht ganz so gut."

Aus Berlin berichtet Andreas Messmer