Darmstadt - Im Stadion am Wildpark kennt sich Dirk Schuster aus. Von 1991 bis 1997 machte Schuster 167 Bundesligaspiele für den Karlsruher SC und war unter dem Trainer Winnie Schäfer in jener magischen Nacht dabei, als der KSC den CF Valencia mit 7:0 aus dem Europapokal warf.

Schuster hat seither Wurzeln geschlagen in Baden, er hat noch eine Wohnung in Karlsruhe und wenn er bei den Spielen des KSC auf der Tribüne erscheint, gibt es immer ein großes Hallo mit alten Wegbegleitern. An diesem Montag aber kommt Schuster nicht zuvorderst als Klublegende, sondern als Trainer des Gegners.

Keine Geschenke zu erwarten

Und weil den SV Darmstadt 98 auf Rang 3 nur ein Punkt vom Karlsruher SC auf Rang 4 trennt, darf Schuster bei seiner ersten Rückkehr in den Wildpark als Trainer mit den Lilien nicht auf Geschenke hoffen. Das tut einer wie Schuster aber auch nicht, er hat seinen ganz eigenen Plan, drei Runden vor Saisonende weiter im Aufstiegsrennen dabei zu bleiben. Fakt ist: Verliert Darmstadt in Karlsruhe nicht und gewinnt die beiden letzten Spiele in Fürth und gegen St. Pauli ist dem Aufsteiger zumindest Relegationsrang 3 nicht mehr zu nehmen (Tabelle).

Und bei einer Siegesserie ist vielleicht sogar der direkte Aufstieg möglich, weil der 1. FC Kaiserslautern nach der Niederlage gegen St. Pauli weiterhin nur einen Zähler vor den Lilien stand. Doch jetzt zählt erst das Spiel in Karlsruhe für Schuster. Und das geht er weiter mit der gerne gespielten Außenseiterrolle des Underdogs an. Schuster sagt: "Wir haben ohnehin schon eine überragende Saison gespielt. Für uns ist alles ein Kann, aber kein Muss." Druck spürten er und sein Team nicht, sagt Schuster: "Der liegt klar aufseiten des KSC."

Die Darmstädter gehen mit dem Rückenwind eines spektakulären 3:2-Sieges gegen Kaiserslautern in die Begegnung, während der KSC eine 1:3-Pleite bei Abstiegskandidat Aue verdauen muss. Der Sieg gegen die Pfälzer war ein typisches Darmstadt-Spiel: Die Mannschaft schaffte nach einem Rückstand noch die Wende. Das scheint auch das Motto dieses verrückten Aufsteigers, der einen sehr langen Atem im Aufstiegsrennen beweist: Rückschläge werfen dieses Team und diesen Trainer nicht aus der Bahn.

Bowlen vor dem Spitzenspiel

Jetzt, drei Runden vor Schluss, wollen die Lilien bei allem Understatement aber natürlich die Sensation schaffen und nach Spieltag 34 auf einem Aufstiegsplatz stehen. Dabei machen sie sich nicht verkrampft selbst Druck, sie schieben die Favoritenrolle lieber den anderen zu und demonstrieren Lockerheit. Am Donnerstag war die gesamte Mannschaft wie schon vor der Partie gegen Kaiserslautern Bowlen - Spaßprogramm statt Parolen.

Weh tut den Darmstädtern allerdings in Karlsruhe die Gelbsperre von Kapitän Aytac Sulu in der Innenverteidigung. "Wenn der Kapitän wegbricht, ist das schon ein Verlust", sagt der Trainer, aber Schuster ist auch überzeugt: "Benjamin Gorka wird ein würdiger Vertreter sein." Gorka ersetzte Sulu schon gut in der Vorrunde, als der Kapitän wegen diverser Gesichtsverletzungen aussetzen musste. Spannend wird sein, ob Schuster wie gegen Kaiserslautern wieder Ronny König von Beginn an als Mittelstürmer aufbieten wird, und der bislang etatmäßige Torjäger Dominik Stroh-Engel - mit neun Toren bester Torschütze der 98er - zunächst wieder auf die Bank muss. Ein Stück Unberechenbarkeit hält die Spannung im eigene Kader hoch und verwirrt den Gegner.

Doch ganz egal, wer spielt: Die Lilien-Profis dürfen sich im ausverkauften Stadion (27.500) über große Unterstützung freuen. Die 3200 Karten für ihre Fans waren alle ganz schnell verkauft. Die Euphorie in Darmstadt ist riesengroß.

Tobias Schächter