Freibeuter der Liga, Kultverein, FC Alternativ oder einfach nur "der etwas andere Fußballclub" - viele Namen stehen für den FC St. Pauli und machen eines klar: "Anders sein" ist Programm bei den "Braun-Weißen".

Die Abgrenzung von anderen Profivereinen gehört zum Selbstverständnis bei dem Stadtteilclub vom Kiez, der am Samstag seinen 100. Geburtstag feierte. Ein Jahrhundert, das 70 Jahre biederen Daseins beinhaltet, ehe vor 30 Jahren das entstand, was die Marke St. Pauli heute ausmacht.

Doctor Mabuse und die Totenkopf-Fahnen

Die Revolution auf St. Pauli beginnt Anfang der 80er Jahre. In den alternativen Stadtvierteln des Bezirks Altona wächst die Punk-Generation heran, in den maroden Häusern am Hafenrand etabliert sich eine Hausbesetzer-Szene und im Stadion des Fußballclubs St. Pauli von 1910 wehen plötzlich Totenkopf-Fahnen. Das Bindeglied nennt sich "Doctor Mabuse": Altpunk, ehemaliger Hausbesetzer und Fußball-Fan. Der heute 50-Jährige gilt als Begründer des Freibeutertums beim Kiezclub, das seit fast 30 Jahren gleichermaßen Marke und Lebensgefühl ist.

"Ich habe damals auf dem Dom eine Totenkopf-Flagge gekauft, sie an einen Besenstil getackert und mit ins Stadion geschleppt", sagt "Doc Mabuse", der damit ungewollt einen Marketing-Coup landet. Es dauert nicht lange, bis die ersten dem Beispiel folgen, und bald schon wehen Dutzende von Piratenflaggen auf der Gegentribüne, die so zur Brutstätte einer alternativen Fanbewegung wird. Die linke Szene der Hafenstraße entdeckt den bis dahin eher biederen Stadtteilclub für sich und hat in Torwart Volker Ippig seine Identifikationsfigur.

Politisch auf Rängen und Rasen

Ippig, der von 1986 bis 1992 das St. Pauli-Tor hütet, ist der Gegenentwurf zum gemeinen Typus des Fußballprofis. Er ist bekennender Linker, hat als Aufbauhelfer in Nicaragua gearbeitet und zeitweilig in einem besetzten Haus an der Hafenstraße gewohnt. Alte Paulianer, wie der heutige Club-Organisationsleiter Sven Brux, erinnern sich gerne daran, wie Ippig damals "mit langen Haaren auf dem Platz steht und der Gegengerade die erhobene Faust, den Gruß der Arbeiterbewegung, entgegenreckt".

Brux hat die Jahre des Umbruchs miterlebt. Die Wandlung vom kleinbürgerlichen Fußballverein im steten Auf und Ab zwischen 1. und 3. Liga zum Kultverein und kulturellen Schmelztigel. "Anders sein" ist das Motto. Und so geht vom Millerntor ab Mitte der 80er Jahre ein klarer Widerstand gegen den auch im Fußball um sich greifenden Rechtsextremismus aus. Eine Gegenbewegung, die Brux "antifaschistische Politik im Stadion" nennt.

Umschwung zur Wirtschaftlichkeit

Nicht alle, die bei St. Pauli anheuern, verinnerlichen das alternative Lebensgefühl - aber erstaunlich viele. Helmut Schulte ist so einer. Als der heutige Manager 1984 zu den Hamburgern kommt, wird er im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme Jugendtrainer.

Später steigt er zum Chefcoach auf und führt den Club in seiner ersten Saison 1987/88 gleich zum Bundesligaaufstieg. "Schon damals herrschte eine unvergleichliche Atmosphäre, gerade durch die Verbundenheit mit dem Stadtteil", sagt der heute 52-Jährige.

Nach seiner Entlassung 1991 und einem kurzen Intermezzo als Manager in den 90er Jahren heuert Schulte 2008 zu dritten Mal bei St. Pauli an - doch inzwischen hat sich der Verein erneut stark verändert. Nach einem über zweieinhalb Jahrzehnte währenden Überlebenskampf hat sich St. Pauli seit 2003 auf den Weg der wirtschaftlichen Konsolidierung begeben. Das ist das Jahr, in dem Corny Littmann Präsident wird.

"Seele ist noch intakt"

Am Ende der Zweitligasaison 2002/03 ist der Abstieg in die Drittklassigkeit perfekt und Schulden in Millionenhöhe bedrohen die Existenz des Vereins. Der drohende Lizenzentzug wird nur durch die aufsehenerregende "Retter"-Kampagne abgewendet, bei der unter anderem durch den Verkauf von 140.000 T-Shirts und einem Benefizspiel gegen den "Klassenfeind" FC Bayern mehr als zwei Millionen Euro generiert werden. Littmann - Schauspieler, Theater-Betreiber, Grünen-Politiker der ersten Stunde und Vorkämpfer für die Rechte der Homosexuellen - steht an der Spitze des Aufschwungs - und der neuen Nachhaltigkeit.

"Wir haben die Vereinsstukturen professionalisiert ohne dabei die Seele des Clubs zu beschädigen", sagt Schulte, der gemeinsam mit Littmann und Kult-Trainer Holger Stanislawski die erfolgreiche, erfolgsorientierte und dennoch bodenständige Troika an der Spitze des Vereins bildet. Ein Großteil der Fans steht indes trotz fortschreitender Kommerzialisierung des Vereins immer noch für linke Gegenkultur. Und so kann sich der FC St. Pauli auch in der modernen Fußballwelt weiter als "der etwas andere Club" etablieren.