Köln - Die Würzburger Kickers setzen auch in der 2. Bundesliga ihren Siegeszug der letzten Jahre fort. Der Aufsteiger hat nach acht Spieltagen bereits 14 Punkte auf dem Konto und als Fünfter Kontakt zur Spitzengruppe. Doch zunächst einmal sammeln die Kickers fleißig Punkte gegen den Abstieg, wie Kapitän Sebastian Neumann im exklusiven Interview mit bundesliga.de versichert.

bundesliga.de: Sebastian Neumann, wie habe ich mir im Augenblick die Stimmung in Würzburg vorzustellen? Befindet sich die Stadt im Zustand kollektiver Dauereuphorie?

Sebastian Neumann: Man erkennt schon, dass die Euphorie gerade nach dem Aufstieg in die 2. Bundesliga groß ist. Trotz aller Freude wissen die Leute aber auch, wo wir herkommen und wo wir noch vor zwei Jahren standen (in der Regionalliga, die Red.). Für sie ist das alles noch ein kleiner Traum. Sie genießen es und wollen alles Positive der letzten Wochen einfach mitnehmen.

bundesliga.de: Das wird der Mannschaft sicher nicht anders gehen. Sie spielen vor ausverkauftem Haus, haben schon 14 Punkte auf dem Konto und stehen auf Platz 5 (zur Tabelle). Wie stabil ist die Mannschaft schon?

Neumann: Wir sind für einen Aufsteiger sehr gut gestartet, wir hatten eine knallharte, aber auch sehr gute Vorbereitung. Im läuferischen Bereich haben gerade wir Neuen sehr gut zugelegt. Wir dürften zusammen mit die athletischste Mannschaft der Liga sein. Das kommt uns in den Spielen zugute. Wir können fußballerisch immer nachlegen und noch dazu die berühmte Extrameile gehen. Wir sind taktisch absolut variabel, können viele Systeme spielen und sind so für jeden Gegner schwer ausrechenbar. Das war in den ersten acht Spielen unser großes Plus. Wir sind zufrieden mit der Punkteausbeute gegen absolut starke Gegner. Im Pokal ist es uns gelungen, mit Eintracht Braunschweig auch den Tabellenführer zu bezwingen. Wir haben alle gesehen, dass wir gegen jede Mannschaft mithalten und können. Das ist das Resümee der ersten acht Spieltage.

bundesliga.de: Sie selbst sind erst seit dieser Saison in Würzburg. Hat es Sie überrascht, dass die Truppe den Übergang von der 3. Liga in die 2. Bundesliga so gut hinbekommen hat?

Neumann: Ja, wenngleich das für mich nicht ganz so überraschend kommt, weil ich in den ersten Wochen der Saisonvorbereitung gesehen habe, welche Qualität in der Mannschaft steckt. Ich kenne als etwas erfahrenerer Spieler, der auch schon in der 2. Bundesliga gespielt hat, die Qualität der 2. Bundesliga. Und ich wusste, dass wir, wenn wir Woche für Woche unsere Leistung bringen, auch in dieser Liga mithalten können. Trotzdem müssen wir auf dem Boden und realistisch bleiben. Wir sammeln Spieltag für Spieltag Punkte für den Klassenerhalt. Nichts anderes.

"Ich will Verantwortung übernehmen"

bundesliga.de: Bernd Hollerbach hat Sie, obwohl sie noch nicht so lange im Verein sind, zum Kapitän gemacht. Wie hat Ihnen der Trainer das begründet?

Neumann: Für mich kam das überraschend. Einen Tag, bevor er es verkündet hat, hat er mich gefragt, ob ich mir vorstellen kann, Kapitän zu sein. Ich habe natürlich sofort ja gesagt, weil ich ja etwas Erfahrung mitbringe und wir eine relativ unerfahrene Mannschaft haben. Ich bin eine Führungspersönlichkeit und will auch Verantwortung übernehmen. Ich habe mich über das Vertrauen des Trainers sehr gefreut. Er hat es damit begründet, dass ich in den ersten Wochen der Vorbereitung stets sofort Verantwortung übernommen und auch als neuer Spieler die jungen Spieler geführt habe. Ich habe mich in der Mannschaft sofort wohl gefühlt. Und meine Leistungen waren in der Vorbereitung wohl nicht ganz so schlecht.

bundesliga.de: Wie erleben Sie Bernd Hollerbach? Ist er der unumstrittene Boss, lässt er mit sich reden?

Neumann: Er ist einer, der sehr viel arbeitet, gerade im taktischen Bereich sind wir so sehr flexibel geworden und nicht auf ein Schema festgelegt. Die Mannschaft steht bei ihm über allem. So habe ich ihn kennengelernt, so bringt er es auch der Mannschaft rüber. Er verlangt sehr viel von uns und erwartet, dass wir diese Einstellung auch mitbringen. Ich komme mit ihm persönlich sehr gut klar und denke die ganze Mannschaft auch. Wir wissen, was wir an ihm haben und umgekehrt auch. Wir geben immer Vollgas und sind bereit, alles aus uns herauszuholen. So ergänzt es sich sehr gut. Und seine Türe steht für uns Spieler immer offen.

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bundesliga.de: Sie selbst haben bei Hertha BSC auch schon Bundesliga-Luft geschnuppert. Ist es für Sie noch ein Traum, noch einmal in der Bundesliga zu spielen?

Neumann: Auf jeden Fall, mit 25 Jahren ist das sicher noch mein Ziel.

bundesliga.de: Mit den Würzburger Kickers?

Neumann: (lacht) Ich wusste, dass die Frage kommt.

bundesliga.de: Der SV Darmstadt 98 hat den Durchmarsch vor zwei Jahren vorgemacht.

Neumann: Ja, das war eine außergewöhnliche Geschichte, nicht umsonst reden viele von einem Märchen. Würzburg hat mit den beiden Aufstiegen von der Regionalliga in die 2. Bundesliga auch zwei außergewöhnliche Geschichten geschrieben. Wir müssen bei all den Erfolgen aber realistisch bleiben. Wir sammeln erst einmal Punkte für den Klassenerhalt. Vielleicht klappt es mal in der Zukunft, warum nicht? Aktuell ist das überhaupt kein Thema. Wir haben in dieser Saison noch einen langen Weg zu gehen, da lassen wir uns von der aktuellen Momentaufnahme auch nicht blenden.

bundesliga.de: Nach der Pause geht es mit dem Auswärtsspiel bei Arminia Bielefeld weiter. Die Westfalen haben noch kein Spiel gewonnen, was die Aufgabe aber vermutlich nicht einfacher macht?

Neumann: Nein, natürlich nicht. Die 2. Bundesliga ist verrückt, jeder kann jeden schlagen. Wir müssen wieder unsere Leistung abrufen wie zuletzt gegen den TSV 1860 München. Wir müssen defensiv kompakt stehen und aggressiv in den Zweikämpfen sein, dazu wollen wir wieder mutig agieren, nicht reagieren. Dann ist es sehr unangenehm, gegen uns zu spielen. Vorne sind wir zurzeit eiskalt und nutzen unsere Torchancen. Genau das müssen wir wieder abrufen. Mein Ziel ist es, drei Punkte aus Bielefeld mitzunehmen. Denn wenn wir auf den Platz gehen, wollen wir auch gewinnen. So gehen wir Spiele an. In der Vorbereitung, in der Liga und im Pokalwettbewerb.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski